Abrasierte Inseln, verkeilte Jachten, Menschen, hüfttief im Wasser

Bilder von Naturkatastrophen wühlen auf. Wir sehen hin – mit Schrecken und mit Lust. Sind wir am Ende doch alle schuldig, reif für die Flut?

Florida diese Woche: Besser leben oder einfach Schwamm drüber? Endzeitlust greift um sich und ist nicht länger Sache der Fanatiker. Foto: Sean Rayford (Getty Images)

Florida diese Woche: Besser leben oder einfach Schwamm drüber? Endzeitlust greift um sich und ist nicht länger Sache der Fanatiker. Foto: Sean Rayford (Getty Images)

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Wirbelsturm Irma hat seinen Kurs korrigiert und Florida nicht komplett verwüstet. Die Öffentlichkeit in Amerika wie Europa ist erleichtert, aber auch etwas enttäuscht: kein Jahrhundertsturm, kein Monster-Hurrikan, kein Armageddon. «Halb so schlimm?», fragte auch diese Zeitung. Die Fotos des gefluteten Miami sind trotzdem eindrücklich, zeigen sinnlos aus dem Wasser ragende Bürotürme, menschenleere Grachten, eine zwangsberuhigte Stadt. Photoshop-Witzbolde haben Haifische zwischen die Häuser montiert.

Seine Frau nenne diese Bilder «Wetterporno», schrieb der Schriftsteller Stephen King dieser Tage, und das hat etwas. Naturkatastrophen liefern erregendes, aber auch amoralisches Bildmaterial: Satellitenaufnahmen zornig heranspiralender Sturmfronten, brutal abrasierte Wohnparzellen auf Barbuda und St. Martin, vom Wind verkeilte Luxusjachten, absaufende Autos, Menschen mit Hund und Habe im Arm, hüfttief im Wasser. Wir wollen das sehen, müssen fast.

Bildstrecke: Hurrikan Irma bringt Tod und Verwüstung.

Diesen Sommer gibt es wieder unangenehm viel zu sehen. Die Mure im Bergell, wo der Berg sich auf ein Dorf werfen wollte, das Beben in Mexiko, die Brände in Südeuropa, und immer wieder Flut, wobei uns Sturm Harvey in Texas um einiges wichtiger schien als die Hochwasser in Bangladesh und Indien. Ja, Katastrophen sind nichts Neues und nicht tödlicher dieses Jahr; der Tsunami von 2004 hatte 280 000 Tote gefordert, das Erdbeben in Haiti 2010 mehr als 300 000. Die Kadenz des Schreckens aber steigt – und mit ihr die Nervosität. «Wir haben lange über nichts geredet, wenn wir übers Wetter sprachen», sagte jüngst die US-Naturschützerin Terry Tempest Williams. «Nun reden wir über unser Überleben.»

Eben doch nicht allmächtig

Ein Teil der Faszination ist Schrecken, ein zweiter aber Lust. Dass unsere leistungsstarke, voll automatisierte, bodenbeheizte und notstromversorgte westliche Lebenswelt durch Wellen und Wind derart zusammengehaut werden kann, das ist schockierend, aber auch tröstlich. Katastrophen verweisen den Menschen auf seinen Platz, nehmen uns die Last der Allmacht: Hier kommt uralte Gewalt, tausendfach stärker als wir. Trotz Genschere, Kampfroboter und Gesichtserkennung sind wir nicht viel weiter als sumerische Krautbauern, klein, verwundbar, der Natur ausgesetzt.

Und die Laune der Natur ist schlecht. «Der Planet rächt sich», kommentierten diese Woche nicht nur Ökofundamentalisten. Wäre ja auch verständlich, wenn die Erde zurückschlüge – gegen den Schädling Mensch, der sie bekrabbelt, anbohrt, aussaugt, fertigmacht.

Auch wer das Alte Testament nie gelesen hat, entsinnt sich dieser Tage der Geschichte Noahs. Der Mensch ist schlecht, und Gott bereut es, ihn geschaffen zu haben. Er will neu anfangen, reinen Tisch machen und lässt es regnen, 40 Tage, 40 Nächte lang. «Da ging alles Fleisch unter, das auf Erden kriecht.» Nur Noahs Arche mit den Tierpaaren segelt davon.

«Der Mensch ist nicht fürs Aufgeben gemacht.»

Als Erzählung wird die Sintflut auch dann noch funktionieren, wenn die letzte Landeskirche verkauft und zum Warenhaus umfunktioniert ist. Denn das Gefühl der Schuld, des Sündigseins, beherrscht unseren Alltag – mehr denn je, trotz Säkularisierung. Wir essen zu viel Fleisch und importierte Avocados, fliegen zu oft auf Ferieninseln, kaufen die Rüebli im unverrottbaren Plastikbeutel, trocknen die Wäsche im Tumbler und fummeln an Telefonen voller blutiger Erze. Wir wissen um unsere Schuld und dass es drei Erden brauchte, wenn jeder Mongole und Sahraui leben wollte wie ein Durchschnittsschweizer.

So viel Schuld strengt an, schürt ein Sehnen nach Linderung, vielleicht Strafe. Der grosse Sturm würde uns von allen kläglichen Versuchen der Mässigung erlösen, uns die Besserungsarbeit abnehmen: Schwamm drüber. Manche im Westen verklären die Endzeit schon als eine radikale Reduktion von Komplexität: Die unübersichtliche, verworrene, von unterseeisch verlegten Glasfaserkabeln durchzogene Welt wird lahmgelegt, entschleunigt, flutfokussiert. Der apokalyptische Reiter ist ein Yogalehrer.

Neue Archen werden schon gebaut

Zivilisationsmüdigkeit und Schuldkrampf sind westliche Probleme, Sorgen einer überalterten, übergewichtigen Welt. Die Jugend Afrikas und Asiens, von Naturkatastrophen härter getroffen, will nicht ins nasse Grab, sondern nach vorn.

Aber auch im Westen war Endzeitromantik in den letzten 70 Jahren eigentlich eher ein Hobby marginaler Gruppen, etwa religiöser Fanatiker oder militant Maschinen hassender Hippies, von Figuren wie John Zerzan, dessen Buch «Gegen Zivilisation» eine Bibel der Neoprimitivisten ist.

Heute aber werden die Ideen massentauglich. Sie finden sich in den Bestsellern des Historikers Yuval Noah Harari, der die Steinzeitmenschen verklärt und Zivilisation als Fehler sieht. Oder im Büchlein «Sterben lernen» des Irakveteranen Roy Scranton, der die Menschheit mit Soldaten auf Himmelfahrtsmission vergleicht: Der Planet sei bereits verloren, es gehe nur noch um die Ausgestaltung des Endes, um palliative Schritte.

Ein Indiz für die beträchtliche Endzeitlust sind auch die neuen Archen Noahs: Archive für die Zeit nach dem Anthropozän. Der «gefrorene Zoo» in Kalifornien etwa bewahrt Genproben aller Tierarten auf, ein Tontafelarchiv im Salzkammergut will alles Wissen auf Keramik festhalten, die eine Million Jahre hält. Und die Pflanzenbank auf Spitzbergen archiviert Samen im ewigen Eis, das dieser Tage leider taut, die Sammlung gefährdet. Alles wappnet sich für 40 Tage Regen.

Aber soll das die Lösung sein? Den Nachlass ordnen und verkriechen, Champagner bestellen, weil eh alles verloren ist? Der Mensch ist nicht fürs Aufgeben gemacht. Er ist ein kämpferischer Affe, der ums Verrecken überleben will. Dass das nur gemeinsam geht, ist klar: Jede Katastrophe bringt neben Eruptionen der Gewalt und Plünderungen auch Zusammenhalt hervor. Fremde Menschen, die sich aufhelfen, durchs Wasser tragen, aus den Trümmern bergen. Weil es weitergehen soll. In eine Zeit mit neuen Lösungen, leichteren Gewissen, besseren Avocados. Im Zweifel für den Schuldigen.

Drohnenaufnahmen zeigen die gewaltige Zerstörung nach Hurrikan Irma in Florida und in der Karibik. (Video: Tamedia/AFP/Storyful)

Erstellt: 16.09.2017, 12:20 Uhr

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