Bidens Schwäche macht ihn stark

Pete Buttigieg rückt zu den beiden führenden demokratischen Präsidentschaftskandidaten auf. Er profitiert auch von der Sehnsucht nach einem Generationenwechsel.

Pete Buttigieg will «kühn und nach vorne gerichtet regieren, aber dabei sichergehen, dass wir das amerikanische Volk einen und nicht weiter polarisieren». <nobr>Foto: Charlie Neibergall (Keystone)</nobr>

Pete Buttigieg will «kühn und nach vorne gerichtet regieren, aber dabei sichergehen, dass wir das amerikanische Volk einen und nicht weiter polarisieren». Foto: Charlie Neibergall (Keystone)

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Er ist 37 Jahre alt, nur knapp über dem Mindestalter, das die amerikanische Verfassung von einem Präsidenten verlangt. Und weder regiert er als Gouverneur einen Bundesstaat, noch sitzt er im Washingtoner Senat. Pete Buttigieg bekleidet lediglich den Posten des Bürgermeisters in South Bend, einer mittelgrossen Stadt von 100'000 Seelen im Bundesstaat Indiana – und ist zu allem Überfluss auch noch schwul.

Dennoch ist der jungenhaft aussehende Politiker mit dem unaussprechlichen Namen zu einem ernsthaften Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei geworden.

In etwas mehr als drei Monaten finden im Mittweststaat Iowa die ersten Parteiversammlungen zur Auswahl dieses Präsidentschaftskandidaten statt, eine Entscheidung, die den weiteren Verlauf der demokratischen Vorwahlen beeinflussen dürfte. Und laut einer brandneuen Umfrage rückt «Mayor Pete», wie Buttigieg genannt wird, zusehends näher an die beiden Spitzenreiter Joe Biden und Elizabeth Warren heran. Fünf Prozentpunkte trennen ihn vom Ex-Vizepräsidenten, vier von der Senatorin aus Massachusetts.

Demokraten mit Ambitionen (v.l.): Biden, Warren und Buttigieg am 15. Oktober in Westerville, Ohio. Foto: John Minchillo (Keystone)

Zudem hat Buttigieg viel Geld in der Wahlkampfkasse und verfügt über eine robuste politische Infrastruktur in Iowa, wo es gilt, die eigenen Anhänger am Tag der Parteiversammlungen im Februar 2020 mit allen Mitteln zu mobilisieren und notfalls mithilfe von Freiwilligen zu den Versammlungszentren zu karren. Der plötzliche Aufstieg des Bürgermeisters verdankt sich zweierlei: seinem starken Auftritt bei der Debatte der demokratischen Kandidaten in der vergangenen Woche in Ohio sowie dem Schwächeln Joe Bidens.

«Mayor Pete» greift an

Barack Obamas Vizepräsident ist Kandidat einer politischen Mitte, die sich abgrenzen will vom linken Flügel der Partei und von dessen Repräsentanten Bernie Sanders und Elizabeth Warren. Zwar weiss Biden die wichtige afroamerikanische Wählergruppe noch immer hinter sich, doch tendiert er ansonsten in der Wählergunst nach unten. Buttigieg möchte Bidens Standort im Zentrum besetzen und machte bei der Debatte in Ohio auch deshalb auf sich aufmerksam, weil er Warrens Plan für die Reform des US-Gesundheitswesens attackierte.

Die Senatorin, so sein Vorwurf, wolle ein verstaatlichtes Gesundheitswesen und ein Ende privater Krankenversicherer, ohne aber den Amerikanern zu sagen, wie teuer dies käme. Buttigieg möchte eine staatliche Option anbieten, den Wählern jedoch überlassen, ob sie ihre vom Arbeitgeber gestellte Krankenversicherung behalten wollen. Sein «kühler und bedachtsamer Stil wäre beim Hauptwahlkampf gegen Donald Trump ein riesiger Vorteil», urteilte die Kolumnistin Jennifer Rubin in der «Washington Post» über den Debattenauftritt des Bürgermeisters.

Mit frischen Gesichtern fuhren die Demokraten stets am besten.

Eine andere Frage ist freilich, ob eine Wählermehrheit bereit wäre, einen Schwulen ins Weisse Haus zu entsenden. Buttigieg ist davon überzeugt, andere sind es nicht. Ihnen entgegnet der Bürgermeister und Veteran des Kriegs in Afghanistan, dass er wie kein anderer im Feld der demokratischen Kandidaten geeignet sei, aus der politischen Mitte heraus die Polarisierung des Landes zu überwinden. Er wolle «kühn und nach vorne gerichtet regieren, aber dabei sichergehen, dass wir das amerikanische Volk einen und nicht weiter polarisieren», erläuterte Buttigieg am Sonntag in einem TV-Interview.

«Mayor Pete» kann überdies darauf verweisen, dass die Demokratische Partei stets am besten fuhr, wenn sie frische Gesichter nominierte, beispielsweise John F. Kennedy 1960, Jimmy Carter 1976, Bill Clinton 1992 und Barack Obama 2008. Zog die Partei hingegen mit altbekannten Figuren wie Al Gore 2000, John Kerry 2004 und Hillary Clinton 2016 in die Präsidentschaftswahlen, verlor sie.

Buttigiegs Kalkül ist klar: Er setzt auf die Schwäche Joe Bidens sowie die Sehnsucht nach einem Generationenwechsel in der amerikanischen Politik.


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Hören Sie sich die neuste Folge vom Podcast «Entscheidung 2020» mit USA-Korrespondent Alan Cassidy und Redaktor Philipp Loser auch auf Spotify oder auf iTunes an.


Erstellt: 22.10.2019, 20:20 Uhr

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