«Alles war darauf ausgelegt, mich zu demütigen»

Der Autor des Guantánamo-Tagebuchs kommt heute frei. Welche Folter er in 14 Jahren ohne Prozess erleben musste.

Mohamedou Ould Slahi wurde ohne Prozess 14 Jahre lang gefangen gehalten und gefoltert.

Mohamedou Ould Slahi wurde ohne Prozess 14 Jahre lang gefangen gehalten und gefoltert. Bild: AFP

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Es sind schockierende Details, die in «Das Guantánamo-Tagebuch» veröffentlicht wurden. Die Schilderungen von Mohamedou Ould Slahi sind nüchtern und detailliert verfasst und geben einen tiefen Einblick in eines der dunkelsten Kapitel des amerikanischen Militärs. Der Verfasser: ein heute 45-jähriger Mauretanier, der an der Planung des vereitelten Millenium Plot verantwortlich gewesen sein soll, einem Attentat auf den Flughafen von Los Angeles – nachgewiesen wurde das gleichwohl nie. Seinen Bewachern war er besser bekannt als «Motherfucker» und «Piece of Shit».

Mit Schlafentzug, Endlosverhören, Verlegung in eine Kältekammer mit rund zehn Grad Celsius, durch Schläge und Beleidigungen soll er eingeschüchtert, gedemütigt, zermürbt und so zum Geständnis gezwungen werden. So erzählte er im 459 Seiten umfassenden Buch, aus dem unter anderem «Die Zeit» zitiert, dass er von weiblichen US-Beamten gezwungen wurde, «in absolut entwürdigender Weise bei einem Dreier mitzumachen. Gleichzeitig gaben sie obszönes Zeug von sich und machten an meinem Intimbereich rum.» Eine der Frauen habe angegeben aufzuhören, sobald er kooperiere. «Alles war darauf ausgelegt, mich zu demütigen.»

Mit Inhaftierung der Mutter gedroht

2005 schrieb er die Zeilen handschriftlich auf Englisch, obwohl das seine vierte Sprache war (besser beherrscht er Arabisch, Französisch und Deutsch) und er sie von seinen Peinigern in Guantánamo lernte. Wohl eine Massnahme, um bei seinen US-Anwälten und Richtern auf mehr Verständnis zu stossen. Mit den Wärtern durfte er sich jedoch nicht immer in deren Landessprache unterhalten: «Wir wollen nicht, dass ihr Englisch sprecht. Wir wollen, dass ihr langsam sterbt.» Trotz heftiger Gegenwehr zu Beginn wurde das vom Militär als geheim eingestufte Manuskript mitsamt Namen aller Beteiligten veröffentlicht. Das Tagebuch wurde von der Militärzensur an über 2600 Stellen geschwärzt – einige Strecken im Buch enthalten keine Wörter, nur Balken – und umfasst die Zeit von Januar 2000 bis September 2005. Nicht zensiert werden konnten beispielsweise seine intellektuelle Überheblichkeit den Amerikanern gegenüber oder sein Restbestand an Humor, mit dem er jeweils auf die Tortur konterte.

Unter Anleitung des ehemaligen Navy-Reserve-Offiziers Richard Zuley wurde Slahi in Kältekammern gesteckt, in Eiswasser getunkt, in abgedunkelter Zelle mit lauter Musik beschallt und eines Nachts aufs offene Meer hinausgefahren. Seine Augen waren verbunden, Zuley log Slahi vor, man habe seine Mutter entführt und bringe sie nach Guantánamo, einem reinen Männerlager. Der Gefangene kritisierte dies als Unrecht, worauf Zuley erwidert haben soll: «Ich bin nicht hier, um Gerechtigkeit herzustellen. Ich sorge dafür, dass keine Flieger unsere Städte zerstören.» Ebenfalls nahmen die Bewacher ihm den Koran ab, verboten ihm religiöse Exerzitien. Slahi weigerte sich vor einem Verhör, Nahrung zu sich zu nehmen, damit er nicht zur Verrichtung seiner Notdurft gezwungen werden konnte.

Mehrfach verhört

Zwölf Jahre lang lebte er in Deutschland, studierte mit einem Stipendium an der Carl-Duisberg-Gesellschaft Elektrotechnik. Slahi schätzte das deutsche Rechtssystem, dass deutsche Männer toleranter gegenüber Homosexuellen als amerikanische sind. Amerika, das ist für ihn das Land, in dem christliche Terrororganisationen «sämtliche Freiheiten geniessen». 1991 und 1992 verbündete er sich mit al-Qaida, wie Slahi zugab, jedoch nicht im Angriff gegen die USA, sondern in einem wochenlangen Kampf gegen das kommunistische Regime in Kabul – mit Billigung der Amerikaner.

Im Februar 2000 wird er erstmals von den US-Behörden in Mauretanien aufgegriffen, verhört und anschliessend wieder freigelassen. Anderthalb Jahre später, drei Wochen nach den Anschlägen von 9/11 wird er wieder verhaftet und vom FBI als unschuldig eingestuft. Dennoch wird Slahi Ende November 2001 nach Jordanien verschleppt. Seiner Mutter sagte er damals: «Keine Sorge, ich bin bald wieder zu Hause.» Er irrt: Sieben Monate lang wird er verhört, dann wird er nackt und in Ketten nach Bagram in Afghanistan geflogen, Anfang August 2002 weiter nach Guantánamo.

Offiziell angeklagt wurde er nie, aber sein Profil ist für die Ermittler zu verlockend. Da war die Vergangenheit mit al-Qaida, damals jedoch noch im Verbund mit den USA, und die Tatsache, dass der Bruder seiner inzwischen geschiedenen Frau ein theologischer Berater Osama Bin Ladens war. Einer der US-Vernehmungsbeamten beschreibt ihn als einen Forrest Gump, der ständig nahe al-Qaida aufgetaucht sei, aber nie etwas getan habe.

Frei, nach knapp einem Drittel seines Lebens in Haft

Aus einem gefährlich niedrigen Blutdruck wird im Lauf der Gefangenschaft ein gefährlich hoher, Slahi leidet unter chronischen Ischias-Schmerzen, Depressionen, Unterernährung. Jahrelang wird Slahi gefoltert, irgendwann wird er gebrochen und er beschloss, die Aussagen zu machen, die die Amerikaner hören wollen. Mehr als tausend Seiten umfasste das erquälte Geständnis, schrieb Slahi in seinem Buch. Vor Gericht waren diese Dokumente dann jedoch nichts wert.

Anfang 2010 wurde eine Freilassung angeordnet – Slahi hatte auf Grundlage des Habeas-Corpus-Gesetzes erfolgreich auf Haftprüfung geklagt – die Obama-Regierung legte jedoch Berufung ein. Der Fall müsse genauer überprüft werden. Heute, nach 14 Jahren, knapp einem Drittel seines Lebens, kommt Slahi endgültig frei. (fas)

Erstellt: 18.10.2016, 15:24 Uhr

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