Auch die Kirche traut Maduro nicht

Die konkurrierenden Präsidenten in Venezuela haben den Papst um Vermittlung gebeten. Doch der ist skeptisch.

Ein Gotteshaus als Kulisse: Der selbst ernannte Präsident Juan Guaidó spricht in Caracas zu Medienvertretern. Foto: Luis Robayo (AFP)

Ein Gotteshaus als Kulisse: Der selbst ernannte Präsident Juan Guaidó spricht in Caracas zu Medienvertretern. Foto: Luis Robayo (AFP)

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In der kolumbianischen Grenz-stadt Cúcuta sind erste Hilfslieferungen für die Not leidende Bevölkerung Venezuelas eingetroffen. 100 Tonnen Lebensmittel, Medikamente und Hygieneartikel, die von der US-Behörde Usaid stammen. Das alles wird dringend gebraucht auf der anderen Seite der Grenze.

Aber weil es dort zwei konkurrierende Präsidenten gibt, werden diese Lastwagen zum Pfand im Machtkampf: Werden die venezolanischen Grenzschützer dem Aufruf des selbst ernannten Interimspräsidenten Juan Guaidó folgen und die Hilfsgüter ins Land lassen? Oder gehorchen sie den Anweisungen von Staatschef Nicolás Maduro, der die Transporte mit dem Argument ablehnt, es handle sich um eine versteckte Militärintervention der USA?

Das Bild von der blockierten Grenzbrücke steht sinnbildlich für den alltäglichen Horror, den viele Venezolaner durchmachen. Beide Konkurrenten um die Macht scheinen wild entschlossen zu sein, den humanitären Notstand als Waffe einzusetzen. Eine einvernehmliche Lösung ist nicht in Sicht, sie wird mit jeder gegenseitigen Provokation unwahrscheinlicher.

Rom prüft die Anfrage

Da kann nur noch himmlischer Beistand helfen – da sind sich Maduro und Guaidó offenbar ausnahmsweise einig. Beide haben den Papst um Vermittlung in dem Konflikt gebeten. Laut Vatikansprecher Alessandro Gisotti ist Franziskus bereit, die Anfragen zu prüfen. Vorbedingung sei allerdings, dass beide Seiten eine Vermittlung von aussen auch wirklich wollten. Das ist der Knackpunkt. Denn was die beiden damit erreichen wollen, widerspricht sich schon im Ansatz.

Maduro versucht offenbar, Zeit zu gewinnen, um sich an der Macht zu halten. Guaidó betont, dass jede Form von Dialog mit dem Rückzug Maduros aus dem Präsidentenpalast beginnen müsse. Sich mit Maduro an einen Tisch zu setzen, schloss er diese Woche erneut kategorisch aus.

Das hängt auch mit einem tief sitzenden Trauma der venezolanischen Opposition zusammen. Jedes Mal, wenn Maduro in den vergangenen Jahren scheinbar mit dem Rücken zur Wand stand, zeigte er sich plötzlich dialogbereit: nach den Massenprotesten von 2014, nach der von ihm haushoch verlorenen Parlamentswahl sowie nach den Demonstrationen von 2017. Jedes Mal gingen zumindest Teile der Opposition auf das Gesprächsangebot ein, und jedes Mal ging Maduro gestärkt daraus hervor. Guaidó will deshalb hart bleiben. Er hat gar keine andere Wahl, wenn er den fragilen Rückhalt in den eigenen Reihen nicht verspielen will.


Video: So kam es zur Venezuela-Krise

Im Video erklärt: Der Zusammenbruch Venezuelas.

Hier finden Sie die einzelnen Kapitel: Übersicht (0:01 min) / Der Beginn der Krise (1:15 min); Von der Demokratie zur Diktatur (2:18 min) / Die Wiederwahl Maduros (3:04 min) / Hoffnungsträger Guaidó (4:20 min) / Die Zukunft des Landes (5:15 min).


Auch die katholische Kirche in Venezuela ist extrem skeptisch, was die Möglichkeiten eines Dialogs mit Maduro betrifft. Man könne mit ihm nicht verhandeln, weil er die Realität komplett negiere, heisst es aus den Reihen der Bischofskonferenz. Kardinal Baltazar Porras (74), der als engster Vertrauter des Papstes in Venezuela gilt, erinnert im Gespräch auch daran, dass Franziskus 2016 schon einmal zu helfen versucht habe. Am Ende musste der vatikanische Vermittler feststellen, dass er sich hatte vorführen lassen.

Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin schrieb 2016 einen Brief an Maduro, in dem er vier Bedingungen für die weitere Dialogbereitschaft des Vatikans formulierte: Die Regierung in Caracas müsse die schon damals dringend benötigte humanitäre Hilfe ins Land lassen und zweitens im Einvernehmen mit der Opposition einen Fahrplan für freie Wahlen vorlegen. Drittens müsse die vom Volk gewählte und von Maduro entmachtete Nationalversammlung ihre Kompetenzen zurückerhalten. Und viertens seien alle politischen Gefangenen freizulassen.

Keine dieser Forderungen ist erfüllt worden, laut Baltazar Porras hat Maduro auf den Brief nicht einmal geantwortet. «Wie kann man mit dieser Regierung also noch einen Dialog führen?», fragt der Kardinal.

«Wir sind keine Bettler»

In seiner Predigt ruft Porras die Gläubigen leicht verklausuliert, aber unmissverständlich dazu auf, sich den Strassenprotesten gegen Maduro anzuschliessen. «Dieses Regime ist illegitim.» Porras begründet das nicht mit dem Verfassungsrecht, er begründet es mit der Moral. Mit der Art, wie Maduro seine Macht ausübe – allein durch Repression. Er trage damit die Hauptschuld an einem «humanitären Notstand».

Aus Sicht Maduros gibt es keine Krise in Venezuela, keinen Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung und keine hungernde Bevölkerung. «Wir sind keine Bettler», hat er gerade wieder mitgeteilt.

Guaidó spricht dagegen von bis zu 300'000 Menschen, die vom Hungertod bedroht seien. Ob die Zahl stimmt, ist schwer zu überprüfen. Fest steht, dass viele Venezolaner nicht mehr genug zu essen haben. Kaum Zweifel gibt es auch daran, dass sich Spitäler in Sterbeanstalten verwandelt haben. Laut einer Studie der Zentraluniversität von Venezuela sind in den 40 grössten Spitälern des Landes binnen eines Monats 49 Menschen allein deshalb gestorben, weil der Strom ausfiel.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 09.02.2019, 09:52 Uhr

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