Argentinien verzweifelt und hofft

Die Frage im argentinischen Wahlkampf. Wer ist wichtiger? Beobachtungen aus einem Land, das seine Mitte verloren hat.

Argentinien, einst der grösste Fleischexporteur der Welt, heute gebeutelt durch Krise und Inflation. Fassade eines Restaurants in Buenos Aires. Foto: Marcos Brindicci (Reuters)

Argentinien, einst der grösste Fleischexporteur der Welt, heute gebeutelt durch Krise und Inflation. Fassade eines Restaurants in Buenos Aires. Foto: Marcos Brindicci (Reuters)

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Juan Miguel Clavin sitzt im Konferenzsaal der Asociación Rural de Chivilcoy, in der Provinz Buenos Aires. Streng blicken Männer von der Wand gegenüber von Schwarzweissfotos. Es sind die Präsidenten, die den Bauernverband in den letzten 80 Jahren geführt haben, vor Clavin. In der untersten Reihe ist noch ein Nagel frei, hier soll einmal sein Bild hängen. Aber für ein Foto war noch keine Zeit. «Es waren aufregende Monate», sagt der Landwirt, vor sich einen Becher mit Mate-Tee.

Es gibt Menschen, die können Siege und Niederlagen von Fussballmannschaften aufsagen. Andere hören, wie viel Zylinder ein bestimmtes Auto hat, oder wissen, welcher Star gerade mit welchem Sternchen verbandelt ist. Juan Miguel Clavin interessiert sich für andere Dinge. Er kann aufsagen, wann welche Rinderrasse in Argentinien eingeführt wurde, Angus 1879, Hereford 1852, und vor ihnen Shorthorn, 1825. Tarquino hiess der erste Bulle, der hier Kühe deckte.

Die Geschäfte laufen gut, trotz einer Dürre und einer Überschwemmung in den letzten Jahren. Die seien sie ohnehin gewohnt, sagt Clavin. Trotzdem macht er sich Sorgen. Er hat Angst vor dem, was kommen wird. Oder besser gesagt: vor der, die kommen könnte.

Am 27. Oktober stimmt Argentinien über einen neuen Präsidenten ab. Zur Wahl steht auf der einen Seite der Amtsinhaber Mauricio Macri, Unternehmer und ehemaliger Manager des Fussballclubs Boca Juniors. Macri hatte den Argentiniern versprochen, die Armut auf null zu reduzieren und die Inflation in den Griff zu bekommen. Aber jetzt lebt ein Drittel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze, alleine dieses Jahr sind mehr als drei Millionen Menschen dazugekommen.

Misere in der Psyche

Längst hat sich die Misere in die kollektive Psyche gebrannt. Auf den Seiten der wichtigsten Tageszeitungen «La Nación» und «El Clarin» sieht Clavin nicht nur, ob es morgen Regen oder Sonne gibt, sondern auch den aktuellen Kurs des Peso gegenüber dem Dollar. Wirtschaft und Wetter, zwei Naturgewalten, warum auch nicht? Wer kann schon verstehen, wie es so weit kommen konnte? Morgen jedenfalls soll es sonnig werden – der Peso aber hat schon wieder an Wert verloren.

Viele richten ihre Hoffnungen jetzt auf Macris Gegenkandidaten. Plakate mit ihren Namen hängen überall an der Landstrasse, die von Buenos Aires nach Chivilcoy führt. «Alberto» steht da, Alberto Fernández, ein gemässigter Peronist mit Schnurrbart und dem Ruf eines Technokraten. Auf den Hauswänden und auf den Bannern an den Zäunen steht aber immer auch noch ein zweiter Name, genauso gross. «Cristina», für Cristina Fernández de Kirchner, Macris Vorgängerin und noch immer die umstrittenste Politikerin des Landes seit Eva «Evita» Perón.

Kirchner hat Hunderttausende Anhänger, bei den Vorwahlen im August lagen Fernández und sie fast 16 Prozentpunkte vor Macri. Kirchner hat aber auch fast ebenso viele Feinde, vor allem bei den Bauern auf dem Land. Sie fürchten, dass mit der Ex-Präsidentin auch eine Politik zurückkehrt, die sie schon einmal fast in den Ruin getrieben hat.

Als Cristina Kirchner 2007 ihre erste Amtszeit antrat, war Clavin Anfang 20. In La Plata, der Hauptstadt der Provinz Buenos Aires, studierte er Landwirtschaft. Es war eine goldene Zeit, Nestor Kirchner, Cristina Kirchners Mann, hatte Argentinien aus einer schweren Krise geführt, dank des niedrigen Kurses des Pesos boomten die Exporte, dazu kamen hohe Weltmarktpreise für Weizen, Mais und vor allem Soja.

Norberto Fedele, der Industrielle. Foto: PD

Auch die Clavins liessen damals die Viehzucht sein und bauten Bohnen an. Dumm, wer das nicht tat, 600 Dollar pro Tonne konnte man zu Spitzenzeiten bekommen, so viel wie nie zuvor. Als ein Verwandter etwas Land verkaufen wollte, analysierten die Clavins gemeinsam die Preise und potenzielle Gefahren, am Ende entschieden sie sich für den Kauf und beliehen die Ernten der nächsten Jahre. Kaum hatten sie den Kredit aufgenommen, erhöhte die Regierung von Cristina Kirchner 2008 die Exportabgaben auf landwirtschaftliche Produkte. Hatten sie vorher 35 Prozent Steuern auf Soja gezahlt, waren es jetzt 44, sagt Clavin. «Die Rechnung, die wir gemacht hatten, ging auf einmal nicht mehr auf.»

Bald eskalierte die Situation. Kirchner beschuldigte die Bauern, profitgierig zu sein, Oligarchen. Die Bauern blockierten Strassen, legten das halbe Land lahm, es gab Schlägereien. «Ich bin nicht stolz auf das, was ich damals gemacht habe», sagt Juan Miguel Clavin, «aber sie haben uns dazu gebracht.»

Am Ende einigten sich Regierung und Bauern. Doch das Jahr 2008, sagt Clavin, änderte alles. Kirchner griff immer stärker in die Wirtschaft ein, es gab Importkontrollen und festgelegte Preise, die landwirtschaftliche Produktion brach ein. 2013 wurde nur noch halb so viel Weizen geerntet wie im Jahr davor. Argentinien, einst grösster Fleischexporteur der Welt, wurde nun sogar vom kleinen Nachbarn Uruguay überholt.

Fährt man von Chivilcoy aus nach Osten, säumen endlose Weiden und Felder die Strasse, dann tauchen die ersten Vororte von Buenos Aires auf. Nach 150 Kilometern steht man in San Martín. Schwer beladene LKW haben hier Schlaglöcher in den Asphalt gefahren. Wohnhäuser sieht man hier kaum, dafür umso mehr Fabrikhallen.

Juan Miguel Clavin, der Bauer. Foto: PD

Die Fabrik von Laminación Paulista liegt in einer Seitenstrasse. Die Firma stellt Aluminiumscheiben her. In einem riesigen Ofen werden Barren eingeschmolzen, flachgewalzt, zugeschnitten. «Wir sind die Heavy Metaler aus dem Viertel», ruft Norberto Fedele. Er muss schreien, damit man ihn in diesem Lärm versteht. Fedele ist der Besitzer von Laminación Paulista. 50 Jahre ist er alt, breite Schultern, Dreitagebart.

Fedeles Büro ist ein kleiner Raum im ersten Stock, von dem man über die Fabrikhalle blicken kann. Schon Fedeles Vater hatte eine Aluminiumfabrik. Als Kind sei er immer mit seinem Dreirad zwischen den Maschinen herumgerollert, sagt er. Aus glänzenden Aluminiumplatten stampften sie Töpfe, Tassen, Teller, Lampenschirme oder Zuckerdosen. Erst arbeitete Fedele im Betrieb seines Vaters, dann beschloss er, seine eigene Firma zu gründen. Eine bronzene Plakette am Eingang erinnert an den Tag. «Am 11. Dezember 2003 wurde die Firma Laminación Paulista eingeweiht», steht darauf, «im Beisein seiner Exzellenz, Nestor Kirchner.»

Fedele und den damaligen Präsidenten verband ein gemeinsames Ziel. «Das hier ist das Argentinien, das wir aufbauen wollen», sagte Kirchner, bevor er das Band am Eingang zerschnitt. Und tatsächlich: Bei der Eröffnung mussten Bauarbeiter die T-Shirts mit dem Logo seiner Firma anziehen, weil Laminación Paulista noch überhaupt keine Mitarbeiter hatte. Ein paar Jahre später arbeiteten dann mehr als zwei Dutzend Angestellte für ihn. Die Fabrik war eigentlich nur als Rohstofflieferant für die Firma des Vaters gedacht. Aber er hatte bald Kunden im ganzen Land, er exportierte sogar nach Bolivien oder nach Chile. «Eine Zeit lang waren dort alle Nummernschilder aus unserem Aluminium gemacht», sagt Fedele.

Wirtschaftspolitik als Pendel

Argentinien war nicht immer nur Rohstofflieferant für die Welt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Stoffe am Rio de la Plata gefertigt, es wurden Fahrräder gebaut und Autos. 1976 trieben dann die Generäle der letzten Diktatur bewusst eine Deindustrialisierung voran. Argentinien sollte sich wieder auf seine Stärken besinnen, den Weizen von den Äckern, das Fleisch von den Weiden. Die Kirchners versuchten, diesen Prozess wieder rückgängig zu machen.

Für Norberto Fedele bedeutete das, dass er für den Strom kaum etwas bezahlen musste. Er war staatlich subventioniert, genauso wie Wasser und Gas, dazu gab es billige Kredite und Steuererleichterungen. 2008 konnte er sich eine neue Fabrikhalle kaufen. Gleichzeitig blockierten Bauern im ganzen Land die Strassen, um gegen die Steuererhöhungen zu demonstrieren.

Als die landwirtschaftliche Produktion ab 2013 einbrach, flog Fedele nach China, um dort eine neue Maschine zu kaufen, neueste Technik, er wollte bald rund um die Uhr produzieren, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. «Wir waren bereit, richtig durchzustarten», sagt Fedele. Aber dann kam Mauricio Macri an die Macht.

Im März 2016 kam die erste Stromrechnung unter der neuen Regierung. «Statt 30000 Peso mussten wir auf einmal 90000 Peso zahlen», sagt Fedele. «Woher sollten wir so plötzlich das Geld nehmen?» Macri hatte die Subventionen für Energie gestrichen und die Importbeschränkungen gelockert. Auf einmal musste Fedele auch noch mit Aluminium konkurrieren, das billig aus China kam.

«Wir werden hier in der Fabrik schlafen müssen, so viel Arbeit wird es geben»Norberto Fedele, der Industrielle

Bald brachen die ersten Aufträge weg, die Kunden waren pleite oder hatten sich neue Lieferanten gesucht, die billiger waren als Laminación Paulista. 2015 war der Bezirk San Martín noch zur «Hauptstadt der kleinen und mittelständischen Unternehmen» gekürt worden. Mittlerweile, sagt Fedele, hätten die meisten seiner Nachbarn längst dichtmachen müssen.

Auf 20 Prozent Leistung sind sie jetzt runtergefahren, den Ofen macht Norberto Fedele nur wochenweise an. Die hypermoderne Stanzmaschine ist abgeschaltet, stattdessen schneiden Mitarbeiter an älteren Maschinen Aluminiumscheiben zu, so kann er auch kleine Aufträge annehmen, etwas anderes gibt es im Moment nicht.

Dass Alberto Fernández und Cristina Kirchner am 27. Oktober die Wahlen gewinnen, daran besteht für ihn kein Zweifel. Auch daran nicht, dass es dann wieder aufwärts geht mit der Industrie. «Wir werden hier in der Fabrik schlafen müssen, so viel Arbeit wird es geben», sagt er. Trotzdem hofft auch Norberto Fedele, dass es in der Zukunft anders wird. «Wir haben eine Wirtschaftspolitik, die wie ein Pendel funktioniert», sagt er. Genau das sagt auch Juan Miguel Clavin. Er wird bei den Wahlen wieder für Macri stimmen, in der Hoffnung, dass sich der Graben unter ihm ein wenig schliesst. «Wir sind an dem Punkt angelangt, an dem wir uns entscheiden müssen, was für ein Land wir sein wollen.» Und die einzig richtige Antwort, glaubt Clavin, liegt dabei nicht allein auf der einen oder der anderen Seite, sondern in der Mitte.

Erstellt: 23.10.2019, 19:33 Uhr

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