America first

Donald Trump fackelt nicht lange. Er sagt, viel werde sich ändern, sehr viel. In der US-Hauptstadt wurde zuerst gejubelt, dann protestiert.

«Amerika zuerst, Amerika zuerst»: Auszüge aus Trumps Antrittsrede. Video: Tamedia/AFP/Reuters

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Mit wem man in Washington D.C. dieser Tage auch sprach, man hörte immer wieder einen Satz: «Ich kann nicht glauben, dass es passiert.» Amerikas Hauptstadt ist eine Bastion der Liberalen, 91 Prozent der Washingtoner hatten für Hillary Clinton gestimmt. Nun mussten sie gequält mitansehen, wie die ganze Woche über immer mehr Menschen aus allen Ecken des Landes mit roten Donald-Trump-Mützen ihre Stadt besetzten.

Am Freitagmittag sollte es dann doch passieren. Mit der Hand auf der Bibel, legte der etwas angespannt wirkende Geschäftsmann aus New York auf den Stufen des Kapitols den Eid als 45. Präsident der Vereinigten Staaten ab.

Hunderttausende verfolgten danach die Antrittsrede Donald Trumps unter einsetzendem Nieselregen. Wie schon im Wahlkampf so versprach er auch jetzt, für Jobs zu sorgen und dafür, dass Amerika wieder gewinnen werde. Er werde sichere Grenzen schaffen, bessere Strassen bauen und einen Wirtschaftsaufschwung bewirken, von dem alle profitierten. «Wenn Amerika vereint ist, ist das Land nicht aufzuhalten.» Es sind Ankündigungen, an denen er sich in vier Jahren messen lassen muss. Mehr als einmal wiederholte der neue Präsident seine alte Parole: «America First»; den islamistischen Terrorismus werde er «auslöschen», vorbei seien die Zeiten, in denen nur geredet werde, aber «nicht gehandelt», sagte Trump. Es waren Worte, die wohl an seinen Vorgänger Barack Obama gerichtet waren, der nur wenige Meter hinter ihm sass.

«Nazis» und «Kommunisten»

Die Rede wird allen Trump-Fans gefallen haben – die Skeptiker allerdings werden skeptisch bleiben, und die Demonstranten hinter den Absperrgittern hielten Transparente in die Luft mit den Worten: «Jetzt beginnt das dunkle Zeitalter.» Tatsächlich zeigte sich Trump wenig versöhnlich, Hillary Clinton erwähnte er nicht mit einem Wort. Statt symbolisch die Arme auszustrecken, ballte er während seinen letzten Worten die Hand zur Faust: «Gott schütze Amerika.»

Noch während Donald Trump und sein Vize Mike Pence den Obamas nachwinkten, die mit dem Hubschrauber nach der Amtseinsetzung in den Urlaub flogen, trafen rund ums Kapitol erste Trump-Demonstranten auf Trump-Unterstützer, was zum Teil aussah, als sei man bei einem Fussballderby. Einige Hundert schwarz gekleidete, vermummte Demonstranten zogen randalierend durch das Zentrum der US-Hauptstadt. Die Trump-Gegner warfen Steine, zerstörten Schaufensterscheiben und nannten jeden, der eine Trump-Mütze anhatte, Nazi. Worauf sie sich anhörten mussten, sie seien Kommunistenschweine.

Monica-Lewinsky-T-Shirts

Die Stadt Washington hatte sich seit Wochen auf die Menschenmassen vorbereitet. Seit Tagen stehen an jeder Strassenecke Polizisten hinter Absperrgittern. Daneben verkaufen fliegende Händler ihre T-Shirts: Obama, Trump, Monica Lewinsky, Martin Luther King – die jüngere amerikanische Geschichte auf buntem Jersey für 20 Dollar. Die Restaurants haben ihre Öffnungszeiten verlängert, «weil wir alle ein paar Drinks brauchen», wie es in der «Washington Post» hiess. Auch die Metro bat vorsorglich um Verständnis, es könne etwas chaotisch werden, was mit Hohn quittiert wurde, weil die U-Bahn in DC immer Verspätung hat.

Nach seiner Rede verschwand Donald Trump, so will es das strenge Protokoll dieses ersten Tages, zum Lunch mit den Mitgliedern des Kongresses. Es gab Hummer an Safransauce, danach Angus-Beef und Schokoladen-Soufflé. Dazu wurden amerikanische Weine serviert, die Trump aber nicht anrührte. Der neuerdings mächtigste Mann der Welt ist, obwohl er einst einen Wodka unter seinem Namen vertrieb, bekennender Abstinenzler.

Toby Keith macht Stimmung

Die Familie des neuen Präsidenten war schon am Donnerstag in Washington eingeflogen, wo am Abend vor dem Lincoln-Memorial ein Willkommenskonzert stattfand; dieses offenbarte, was Donald Trump gerne verschweigt: Er tritt sein Amt mit sinkenden Umfragewerten an und kam jüngst nicht über 40 Prozent Zustimmung. Auch unter Musikern – und Künstlern generell – hat er wenige Freunde. Nichts gegen den Countrysänger Toby Keith und die wackere Rockband 3 Doors Down, die auf der Bühne standen und eine gute Stimmung erzwingen wollten: Das Publikum blieb zurückhaltend, daran konnte auch das Feuerwerk nichts mehr ändern. Die grossen Namen fehlten. Bruce Spring­steen, Jennifer Lopez, The Beach Boys, sie alle hatten abgesagt.

Das ging auch anderen so: Mehr als 60 demokratische Kongressmitglieder hatten angekündigt, der Inauguration fernzubleiben. Einige protestierten gegen Trumps «Politik der Spaltung». Andere kritisierten die «ungeklärte Beziehung zu Wladimir Putin». Der bekannte Bürgerrechtler John Lewis hatte Donald Trump schon zuvor als «illegitimen Präsidenten» bezeichnet.

Die Flitterwochen

Die Wochen zwischen der Präsidentschaftswahl im November und den ersten Tagen im Weissen Haus werden in den USA «Honeymoon» genannt. Traditionell schiesst die Beliebtheitskurve des neuen Präsidenten in ebendiesen Flitterwochen nach oben. Amerika ist ein Land, das den Wandel liebt. Barack Obama erhielt vor acht Jahren in seiner ersten Zeit 70 bis 80 Prozent Zustimmung. Trump hingegen hat schon als Kandidat der Republikaner polarisiert, er polarisierte als President-elect und sieht sich nun mit der Tatsache konfrontiert, dass an diesem Samstag, seinem ersten vollen Arbeitstag als Präsident, Hunderttausende im ganzen Land gegen ihn protestieren wollen. Flitterwochen sehen anders aus. Nachdem es am Freitag schon zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei kam, werden heute 250'000 Menschen beim Women’s March in Washington erwartet. In Hunderten Städten soll es ähnliche Märsche geben. «Wir wollen dem Präsidenten zeigen, dass wir seine Amtszeit von Beginn an kritisch begleiten», sagt Sprecherin Cassady Fendlay.

Ganz ähnlich äusserte sich der scheidende Präsident Barack Obama in seiner letzten Pressekonferenz. Er hat zwar angekündigt, sich rarmachen zu wollen, allein schon deshalb, «weil ich meine eigene Stimme im Fernsehen nicht ertrage». Er wolle mit seinen Kindern zusammen sein und «vielleicht etwas schreiben», sagte Obama. Zum Schluss seiner Amtszeit begnadigte er noch 330 Häftlinge und transferierte vier weitere Guantánamo-Gefangene ins Ausland, womit sich jetzt noch 41 Insassen im US-Militärgefängnis auf Kuba befinden, das Obama eigentlich schliessen wollte. An die Adresse Trumps gerichtet, zog er vor den Medien Mitte Woche gleich mehrere rote Linien: Er werde sich zurückmelden, falls er systematische Diskriminierung beobachte, falls die Presse eingeschüchtert werde oder falls man Kinder, die in den USA aufgewachsen seien, abschieben wolle.

Gemeinsam beim Tee

Zu Recht bangt Obama um sein politisches Erbe. Als er kurz vor Trumps Rede auf die Bühne trat, begannen viele Trump-Anhänger zu pfeifen und zu buhen. Trump hat seinen Wählern versprochen, viele Verordnungen, Gesetze und Abkommen zu annullieren, die unter seinem Vorgänger in Kraft gesetzt wurden. So soll Obamas Gesundheitsreform fallen. Trump will zudem Obamas Klimaverordnungen rückgängig machen, «gleich am ersten Tag im Oval Office»; und er wird einen neuen Richter für den obersten Gerichtshof ernennen.

Bevor sich der neue und der alte Präsident aber in die Haare geraten, was nur eine Frage der Zeit sein wird, tranken sie am Freitag vor Trumps Einsetzung im Weissen Haus ganz gesittet Tee, in Begleitung ihrer Gattinnen. Der Tee gehört genauso zum Protokoll wie die Übergabe der Nuklearcodes. Vom gestrigen Tag an wird ein Offizier den Atomkoffer, auch Football genannt, hinter Trump hertragen. Als Präsident kann er mit den im Koffer enthaltenen Codes, ohne Autorisierung durch den Kongress, einen Atomschlag anordnen.

Ein wenig von der Tradition abgewichen ist hingegen First Lady Melania Trump, die vorerst in New York bleiben wird, wo ihr Sohn Barron die Schule beenden soll, bevor auch sie an die 1600 Pennsylvania Avenue zieht. Sie darf dann ein paar neue Möbel mit ins Weisse Haus nehmen, Teppiche und Vorhänge austauschen. Im Kern aber wird «das Haus, das von Sklaven gebaut wurde, und in dem nun acht Jahre lang schwarze Kinder aufwuchsen», wie Michelle Obama in einer Rede sagte, unverändert bleiben. So wie es Jackie Kennedy einst dekorierte.

Am Ende des Tages, nach den ganzen Bällen und weiteren Reden, wird Trump wohl zum ersten Mal am Schreibtisch im Oval Office gesessen haben, in dessen Schublade ein Brief von Obama steckt. Auch das gehört zur Tradition. George Bush Senior schrieb Bill Clinton, er solle sich von der Kritik nicht zermürben lassen. George W. Bush schrieb Obama, er öffne ein neues Kapitel in der amerikanischen Geschichte. Über den Inhalt des Briefs an Trump ist nichts bekannt. Aber «The Donald», wie er in seinem früheren Leben genannt wurde, wird auf Twitter vielleicht bald darüber berichten. Von nun an als «Potus» – als «President of the United States».

Erstellt: 20.01.2017, 23:26 Uhr

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