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Aus der Dream

Der amerikanische Traum scheint ausgeträumt, soziale Härten bedrängen immer mehr Amerikaner: Der Kapitalismus nach amerikanischer Art bedarf dringend einer Runderneuerung.

Wenig Grund zur Freude: US-Flaggen in einem provisorischen Abfalleimer an der Amtseinsetzungsfeier für Präsident Obama. (21. Januar 2013)
Wenig Grund zur Freude: US-Flaggen in einem provisorischen Abfalleimer an der Amtseinsetzungsfeier für Präsident Obama. (21. Januar 2013)
Eric Thayer, Reuters

Es war ein Satz, der die Welt bewegte: «Ich habe einen Traum», sagte Martin Luther King in seiner berühmten Rede in Washington im August 1963. Seither ist ein halbes Jahrhundert vergangen, der amerikanische Traum aber, wie Dr. King ihn an jenem Sommertag beschwor, rückt zusehends in weite Ferne. Soziale Gerechtigkeit, ein genügendes Auskommen, Aufstiegschancen: Begrenzt geworden sind die Möglichkeiten im Land der ehemals unbegrenzten Möglichkeiten.

Die Vereinigten Staaten, so der niederschmetternde Befund des Ökonomen Paul Krugman, «haben mehr von einem vererbten Klassensystem als andere Industrienationen». Wer arm geboren wurde, hat in der Schweiz oder in Deutschland, in Frankreich wie in Italien, bessere Chancen aufzusteigen. Gerade gestern demonstrierten Angestellte von Fast-Food-Ketten wie McDonald’s und Burger King in sieben US-Grossstädten für eine Aufbesserung ihrer schändlichen Löhne und Arbeitsbedingungen.

Vier von fünf Amerikanern sind betroffen

Während ganz oben an der Spitze der amerikanischen Lohn- und Vermögenspyramide der Dollar rollt und in einem einzigen Jahr ungeheure Vermögen angehäuft werden, entwickelt sich die Situation von Armen und Mittelklasse zusehends prekärer: Soziale Unsicherheit wächst, die amerikanische Spielart des Kapitalismus funktioniert nicht mehr. Barack Obama weiss dies, doch ausgerechnet der demokratische Präsident muss am Ende von zwei Amtszeiten womöglich eine düstere Bilanz ziehen: Die Lebensbedingungen der Amerikaner haben sich weiter verschlechtert, die beschämenden sozialen Ungleichheiten ebenfalls.

Wenn nicht gehandelt werde, sagte der Präsident am Wochenende in einem Interview, «wird die Ungleichheit der Einkommen weiter ansteigen». Auch seien die sozialen Aufstiegschancen «in den letzten 20, 30 Jahren und bereits vor der Finanzkrise 2008 erodiert», so Obama. Eine brandneue Studie der Nachrichtenagentur AP belegt die Sorgen des Präsidenten: «Vier von fünf Amerikanern kämpfen mindestens zeitweise in ihrem Leben mit Arbeitslosigkeit und Beinahe-Armut oder müssen sich auf die soziale Fürsorge des Staats verlassen», heisst es in dieser Studie.

Am Anfang vom Ende steht Reagan

Neu ist daran nichts, denn die Ursprünge dieser Malaise lassen sich zurückverfolgen bis zum Wahlsieg Ronald Reagans. Mit ihm begann 1980 der Aufstieg neoliberaler Ideologien und Wirtschaftsformen, Globalisierung und Deindustrialisierung verschärften die ökonomische Unsicherheit vieler Amerikaner ebenso wie die von Reagan und seinen Republikanern forcierte Schwächung der US-Gewerkschaften. Zusehends gerieten auch Angehörige der weissen Unter- und Mittelschichten unter Druck: «Entbehrung und Elend steigen besonders bei Weissen an», stellt die AP-Studie fest.

Besonders in den Vorstädten sowie auf dem Land wächst weisse Armut, immer geringer werden die Aufstiegschancen für Kinder aus den weissen Unter- und Mittelschichten. Wie afroamerikanischen und hispanischen Jugendlichen droht auch ihnen inzwischen ein Fliessband, das von der Schule geradewegs in die prall gefüllten Gefängnisse des Landes führt. Und je mehr der amerikanische Traum jetzt auch für weisse Amerikaner zu einem Albtraum wird, desto stärker machen sich Ressentiments gegen Minderheiten und Einwanderer bemerkbar.

Der Kampf um den schrumpfenden Topf

«Rassenspannungen werden nicht besser, ja sie werden vielleicht sogar schlechter, weil die Menschen das Gefühl haben, sie müssten mit anderen Gruppen konkurrieren, um ein bisschen vom schrumpfenden Topf zu kriegen», warnte Barack Obama am Wochenende. Ein Teil der Misere ist auch ihm anzulasten: Zwar erbte er beim Amtsantritt 2009 die schwerste Wirtschaftskrise seit 1929, aber zu oft lenkte Obama ein. Zu lange dauerte es, bis dieser eher auf Ausgleich bedachte Präsident begriff, dass die republikanische Opposition im Kongress eine Politik der verbrannten Erde betrieb und betreibt.

Reaktionär und rückwärtsgerichtet vertritt die heutige Republikanische Partei konsequent die Interessen ihrer Geldgeber und verweigert sich pragmatischen Lösungen zur Linderung der amerikanischen Härten. Nahezu 50 Millionen Bürger ohne Krankenversicherung, fast 50 Millionen auf Lebensmittelmarken, überschuldete Studienabgänger ohne ausreichende Perspektiven, wachsende Armut, skandalöser privater Reichtum gepaart mit gleichfalls skandalöser öffentlicher Armut: Ein halbes Jahrhundert nach Martin Luthers Kings Bekenntnis zu sozialer Gerechtigkeit bedarf der amerikanische Kapitalismus dringend einer Runderneuerung. Andernfalls wird der amerikanische Traum nur mehr als ferne Erinnerung an bessere Zeiten weiterleben.

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