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Auch Kirchen leisten Trump Widerstand

Viele Einwanderer aus Lateinamerika leben in ständiger Furcht davor, aus den USA abgeschoben zu werden. Doch in der Gesellschaft wächst die Empörung über die dafür zuständige Behörde.

Abbie Arevalo-Herrera droht die Abschiebung aus den USA nach Honduras. Bild: Erin Scott (Polaris/Laif)
Abbie Arevalo-Herrera droht die Abschiebung aus den USA nach Honduras. Bild: Erin Scott (Polaris/Laif)

Abbie Arevalo-Herrera müsste bereits in Honduras sein. Von dort war sie einst geflohen, nachdem ihr Mann sie geschlagen und ihr gedroht hatte, sie umzubringen. Nach Honduras wollen die US-Behörden sie zurückschicken. Doch am Tag, an dem sie sich bei den Behörden hätte ­melden sollen, packte sie ihre Kleider in ein paar Koffer und meldete sich mit ihren beiden Kindern in einer Kirche in Richmond. Sie bat um Kirchenasyl.

Hier lebt Abbie Arevalo-Herrera nun seit Ende Juni, in einem Zimmer im Untergeschoss, wo ein Bett steht und einige Spielsachen liegen. Vor der Abschiebung sind sie und ihre Kinder hier sicher – fürs Erste.

Bereits unter Präsident Barack Obama mussten mehr als ­2,5 Millionen illegale Einwanderer das Land verlassen, so viele wie unter keinem seiner Vorgänger. Als Donald Trump sein Amt antrat, erteilte er der Einwanderungsbehörde ICE einen Auftrag: Sie solle noch mehr illegale Migranten deportieren. Seither führen ihre Agenten zunehmend Razzien durch, in Betrieben und in Wohnhäusern. Oft kommen sie nachts, manchmal warten sie vor Schulen, bis die Eltern ihre Kinder abholen.

Sie hofft, dass die US-Agenten sich an die Vorgaben halten: Keine Festnahmen an heiklen Orten.

Immer wieder tauchen Videos von brutalen Verhaftungen auf. Die ICE-Polizisten holen nicht mehr nur Kriminelle, sondern auch Leute, die in den USA seit Jahren ein normales Leben führen. Leute wie Arevalo-Herrera.

Sie sitzt in der Kirche fest

Deshalb sitzt sie hier, in einem kleinen Raum der unitarischen Kirche, die in einem Aussenquartier von Richmond steht, der Hauptstadt von Virginia. Abbie Arevalo-Herrera ist 30 Jahre alt, sie trägt ein grünes T-Shirt und Jogginghosen, das Haar hat sie zu einem Rossschwanz zusammengebunden. Sie sieht müde aus. Als sie von den vergangenen Wochen erzählt, weint sie.

Manuel, das jüngere der beiden Kinder, ist zwei Jahre alt. «Er fragt jeden Tag, wann wir wieder nach Hause gehen», sagt sie. «Ich weiss nicht, was ich antworten soll.» Arevalo-Herrera weiss nur, dass sie die Kirche nicht verlassen können. Also versucht sie, die Tage zu füllen. Sie kocht für die Kinder, spielt mit ihnen, liest ihnen Geschichten vor.

Arevalo-Herrera und ihre Helfer von der Kirche vertrauen darauf, dass sich die Agenten von ICE an ihren eigenen Grundsatz halten: keine Festnahmen an sogenannt heiklen Orten wie Kirchen und Spitälern. Beim Eingang der Kirche, einem Betonbau mit Glasfenstern, sitzen deshalb zu jeder Zeit zwei bis drei Freiwillige, es sind Nachbarn und Mitglieder der Kirchgemeinde. Sie wachen darüber, dass sich niemand unbefugt Zutritt zum Gebäude verschafft.

Auch die Anwältin der Migrantin schläft seit Tagen in der Kirche.
Auch die Anwältin der Migrantin schläft seit Tagen in der Kirche.

In der Kirche fühle sie sich sicher, sagt Arevalo-Herrera, und sie sei der Gemeinde dankbar dafür, dass sie ihre Familie aufgenommen habe. «Abbie, wie geht es?», fragt eine der Freiwilligen, eine ältere Dame mit weissen Haaren, als sie Arevalo-Herrera die Treppe hochkommen sieht. «Ein schöner Tag heute, ja?» Die Honduranerin lächelt nur, ihr Englisch ist nicht sehr gut.

Die Kirche in Richmond ist eine von mehreren Hundert in den USA, die sich zu den sogenannten sanctuary churches zählen – einer überkonfessionellen Bewegung, die illegalen Einwanderern Zuflucht vor der Abschiebung bieten will. Sie sind Teil eines breiteren Widerstands, der vielerorts gegen die Einwanderungspolitik der Regierung entstanden ist. Zum Widerstand gehören Demonstranten, die in Bussen zur Grenze fahren, und Aktivisten, die Beamte aus Restaurants verjagen. Doch neben den rabiaten sind da eben auch die anderen, die leiseren Kritiker. Man trifft sie in Kirchen wie ­jener von Richmond.

Im Grundsatz hatte sich die Kirchgemeinde schon vor einem halben Jahr dafür ausgesprochen, Migranten Asyl zu bieten. Doch als vor einigen Wochen der Anruf von Unterstützern von Arevalo-Herrera kam, mussten sich die Verantwortlichen entscheiden: Ziehen wir das wirklich durch? Jeanne Pupke, die leitende Pastorin der Gemeinde, war zu diesem Zeitpunkt gerade auf einer Konferenz in einem ­anderen Bundesstaat. Rasch ­organisierte sie eine Videokonferenz, und nach einem kurzen Gespräch war man sich einig: Ja, wir ziehen das durch.

Wie im Alten Testament

Die Kirchgemeinde fühle sich verpflichtet, Fremden in Not Schutz zu bieten, sagt Pupke: «Schon im Alten Testament heisst es: Auch ihr wart selber einmal Fremde.» Man setze mit der Aufnahme von Arevalo-Herrera und ihren Kindern kein politisches Statement, sondern ein menschliches: «Es geht um die Würde der Betroffenen. Wir lassen nicht zu, dass die Regierung eine Familie auseinanderreisst.»

Politisch ist die Aktion der Kirchgemeinde aber sehr wohl und auch juristisch mit einigem Aufwand verbunden. Alina Kilpatrick ist Anwältin in Richmond und Mitglied der Pfarrei, sie betreut Arevalo-Herrera bei ihren Kontakten mit den Behörden.

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Video: Asylsuchende wollen über US-Grenze

Rund 200 Flüchtlinge aus Zentralamerika sind in Tijuana an der US-Grenze angekommen, wo sie um Asyl ersuchen wollen. Video: AP/Tamedia

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An diesem Nachmittag im Juli ist Kilpatrick erkältet und aufgekratzt, «ich habe seit 30 Stunden nicht geschlafen», sagt sie. Ihr Bett steht derzeit in einem Nebengebäude der Kirche, im Zimmer, in dem die Kinder der Gemeinde normalerweise Religionsunterricht erhalten. In den letzten drei Wochen habe sie fast jede Nacht hier verbracht, sagt Kilpatrick, es gebe viel zu tun: Gesuche, Formulare, Rekursschreiben. Irgendwie will sie für ihre Mandantin einen Weg finden, doch noch legal im Land bleiben zu können. Ausgang: offen.

Abschiebung wiederholt aufgeschoben

Arevalo-Herrera lebt seit viereinhalb Jahren in den USA. Die Grenzwache nahm sie Ende 2013 in Texas fest, wo sie mit ihrer ­älteren Tochter, die damals ­sieben Jahre alt war, nach einer monatelangen Reise über den Landweg angekommen war. Sie erhielt keine Aufenthaltsgenehmigung, ihre Abschiebung wurde aber wiederholt aufgeschoben, solange sie sich regelmässig bei den Behörden meldete.

In den USA hat sie ein zweites Mal geheiratet, einen Honduraner, der legal hier lebt. Mit ihm hat sie den zweijährigen Sohn. Vor einigen Wochen zeichnete sich ab, dass ihre Deportation kein weiteres Mal aufgeschoben werden würde. Anwältin Kilpatrick vermutet, dies hänge mit der Praxisänderung zusammen, die der Justizminister kürzlich verkündete: Opfer von häuslicher Gewalt erhalten kein Asyl mehr. Zurück nach Honduras könne sie aber nicht, sagt Arevalo-Herrera. Von ihrem Ex-Mann erhalte sie immer noch Todesdrohungen.

Im Kirchenasyl bleibt der Mutter nicht viel übrig, als zu hoffen. «Ich will weiterhin glauben, dass die USA ein gerechtes Land sind», sagt sie. Vielleicht ändere die Regierung ja ihre Meinung und gebe Frauen wie ihr den Schutz zurück, den sie hier einst erhalten hatten. «Dafür», sagt sie, «bete ich jeden Tag.»

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