Amerikas Geld wird gerechter

Harriet Tubman wird die erste Afroamerikanerin auf einem US-Dollarschein. Die Sklavenbefreierin hat diesen Platz verdient.

Sklavenbefreierin und Bürgerrechtlerin: Harriet Tubman. Foto: «New England Magazin»

Sklavenbefreierin und Bürgerrechtlerin: Harriet Tubman. Foto: «New England Magazin»

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Fast ein Jahrhundert lang war die amerikanische Frau nichts wert, dann waren zehn Dollar für sie vorgesehen, jetzt werden es zwanzig: Harriet Tubman, geboren um 1820 in Maryland, hat Hunderten von Sklaven zur Flucht verholfen, indem sie ihr eigenes Leben aufs Spiel setzte. Jetzt wird sie die erste Frau auf einer US-Dollarnote seit hundert Jahren – und die erste Afroamerikanerin überhaupt. Sie wird den unbeliebten Andrew Jackson, den siebten Präsidenten der Vereinigten Staaten, auf dem 20-Dollar-Schein ersetzen. Jackson, bekannt als Sklavenhalter, Befürworter der gewaltsamen Umsiedlung von Indianern und ironischerweise als vehementer Gegner von Papiergeld, kommt auf die Rückseite.

Die Ankündigung der Neugestaltung der Banknote hat in den USA für Jubel, aber auch für Kontroversen gesorgt, was nicht erstaunt: Eine Frau kommt, ein Mann geht; eine Afroamerikanerin, die weder lesen noch schreiben konnte, gegen einen weissen General; eine Freiheitskämpferin, die selbst als Sklavin geboren und von ihrem sadistischen Besitzer schon als Kind geschlagen und ausgepeitscht wurde, verbannt den Sklaventreiber – es sind die ganz grossen Geschichten dieses Landes, die auf diesem kleinen und grünlichen Stück Papier erzählt werden.

Eleanor Roosevelt und Rosa Parks ausgestochen

«Mach endlich Platz, Andrew Jackson!», twitterte Kate Clifford Larson, eine Historikerin, die über Tubman eine Biografie verfasst hat. Der endgültige Entwurf der Note aber soll erst 2020 vorgestellt werden, im selben Jahr, in dem sich auch die Einführung des Frauenwahlrechts in den USA zum hundertsten Mal jährt. «Bis wir mit Tubman bezahlen können, werden wir gar nicht mehr wissen, was Papiergeld ist», sagte der Fernsehkomiker Stephen Colbert und fügte an, dass Dollarscheine doch nur noch dazu da seien, sich gewisse Drogen einzuführen, «für alles andere gibt es ein Handy».

Dem Entscheid für Tubman ging eine langwierige Befragung voraus, an der sich «Millionen von Bürgern beteiligten», sagte Finanzminister Jack Lew. Im Rennen waren auch die frühere First Lady Eleanor Roosevelt und die Bürgerrechtlerin Rosa Parks. Doch die Wahl fiel auf Tubman, die nicht nur Sklaven befreite, sie half im Bürgerkrieg den Unionstruppen als Krankenschwester und «setzte sich zeitlebens für die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung, insbesondere der Frauen ein», sagte Larson, ihre Biografin. «Sie erhält jetzt den Platz und den Status, den sie verdient.»

First Lady auf Note

Bei anderen aber fiel die Wahl Tubmans auf Unverständnis. Mit ihrem lebenslangen Kampf gegen Sklaverei und Unterdrückung der Afroamerikaner habe sich Tubman auch gegen den radikalen US-Kapitalismus gestellt, ein System, «das Menschen wie Waren behandelt», schrieb die Bloggerin Feminista Jones und erhielt viel Zustimmung. «Jetzt wird sie zum Gesicht eines Systems, das sie anprangerte. Sie hätte diese zweifelhafte Ehre wohl abgelehnt.»

Tubman wird zwar die einzige Frau auf der Vorderseite eines Geldscheins sein, aber auch die 5- und die 10-Dollar-Note werden überarbeitet, sicherer gemacht – und zumindest symbolisch gerechter. Auf die Rückseite des neuen Zehners kommen die Kämpferinnen des Frauenwahlrechts: Lucretia Mott, Sojourner Truth, Susan B. Anthony, Elizabeth Cady Stanton und Alice Paul. Die Rückseite des Fünfers steht im Zeichen des Rassenkampfes; in Zukunft werden sie Martin Luther King, die afroamerikanische Opernsängerin Marian Anderson und die ehemalige First Lady Eleanor Roosevelt zieren.

«Ich habe Hunderte von Sklaven befreit und hätte weitere hundert befreien können. Nur wussten viele nicht, dass sie Sklaven waren.» Dieses Zitat ist von Tubman überliefert, einer «amerikanischen Heldin», wie Larson schrieb. Sie starb 1913 in Auburn, New York, und soll in ihren letzten Jahren von einer Veteranenrente gelebt haben in der Höhe von – 20 Dollar.

Erstellt: 21.04.2016, 23:58 Uhr

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