Alle lieben Bernie

Bernie Sanders wird die Vorwahl heute in New Hampshire wahrscheinlich gewinnen. Sein Aufstieg ist auch ein später Sieg für die Occupy-Bewegung.

Er verkörpert altmodische Tugenden wie Glaubwürdigkeit – und damit für viele Amerikaner die Zukunft.

Er verkörpert altmodische Tugenden wie Glaubwürdigkeit – und damit für viele Amerikaner die Zukunft. Bild: John Minchillo/Keystone

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Es ist von einer Revolution die Rede, und sie wird angeführt von einem 74-Jährigen Mann aus Vermont, der aussieht wie ein grimmiger Mathematiklehrer in Rente. Bernie Sanders wurde über Monate ignoriert und belächelt, er sei zu alt und zu radikal. Seit ihm in Iowa vergangene Woche gerade einmal 0,3 Prozent der Stimmen auf die ehemalige Aussenministerin Hillary Clinton fehlten, wird er vom Parteiestablishment der Demokraten gefürchtet.

In New Hampshire, wo heute Abend die Vorwahl stattfindet, wird Bernie ­Sanders höchstwahrscheinlich gewinnen. Manche vergleichen seinen rasanten Aufstieg bereits mit dem Barack Obamas, der 2008 wie Sanders heute ebenfalls gegen Hillary Clinton antrat. Clinton verlor in Iowa gegen Obama, gewann aber in New Hampshire und die Frage lautete damals, ob die USA bereit wären für einen jungen, afroamerikanischen Präsidenten? Heute fragen sie sich: Ist das Land bereit für einen alten ­Sozialisten?

Sanders ­verkörpert vermeintlich altmodische Tugenden wie Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit. Foto: John Minchillo (AP)

Sanders Erfolg und seine Popularität hat er in erster Linie jungen Menschen wie Mike und Kate zu verdanken, die aufgeregt in der Arena in Manchester auf ihn warten. Mike studiert Architektur, seine Freundin Kate ist Krankenschwester, sie sind beide Mitte zwanzig, Millennials werden sie von Soziologen genannt, es ist Sanders’ bevorzugte Altersgruppe: Von den 17- bis 29-Jährigen stimmten in Iowa 84 Prozent für ihn.

«Er tut, was er sagt»

«Barack Obama war für unsere Gene­ration sehr wichtig», sagt Mike, «er versprach uns Wandel, so wie vielleicht Bill Clinton der Hoffnungsträger für meine Eltern war.» Jetzt aber wolle er je­manden wählen, der Wandel nicht nur verspreche, sondern auch umsetze, sagt Mike, er will «Bernie! Bernie!», so schreit er von der Tribüne, als Sanders endlich auf die Bühne tritt. «Bernie ist kein Produkt von Beratern, sondern ein Mensch, der tut. was er sagt», schreit Mike gegen den Lärm der Masse an.

Während sich die verbliebenen neun Kandidaten der Republikanern pausenlos darum streiten, wer mehr Stärke und Leadership verkörpere und das Land am ehesten vor all den Gefahren beschütze – und sich bei Hillary Clinton ­alles um ihre 25-jährigen Erfahrungen dreht –, verkörpert Sanders ­vermeintlich altmodische Tugenden wie Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit, die sich aber gerade junge Wähler von Politikern erhoffen. «Wir sind mit Fernsehen und Internet aufgewachsen. Wir wollen keine Stars, und wir erkennen die Blender. Wir wollen Authentizität», sagt Kate.

Bernie Sanders ist stolz darauf, noch nie einen Smoking getragen zu haben.

Man erkennt die Unterschiede zwischen Clinton und Sanders auch anhand ihrer Wahlkampfvideos. Während Clinton viel von ihrer Zeit im Aussenministerium und ihren Treffen mit den Präsidenten der Welt spricht, ist von Sanders kein einziges Wort zu hören; dafür trällern ­Simon und Garfunkel im Hintergrund, und statt mächtige Männern sieht man lächelnde Familien und Bauern in schmutzigen Gummistiefeln. Sanders ist kein Hippie, aber er ist stolz darauf, noch nie einen Smoking getragen zu haben.

Die Schlüsselerlebnisse der Millen­nials wie Mike und Kate waren nicht der Fall der Berliner Mauer und der Zu­sammenbruch der Sowjetunion – deshalb stört es sie auch nicht, wenn sich Sanders als Sozialist bezeichnet. Was Millennials hingegen prägte, war der 15. September 2008, als die Bank Lehmann Brothers in New York kollabierte und die ganze Welt mit in die Krise riss.

Bis über beide Ohren verschuldet

Es war die Gier der reichsten ein Prozent Amerikas, die sie wachrüttelte – und es war die Occupy-Bewegung, die zwar viele als gescheitert bezeichnen, weil sie ja doch nichts bewirkte, aber sie hat die Mikes und Kates dieses Landes politisiert. Jetzt stehen sie vor den Wahllokalen bereit, um über ihre Zukunft abzustimmen, und die sieht nicht besonders gut aus: Die Einkommen steigen zwar seit 2010 wieder an, sind aber sehr ungleich verteilt. Während die Reichen immer reicher werden, wächst die Kinderarmut, der Mittelstand erodiert, 50 Prozent der unter Dreissigjährigen sehen ­einem Leben entgegen, das schlechter ist als das ihrer Eltern.

Mike und Kate sind, wie 40 Millionen andere ihrer Altersgruppe auch, bis über beide Ohren verschuldet, weil sie Geld für ihre Ausbildung aufnehmen mussten, das ihnen jetzt fehlt, um von zu Hause auszuziehen. «Ihr könnt den ökonomischen Aufschwung weder sehen, spüren noch ­davon profitieren, stimmts», schreit Sanders in sein Mikrofon, seine Stimme ist von all den Auftritten heiser, was ihn noch zorniger wirken lässt. Mike und Kate schreien: «Bernie! ­Bernie! Bernie!»

Gegner von Erdölgiganten

Sanders will die Studiengebühren abschaffen, die Minimallöhne gesetzlich auf 15 Dollar anheben und eine Einheitskrankenkasse nach kanadischem Vorbild einführen – bezahlen will er das alles mit hohen Steuern auf die Einkommen der Superreichen. Er kritisiert das Nord­amerikanische Freihandelsabkommen (Nafta) seit Jahren, weil es für Mexiko ein Desaster sei, und kämpft folgerichtig auch gegen das Handelsabkommen mit der EU (TTIP). Sanders will die Kam­pagnenfinanzierung reformieren, damit es Unternehmen in Zukunft nicht mehr möglich ist, mit ihren Millionen von ­Dollar die Präsidentschaftswahlen Amerikas zu beeinflussen. «Warum verleugnen die Republikaner die Klimaveränderung?», fragt er ins Publikum, als hielte er eine Vorlesung. «Nicht, weil sie keine Studien lesen können, sondern weil sie ansonsten kein Geld mehr von den Koch-Brüdern erhalten, den Erdölgiganten, die alles in diesem Land bestimmen.»

Als Barack Obama von einem Komiker vor Wochen gefragt wurde, mit welcher Sportart Politik am ehesten zu vergleichen sei, antwortete er: «Mit Football.» Viel hänge von der Aufstellung ab, es gäbe Zerschleiss und harte Kämpfe, dann aber ergebe sich auf einmal ein Loch, das Feld öffne sich, und man müsse nur hindurch. Es scheint, als habe Bernie Sanders ein solches Loch gefunden, mit jedem Tag macht er an Boden gut und gewinnt an Popularität. Dieselben Experten, die ihn immer ignorierten, prophezeien nun ein Ende ­seines Laufes bereits im März, wenn im Süden gewählt wird. Aber ein schlüssiges Argument, warum Sanders in Staaten weniger beliebt sein soll, in denen der Anteil Afroamerikaner oder Latinos höher ist als hier oben an der Ostküste, haben sie nicht zur Hand. Und was, wenn ihm gar der Durchmarsch gelingt?

«Als wären wir in die Vergangenheit gereist.»Kate über einen TV-Auftritt der Clintons

Sanders hat es in wenigen Monaten nicht nur geschafft, das junge und bunte Amerika für sich zu gewinnen und aus ­einer Starre zu befreien, er hat auch ­Hillary Clintons Schwächen offenbart. Denn neben seiner Glaubwürdigkeit, für die Sanders steht, wirkt Clinton immer zwielichtiger. So kritisierte auch sie die Exzesse an der Wallstreet, musste aber zugeben, für ihre Reden vor den Banken 600'000 Dollar kassiert zu haben. Nun weigert sie sich, die Protokolle zu ver­öffentlichen, und schon wieder hat sie einen dieser Makel an der Ferse, die sie schwer losbekommt.

Hillary Clinton erinnert die Menschen an das dunkle Spiel, das der Politik eigen ist, ihre 25 Jahre ­zeigen auf, was alles nicht möglich ist; Sanders hingegen weckt den Idealismus und lässt seine Anhänger von einer besseren Welt träumen. Während man bei Clinton-Anlässen höflich applaudiert, wenn sie von Fortschritt spricht, wird bei Sanders geschrien und gestampft. Denn er verkündet die Revolution.

Mike und Kate erzählen nach dem Auftritt in Manchester, sie hätten vor ein paar Tagen die Clintons im Fernsehen gesehen: Hillary, ihren Mann Bill und die Tochter Chelsea, «es war, als wären wir in die Vergangenheit gereist», sagt Kate. «Wir aber wollen die Zukunft.»

Erstellt: 08.02.2016, 20:41 Uhr

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