Aus der Haut fahren

In den USA triumphieren die Rechtsextremen. Wie schwer es ist, von Neonazis loszukommen, haben zwei Männer erlebt.

Jamie Bell in der Rolle des Bryon Widner, der sich seine rechtsradikalen Ansichten ins Gesicht hat stechen lassen. Foto: 42West

Jamie Bell in der Rolle des Bryon Widner, der sich seine rechtsradikalen Ansichten ins Gesicht hat stechen lassen. Foto: 42West

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Deutlicher kann keiner zeigen, was er denkt: Bryon Widner, ein 40-Jähriger Neonazi aus dem Mittleren Westen Amerikas mit einer explosiven Neigung zur Gewalt, hat seine Überzeugungen eintätowiert. Auf dem Gesicht, den Armen, dem ganzen Körper. Nachdem er und seine Frau ein Kind bekommen haben, passen seine Überzeugungen immer weniger zu seinen Tätowierungen. Die einen ändert er, die anderen lässt er entfernen. Beides dauert, beides schmerzt.

«Skin» heisst der neue Film des israelischen Regisseurs Guy Nattiv, der jetzt in die Kinos kommt. Er profitiert von Jamie Bell («Billy Elliot») in der Hauptrolle und inspiriert sich, das hilft der Glaubwürdigkeit, an einer wahren Geschichte. Bryon Widner gibt es, und seine Geschichte zeigt, wie schwer es ist, sich von ihr zu befreien.

Alle anderen sollen verschwinden

Ein anderer erkennender Amerikaner hat in den USA noch mehr zu reden gegeben. Auch seine Geschichte zeigt, wie stark der Fanatismus die Gläubigen gefangen hält. Es ist die Geschichte von Derek Black und seinem Vater Don. Eli Saslow von der «Washington Post» hat sie aufgeschrieben, nach jahrelangen Recherchen und Gesprächen. Sein Buch trägt den Widerspruch von Derek im Wortspiel seines Titels: «Rising out of Hatred», das heisst: aus dem Hass heraus wachsen – und dem Hass entwachsen.

Dereks Götti ist David Duke, langjähriger Anführer des Ku-Klux-Klans, sein Vater unterhält die nazistische Website «Stormfront». Derek hilft dem Vater schon als Kind bei seiner wöchentlichen Radiosendung im Internet, später moderiert er sie selber. Hunderttausende hören zu. Je länger Barack Obama das Land regiert, desto mehr werden es.

Dereks Gesinnungsfreunde halten die Weissen für eine überlegene, aber gefährdete Rasse, bedroht durch Multikulturalität und steigende Geburtszahlen der Minderheiten. Sie wollen, dass alle anderen aus Amerika verschwinden: Schwarze, Muslime, Juden, Araber, Asiaten.

Am Ende lehrt er die Geschichte des Islam

Der junge Derek hat Erfolg bei seinen Leuten. Er ist sehr intelligent, sprachbegabt und musikalisch, strahlt Charisma aus, kann gut reden und schreiben. Er verkörpert, was David Duke seiner Bewegung als neue Strategie verschrieben hat: radikale Ansichten, gewinnender Auftritt. Die neue Rechte soll in die Mitte. Als Donald Trump seine Kandidatur für die Präsidentschaft ankündigt, hat die Bewegung ihren Anführer gefunden.

Nach dem Gymi geht Derek an die Uni, zum New College in Florida, und studiert Geschichte. Bald wird seinen Kommilitonen klar, was der sympathische Kollege für Ansichten im Netz verbreitet. Sie misstrauen ihm. Trotzdem freundet sich Derek mit jüdischen Mitstudenten an. Und mit Allison, die ihn mit ihren liberalen Überzeugungen konfrontiert. Die beiden diskutieren nächtelang. Und verlieben sich.

Dennoch braucht Derek lange, um die Lügen seiner Erziehung zu durchschauen. Er liest über Geschichte, Intelligenz, Vererbung und Identität. Seine Erkenntnisse bringen ihn dazu, die Fakten anzuerkennen. Schliesslich bricht er mit der Bewegung. Ein Gastartikel in der «New York Times», im November 2016 publiziert, sorgt für eine Sensation. Von seinen früheren Freunden wird Derek dermassen bedroht, dass er seinen Namen ändert und wegzieht. Heute lebt er mit Allison und ihren Kindern in der Nähe von Chicago. Dort lehrt er die Geschichte des mittelalterlichen Islam.

Erstellt: 01.08.2019, 20:01 Uhr

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