Mit vier Koffern auf der Flucht vor der Flammenhölle

Wichtige Dokumente und einige Kleider. Mehr konnte unser Korrespondent aus Kalifornien nicht mitnehmen, als er mit seiner Frau floh.

Eine kalifornische Katastrophe: Das Feuer brennt in Healdsburg ganze Häuser nieder. Foto: Getty Images

Eine kalifornische Katastrophe: Das Feuer brennt in Healdsburg ganze Häuser nieder. Foto: Getty Images

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Wenn wir nach Healdsburg zurückkehren, wissen wir nicht, was uns erwartet. Steht das Haus noch? Stehen die Häuser unserer Nachbarn und Freunde noch? Wie lange müssen wir den Feinstaub atmen? Und dies ist die grosse, beängstigende Frage: Wie sieht die Zukunft für unser Dorf, für unsere Region Sonoma, für Kalifornien überhaupt aus? Einen Bundesstaat mit 330 Bränden allein diese Woche und düsteren Klimaprognosen, die noch mehr Dürren, Winde und Waldbrände voraussagen?

Es ist Nachmittag zwei Uhr. Eine gespenstische Ruhe liegt über Healdsburg. Der Himmel ist blau, ein Wind streicht sanft durch die Bäume. Wir nehmen Abschied von den Nachbarn und vergleichen noch einmal unsere Fluchtpläne.

Eine Frau trifft Vorkehrungen zur Flucht vor dem Feuer. Foto: Keystone

«Ich könnte nach Arizona zu meinen Eltern fahren, aber ich bleibe in der Nähe», sagt Dave. Der Farmer hat den grössten Teil der Ernte zwar vor wenigen Tagen eingebracht, trotzdem möchte er sofort zurückkehren, wenn die Evakuierung aufgehoben wird. Alex und Federico werden bei Freunden in der Nähe von San Francisco ein Zimmer beziehen. Sie haben ihre Autos vollgepackt, auch mit einigen Kisten Wein. «Viele Leute haben es bereut, dass sie ihre guten Weine verloren haben», erklärt Federico. Ken fährt mit seiner Familie zu Verwandten an der Küste bei Mendocino. «Wir sind am sichersten, wenn wir Richtung Norden fahren», meint er. «Stay safe. Hope to see you soon.»

Wir wollten auf sicher gehen und hatten am Samstag den letzten Flug von Santa Rosa nach Portland gebucht. Dort hat uns die Familie meiner Frau eine Bleibe angeboten. Vor der Abfahrt zum Flugplatz ein letzter Blick auf unser Haus. Vier Koffer haben wir gepackt, mehr nicht. Wichtige Dokumente, Versicherungsausweise, Steuerunterlagen, Medikamente und einige Kleider und Schuhe. Das wäre alles, wenn das Kincade Fire unser Dorf erfassen und das Haus einäschern würde.

Aus dem Flugzeug sehen wir die glühend roten Hügel, die nur wenige Kilometer östlich von Healdsburg liegen und wo letzte Woche der Brand – zunächst nur als «Buschfeuer» eingeschätzt – ausgebrochen ist. Später hören wir, dass praktisch alle 12'000 Einwohner den Evakuationsbefehl befolgt hatten. Mehr als 180'000 Menschen in einer Region so gross wie die Schweiz sind auf der Flucht.

Apokalyptische Warnungen

Der Strom- und Gasversorger Pacific Gas & Electric, PG&E, hatte vergangenen Samstag die Elektrizität unterbrochen. In wenigen Stunden würden Sturmwinde von noch nie gemessener Stärke mit Geschwindigkeiten von 150 Stundenkilometern einsetzen und die Feuer direkt auf Healdsburg zutreiben. Wir mussten nicht nur fliehen, wir wollten fliehen. Die Warnungen der Behörden, apokalyptisch anmutende Videos auf Facebook und am Fernsehen und die Ungewissheit über die Ausbreitung der Feuer hatten uns verängstigt.

Über 2 Millionen Menschen sind ohne Strom. Es wurden extreme Winde und Feuergefahr vorhergesagt. Foto: Keystone

Wir erinnerten uns an jene Freunde und Bekannten, die 2017 ihr Haus und ihre ganze Habe verloren und traumatisiert wurden. Und wir erinnerten uns an den letzten November, als in Para­dise bei der schwersten Brand­katastrophe in den USA in mehr als 100 Jahren 82 Menschen elend umkamen. Der Rauch damals dehnte sich über ganz Nordkalifornien aus und deckte uns fast drei Wochen mit einer toxischen Wolke zu.

Noch ist die Ursache des dritten Grossfeuers seit 2017 nicht geklärt. Doch PG&E dürfte nach eigenen Angaben für das Kincade-Feuer und drei weitere Brände verantwortlich sein.

Wir befürchten, dass künftig jede Ruhe nur die Ruhe vor der nächsten Katastrophe ist.

Erneut PG&E: Das Unternehmen hat es seit Jahrzehnten versäumt, das Leitungsnetz zu modernisieren. Viele Anlagen sind veraltet. Explorierende Transformatoren und zerrissene Leitungen dürften in den letzten Jahren Hunderte von Bränden verursacht haben. Das Unternehmen hat zwar einen Entschädigungsfonds von 24 Milliarden Dollar angelegt, kann aber für die Schäden mit Sicherheit nicht bezahlen. Es steckt in einem Konkursverfahren und versucht verzweifelt, die Risiken zu minimieren, indem es die Stromzufuhr in unserer Region in nur zwei Wochen viermal unterbrochen hat.

Das genügte nicht. Das Klima macht Pläne, Prognosen und Hoffnungen zur Makulatur. Kalifornien ist durch mehrere sich gegenseitig verstärkende Umstände am stärkten von der Klimakrise betroffen, die von der Regierung Trump noch immer bestritten wird. 90 Prozent des Regens fallen in unserer Region im Winter, doch die Regenzeit verzögerte sich in den letzten Jahren immer mehr. Bauern berichten, dass noch vor 20 Jahren der Regen Mitte September einsetzte, vor etwa 10 Jahren im Oktober und seit 3 Jahren erst im November.

Die Hitzetage haben stark zugenommen. Auch meldeten zahlreiche Städte Temperaturrekorde; in Healdsburg stieg das Thermometer bis vor kurzem noch auf bis 40 Grad. Dazu kommen wie immer im Herbst die heissen Diablo-Winde im Norden und die Santa-Ana-Winde im Süden Kaliforniens. Der kleinste Funkenschlag genügt, um Feuer zu entfachen, die sich in Windeseile ausbreiten, bevor die Feuerwehr eine Chance hat, einzugreifen.

Der anhaltende Blackout in unserer Region trifft zwei Millionen Menschen. Spitäler und Telecomfirmen sind auf Generatoren angewiesen; doch fürchten die Verantwortlichen, dass die Geräte die Dauerbelastung nicht mehr verkraften oder gar der Treibstoff ausgehen könnte. Kein Wort haben wir in den letzten Tagen mehr gehört als «apokalyptisch». Alex meldet telefonisch den aktuellen Stand der Dinge. In Healdsburg seien bis zu 150 Feuerwehrlastwagen stationiert worden, um ein Übergreifen der Flammen abzuwehren. Bisher keine Schäden.

Seit dem Wochenende trifft laufend Verstärkung ein. Equipen aus den Nachbarstaaten eilen zu Hilfe und lösen die bis zur Erschöpfung arbeitenden Kollegen ab. Auf dem Flugplatz Santa Rosa haben wir Löschflugzeuge gesehen, die im Viertelstundentakt landeten und mit brandhemmenden Chemikalien betankt wurden, bevor sie im Tiefflug in den grau-braunen Rauchwolken verschwanden. Nachdem Gouverneur Gavin Newsom den Notstand ausgerufen hatte, wurden auch spezifisch für die Brandbekämpfung ausgebildete Gefangene aufgeboten. Sie sichern die menschenleeren Strassen ab.

Die verheerenden Feuer führen zu dramatischen Szenen in Los Angeles. Foto: Keystone

Die Behörden hatten die Evakuierung gut vorbereitet und warnten eindringlich davor, das Brandrisiko zu Hause auszusitzen. Robert Payne widersetzte sich der Aufforderung. Sein Haus in Santa Rosa war 2017 den Flammen zum Opfer gefallen. Er baute ein zweites Haus, an einer sicheren Lage im Nachbardorf Windsor, wie er glaubte. Er beschaffte zusätzlich eine solarbetrieben Pumpe und stellte Wassertanks mit 25'000 Litern auf das Grundstück.

Payne fühlte sich gewappnet. Doch der Wind hatte sich unerwartet gedreht; die Feuerwalze kam und umzingelte ihn mitten in der Nacht. Er versuchte, aus eigener Kraft zu löschen. Es reichte nicht. Im letzten Moment tauchte eine Löschequipe auf und half, das Haus und sein Leben zu retten. Warum blieb Payne? «Ich habe keine Versicherung. Das Haus habe ich selber gebaut. Es ist mein Ein und Alles.»

Die Brände belasten eine Region, die den Ruf als eines der schönsten, erholsamsten Gebiete des Landes gewonnen und einen Immobilienboom mit massiven Preissteigerungen erlebt hat. Der Weinbau und der Luxustourismus bilden das wirtschaftliche Fundament von Kleinstädten wie Healdsburg. Hotels, Restaurants und Geschäfte mussten aber bereits erste finanzielle Einbussen hinnehmen, nachdem 2017 und 2018 die Bilder der brennenden Wälder und Dörfer landesweit verbreitet worden sind.

Dieses Video zeigt, wo die Feuer ausbrachen und wie verheerend die Brände sind. Video: Tamedia

Getrübte Zukunftsaussichten

Der Horror der tobenden Kincade-Feuer dürfte die wirtschaftlichen Perspektiven weiter trüben. «Dies ist ein dringender Alarmruf. Ich bin sehr besorgt, dass dies die neue Normalität sein wird», meint unsere Nachbarin Cindy. Sie fuhr mit ihrem behinderten Mann nach Santa Rosa und muss darauf gefasst sein, noch einmal zu fliehen, wenn die Flammen weiter ausgreifen.

Im besten Fall, so hoffen die Einsatzleiter der Feuerwehr, könnten die Brände am 7. November gebändigt sein. Doch die Prognosen sind ungünstig: Wärmere und windige Wetterverhältnisse auf zehn Tage hinaus sind angesagt, und kein Tropfen Regen ist in Sicht. Freunde raten uns, so lange wie möglich in Portland zu bleiben. «The air here is shit», so Cindy. Es gibt auch einige Lichtblicke: Unser Nachbar Bruce konnte am Montag kurz seine Farm inspizieren und fand sie entgegen seinen Befürchtungen unversehrt vor. Die Feuer waren knapp an seinem Anwesen vorbeigezogen. Dem pausenlosen Einsatz von mehr als 4000 Feuerwehrleuten ist auch zu verdanken, dass bisher niemand in den Flammen umgekommen ist.

Aber wir müssen befürchten, dass in Zukunft jede Ruhe nur die Ruhe vor der nächsten Katastrophe ist.

Erstellt: 30.10.2019, 11:22 Uhr

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