Auge in Auge mit dem Erzfeind

Längst verhandeln die USA und die Taliban über die Zukunft. Dabei geht es auch um einen Abzug von US-Truppen, ohne dass die Supermacht das Gesicht verliert. Die Regierung in Kabul schaut zu.

Ein Helikopter der US-Armee bei einer Übung in Afghanistan: Trump möchte die US-Soldaten heimholen. Foto: Reuters Abdul

Ein Helikopter der US-Armee bei einer Übung in Afghanistan: Trump möchte die US-Soldaten heimholen. Foto: Reuters Abdul

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Ein Ziel haben die Taliban schon erreicht. Seit Jahren formulieren sie als Bedingung für Friedensgespräche in Afghanistan folgenden Satz: Sie wollen direkt mit den USA verhandeln, nicht mit der «Marionettenregierung» in Kabul. Das geschieht nun: Der US-Sondergesandte Zalmay Khalilzad, ein gebürtiger Afghane, trifft sich regelmässig mit Vertretern der Islamisten. Das ohne Beteiligung Kabuls, auch wenn ein Mitglied der afghanischen Regierung betont, man werde über alle Schritte Khalilzads informiert.

Dabei galt dem Westen lange ein Leitsatz als heilig: Der Friedensprozess müsse unter afghanischer Führung stattfinden. Aber Afghanistan ist zum längsten Kriegseinsatz der amerikanischen Geschichte geworden. Da werden Leitsätze auch schon mal an die Realität angepasst, vor allem weil Washington klar ist: Die Mission lässt sich nicht mehr gewinnen, ein gesichtswahrender Abzug ist das zentrale Ziel.

Khalilzads diplomatisches Engagement hat nun deutlich an Relevanz gewonnen: Wie die Taliban am Freitag bestätigten, hat Abdul Ghani Baradar die Leitung des politischen Taliban-Büros in Katar übernommen. Diese Personalie ist bemerkenswert: Baradar ist Gründungsmitglied der Taliban. Sein Wort hat Gewicht in der sogenannten Quetta-Shura, dem zentralen Entscheidungsgremium der Islamisten, das nach der pakistanischen Stadt benannt ist, in dem es tagt. «Die Chancen für einen Friedensschluss sind durch die Ernennung Baradars deutlich gestiegen», sagt der pakistanische Taliban-Experte Ahmed Rashid.

Ghani Baradar ist Verhandlungsführer der Taliban. Foto: Screenshot al-Jazeera

Rashid kennt Baradar aus den 90er-Jahren, als die Taliban Afghanistan regierten. Er beschreibt ihn als moderaten Vertreter der Islamisten, der nach den Anschlägen des 11. September 2001 sogar bereit gewesen wäre, den USA Osama Bin Laden auszuliefern, um einen Einmarsch des Westens in Afghanistan zu verhindern.

Unberechenbarer Trump

Doch das geschah nicht, der Westen marschierte ein, vertrieb die Taliban zwar binnen kurzer Zeit aus Kabul, beging aber den zentralen Fehler, der bis heute nachwirkt: Auf der Petersberg-Konferenz im Dezember 2001 wurde die Nachkriegsordnung für Afghanistan auf den Weg gebracht, ohne die massiv geschwächten Taliban einzubeziehen.

Gut 17 Jahre später fällt etwa die Hälfte des afghanischen Territoriums in den Machtbereich der Taliban. Ihre Taktik von Selbstmordanschlägen und Guerilla-Attacken wie Anfang der Woche auf einen Aussenposten des Geheimdienstes in der Provinz Wardak fügt den Sicherheitskräften schwere Verluste zu. Auch viele Zivilisten kostet der Terror das Leben. Es ist ein militärisches Patt, das die afgha-nischen Sicherheitskräfte mit westlicher Unterstützung mühsam aufrechterhalten.

Der Sondergesandte Khalilzad steht nun unter Zeitdruck. US-Präsident Donald Trump hat durchblicken lassen, er wolle die Hälfte der verbliebenen Soldaten aus Afghanistan nach Hause holen. Seinem diplomatischen Verhandlungsführer nimmt er so einen Trumpf aus der Hand. «Das war eine unglückliche Aussage, die Amerikaner sind zeitlich getrieben», sagt der Afghanistan-Experte Daniel Markey von der Johns-Hopkins-Universität in Washington. «Weil Trump selbst für seine eigenen Leute so unvorhersehbar agiert, haben sie jetzt keine andere Wahl mehr, als den Dialog mit den Taliban auf eine Art zu beschleunigen, die Ängste bei der Regierung in Kabul auslöst, was wiederum den Taliban in die Hände spielt», fügt Markey an. Wie viele andere Afghanistan-Experten geht auch Markey davon aus, dass ein Friedensprozess mit den Taliban nicht Monate, sondern eher Jahre dauern würde.

«Die Chancen für einen Friedensschluss sind durch die Ernennung Baradars deutlich gestiegen.»Ahmed Rashid, Pakistanischer Taliban-Experte

Die Herausforderungen bei der Neuordnung Afghanistans stehen erst noch bevor: Lassen sich die Taliban in eine Regierung integrieren, beteiligen sie sich an Wahlen? Oder bekommen sie Autonomie in einigen Provinzen gewährt? Behält der Teil der Verfassung Bestand, wonach auch Mädchen in die Schule gehen dürfen? Wer überwacht eine Machtbeteiligung der Taliban in Kabul – ein Restkontingent von US-Soldaten, eine internationale Truppe, ein Kontingent aus islamischen Staaten? Und wie wird sichergestellt, dass die Nachbarländer, die ein strategisches Interesse in Afghanistan haben, das Land nicht weiter als Schauplatz für ihre Stellvertreterkonflikte nutzen?

Zumindest für die letzte Frage gibt es nun Ansätze einer positiven Antwort: Die Beförderung Baradars zum Verhandlungsführer der Taliban zeigt, dass Pakistan, der Schlüsselstaat für Frieden in Afghanistan, offenbar bereit ist, konstruktiv mitzuwirken. Islamabad wird vom Westen von jeher gescholten, die Taliban in Afghanistan zu unterstützen. Doch dass ein wichtiger Mann wie Baradar nun in Stellung gebracht worden ist, könnte ein Beleg für das ernsthafte Bemühen Pakistans um Aussöhnung in Afghanistan sein.

Über allem schwebt allerdings die Zeitfrage: Wie viel Zeit geben sich die USA in Afghanistan noch? Mit welcher Lösung ist der Präsident zufrieden? In Washingtons aussenpolitischen Zirkeln wird Afghanistan bereits als Musterfall für Trumps neue Doktrin durchdekliniert, Auslandseinsätze nur noch auf ihren Nutzen für die USA abzuklopfen und sich mit Interventionen massiv zurückzuhalten. Die Debattenbeiträge folgen dabei keinen parteipolitischen Mustern. Mark Hannah, ein den Demokraten nahestehender Politanalyst, findet: Interventionen sind ein Relikt der Vergangenheit, folglich ist er von Trumps Kurs angetan. «Der Krieg in Afghanistan ist zu einer Mehrgenerationenübung in Absurdität geworden», schreibt Hannah in einem Meinungsbeitrag für «USA Today». Die nach den Anschlägen vom 11. September gefällte Entscheidung, in Afghanistan einzumarschieren, sei «durchdrungen von einem aus der Zeit gefallenen Denken», das Trump nun glücklicherweise korrigiere. Hannahs Fazit: «Die Anwendung militärischer Gewalt, um terroristische Rückzugsorte zu sprengen, ist genauso rückständig wie ineffektiv.»

Wie vor 9/11

Dem hält die Rand Corporation, die Denkfabrik des militärischen Establishments in Washington, entgegen: Ein überstürzter US-Abzug aus Afghanistan wäre verheerend. Das Land werde alsbald in einen Bürgerkrieg abdriften, argumentieren die Rand-Leute in einem aktuellen Thesenpapier. Terrorgruppen wie al-Qaida und der Islamische Staat könnten Afghanistan wieder als Basis nutzen, um erneut gegen die USA Anschläge zu planen. Amerika hätte, so die Rand-Analysten, demnach nicht nur einen teuren, verlustreichen Krieg geführt. Sondern es wäre wieder so gefährdet wie vor den Anschlägen des 11. September.

Erstellt: 25.01.2019, 22:58 Uhr

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