Der Wunderheiler der Nation

Donald Trump malt ein düsteres Bild zur Lage der USA – zu Recht. Als Messias taugt er aber nicht.

Malt düstere Bilder: Donald Trump bei seinem Auftritt in Cleveland. (21. Juli 2016)

Malt düstere Bilder: Donald Trump bei seinem Auftritt in Cleveland. (21. Juli 2016) Bild: Carolyn Kaster/AP/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seine Rede war bereits vorher bekanntgeworden, der historischen Dimension des Vorgangs aber tat das leidige Leck keinen Abbruch: Umgeben von jubelnden Delegierten nahm Donald Trump gestern Abend in Cleveland seine Nominierung zum Präsidenschaftskandidaten der Republikanischen Partei an. Noch am Morgen hatte Trump getwittert, er verspüre «so viel Liebe in dieser Arena», am Abend gab er diese Liebe zurück: Inmitten einer dunklen Welt voller Gefahren gelobte Donald Trump, Amerika zu retten. Unter seiner Führung, sagte er, werde US-Amerika «ein Land der Grossherzigkeit und der Wärme, aber auch ein Land von Recht und Ordnung sein».

Richard Nixon hätte es nicht besser sagen können. Trumps düstere Abbildung der Vereinigten Staaten hat durchaus ihre Berechtigung: Die amerikanische Gesellschaft zerfranst zusehends, Löhne und Gehälter stagnieren für viele Amerikaner, die Lebenserwartung der weissen Unterschicht und der unteren Mittelschichten sinkt. Aber Trump überzog, weil er überziehen muss: Je mehr er den Wählern Angst einjagen kann, desto besser stehen seine Chancen im November.

Trumps Aufstieg sucht seinesgleichen

Eine politische Grosstat hat der New Yorker schon vollbracht: Wer einen ähnlich sensationell zur Präsidentschaftsnominierung einer grossen Partei vorgestossenen Politiker sucht, muss wahrscheinlich im 19. Jahrhundert suchen. Weder die Nominierung von General Dwight Eisenhower 1952 noch die des Gouverneurs und Erdnussfarmers Jimmy Carter 1976 lassen sich mit Trumps Aufstieg vergleichen.

Denn an der Spitze der Republikanischen Partei steht seit gestern ein Geschäftsmann und Entertainer, ein Egomane, der früher die Abtreibungsfreiheit befürwortete sowie ein staatliches Gesundheitswesen für alle Amerikaner forderte und ausserdem mit Freuden die Fülle des Lebens auskostete. Einer wie Savanarola ist Trump nicht, die Evangelikalen in der Partei, sonst immer auf der Pirsch nach Sünden und Sündern, schert es gleichwohl nicht. Weshalb sich Trump gestern auch bei ihnen bedankte und versprach, als Präsident werde er Pastoren erlauben, von der Kanzel zu politisieren, ohne dass sie deshalb wie bisher den Verlust der Steuerbefreiung für ihre Kirchen fürchten müssten.

Die Welt von Hieronymus Bosch

Trumps reges Leben hat ihm fünf Kinder geschenkt, und alle bis auf den Kleinsten durften sie in Cleveland auftreten. Es war Tochter Ivanka Trump, die den Vater gestern Abend vorstellte und seine Menschlichkeit hervorhob, ehe Trump den Amerikanern die Welt wie Hieronymus Bosch malte: Hochgefährlich, grausig und aus den Fugen geraten. Kriminalität und kriminelle illegale Einwanderer, Terror und die einstürzenden Staaten des Nahen Ostens: All das, was die Amerikaner um den Schlaf bringt, breitete Trump vor ihnen aus.

Verantwortlich für die Malaise sind die Demokraten und insbesondere Ex- Aussenministerin Hillary Clinton. Ihr Vermächtnis sei «Tod, Zerstörung und Schwäche», sagte Trump, sie selbst eine «Marionette» und Kreatur von Eliten und Big Money, die darauf aus seien, US-Amerika und die Amerikaner zu ruinieren. Sobald er im Weissen Haus sei, werde «die Sicherheit wieder hergestellt».

Aufruhr wegen Interview

Auch dies könnte dem Wörterbuch Richard Nixons entlehnt sein, Nixon aber hätte niemals gesagt, die Nato sei eine Bande von Schnorrern und die baltischen Staaten sollten sich gefälligst selber verteidigen, wie Trump es am Mittwoch in einem Interview mit der «New York Times» tat. Als es daraufhin Aufruhr gab, behauptete Trumps Wahlkampfmanager Paul Manafort, der Kandidat sei falsch zitiert worden – worauf die «Times» den Tonbandmitschnitt freigab.

Aber gestern Abend war Trump in seinem Element, ein Populist in einer Arena voller Anhänger und Bekehrter, ein Prophet des nahenden Untergangs, den nur er verhindern kann. Er forderte die Anhänger von Bernie Sanders zum Überlaufen auf und betonte als Zugabe nochmals, er sei «der Law-And- Order-Kandidat» und werde die Grosse Mauer am Rio Grande wirklich bauen. Auch internationalen Handelsabkommen sagte Trump in Cleveland einmal mehr den Kampf an: Sie vernichteten amerikanische Arbeitsplätze und müssten künftig entweder verhindert oder im Falle Chinas neu ausgehandelt werden.

Wahlbeteiligung weisser Wähler steigern

Trumps Strategie ist klar: Wenn es ihm gelingt, weisse demokratische Wähler aus den Unter- und Mittelschichten abzuwerben und die Wahlbeteiligung weisser Wähler erheblich zu steigern, könnten ihm im November traditionell demokratische Staaten wie Pennsylviana und Michigan zufallen. Vielleicht reichte es, und er zöge ins Weisse Haus ein.

Was für ein Präsident aber wäre Donald Trump? Vertraute seines Rivalen John Kasich, des Gouverneurs von Ohio, berichten, Trumps Sohn Donald jr. habe Kasich die Vizepräsidentschaftskandidatur mit der Zusage angeboten, er werde für die Innen- wie die Aussenpolitik zuständig und «der mächtigste Vize» der amerikanischen Geschichte sein. Auf die entgeisterte Frage eines Kasich-Vertrauten, was Trump dann tue, kam die Antwort: «Er wird Amerika wieder gross machen».

Ende der Political Correctness

Donald Trump hat ein politisches Wunder vollbracht, jetzt will er der Wunderheiler der Nation werden. Wählt ihn im November eine amerikanische Mehrheit, wird er die Vereinigten Staaten auf eine rasante Fahrt auf seiner Achterbahn mitnehmen. «Wir können uns nicht mehr leisten, politisch korrekt zu sein», sagte Trump gestern in Cleveland. Was genau der republikanische Kandidat damit meint, wird die Welt womöglich bald herausfinden.

Erstellt: 22.07.2016, 06:23 Uhr

Artikel zum Thema

Trump will Schwule und Lesben schützen

Donald Trump geht als Kandidat der US-Republikaner in die Präsidentenwahl. «Demütig und dankbar» nahm er in Cleveland seine Nominierung an. Mehr...

Ein peinlicher Rückschlag für Trump

Der erzkonservative US-Senator Ted Cruz, Zweiter bei den Vorwahlen, verweigert auf dem Parteitag der Republikaner in Cleveland Donald Trump demonstrativ die Unterstützung. Mehr...

Unter Verrätern

Analyse Politik: Ted Cruz sabotierte Donald Trump, Michael Gove zerstörte Boris Johnsons Karriere. Die offene Intrige ist zurück in der Weltpolitik. Warum? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Sweet Home Die besten Orte für eine neue Ordnung

Geldblog Bei GAM fliessen weiterhin Vermögen ab

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...