«Die Leute haben keine Ahnung von dem Gemetzel»

Jährlich 40'000 Tote durch Schusswaffen: Eine US-Ärztin erzählt über die Arbeit in der Notaufnahme und was Kugeln anrichten können.

Die Folgen des blutigen Irrsinns: Aufräumarbeiten in der Notaufnahme eines US-Spitals. Foto: Jonathan Torgovnik (Getty Images)

Die Folgen des blutigen Irrsinns: Aufräumarbeiten in der Notaufnahme eines US-Spitals. Foto: Jonathan Torgovnik (Getty Images)

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Manchmal sind die Kleider von Raquel Forsythe so voller Blut, dass sie sich umziehen muss, bevor sie raus zu den Angehörigen geht. Die sitzen im Wartezimmer der Notaufnahme, starr und voller Angst, und Forsythe will nicht in einem rot verschmierten Chirurgenkittel vor ihnen stehen, wenn sie ihnen mitteilt, dass ihre Tochter nie wieder laufen kann, weil eine Kugel ihr das Rückgrat zertrümmert hat; oder dass ihr Sohn tot ist, weil seine Aorta von einem Stück Blei zerfetzt wurde. Also zieht Forsythe die blutgetränkten Sachen aus und saubere, frisch gebügelte an, um die schlechten Nachrichten zu überbringen.

Seit 15 Jahren arbeitet Raquel Forsythe als Notärztin in Pittsburgh. Sie hat in dieser Zeit Hunderte Schusswunden versorgt. «Das wird zur Routine», sagt sie. «Aber mit den Familien zu reden, ihnen von schweren Verwundungen erzählen zu müssen, die ein Leben beendet haben oder es für immer verändern werden, das wird nie Routine.»

Ein Geschoss aus einem AR-15-Gewehr zertrümmert Knochen zu Splitterbrei.

Etwa 40'000 Menschen sterben in den Vereinigten Staaten jedes Jahr an einer Schussverletzung. Sechs von zehn dieser Todesfälle sind Suizide, der Rest sind Morde oder tödliche Unfälle. Dazu kommen mindestens 70'000 Menschen, die durch Schüsse verwundet werden. Für die meisten Amerikaner ist dieser blutige Irrsinn etwas Abstraktes. Sie sehen im Fernsehen Bilder von flackernden Polizeilichtern in einem finsteren Stadtviertel, in dem sich Drogendealer ein Gefecht geliefert haben. Sie lesen davon, dass ein frustrierter Angestellter sich für seinen Rauswurf dadurch gerächt hat, dass er den Chef und ein paar Kollegen hingerichtet hat. Sie hören, dass ein wütender Mann seine Frau erschossen hat. Oder dass ein Dreijähriger Papas geladene Pistole gefunden, in den Lauf geschaut und abgedrückt hat.


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Dann weint eine Familie. Freunde und Nachbarn trauern. Aber die meisten Opfer sterben, ohne dass das Land sich nennenswert für sie interessiert. Für die Verletzten sowieso nicht. Sie leben ja noch.

Die Einzigen, die jedes einzelne Opfer vor sich liegen haben, die jedem Verwundeten und jedem Toten ins Gesicht schauen und seinen Namen notieren, sind Leute wie Raquel Forsythe. Amerikas Ärzte, könnte man sagen, sind die Verwalter des amerikanischen Waffenwahns. Sie flicken die Opfer wieder zusammen oder verabschieden sie in den Tod, Dutzende an jedem Tag und ohne dass die Öffentlichkeit viel davon mitbekommt, was in den Notaufnahmen und Traumazentren des Landes los ist. «Die Leute haben keine Ahnung von dem Gemetzel, mit dem wir es dauernd zu tun haben», sagt Forsythe.

Was Gewehrkugeln anrichten

Forsythe ist eine ruhige Frau Anfang vierzig. Sie sitzt in ihrem Büro im Presbyterian Hospital und erzählt freundlich und professionell davon, was Kugeln anrichten, wenn sie auf menschliche Körper treffen. Forsythe ist Medizinprofessorin an der University of Pittsburgh, einen Teil ihrer Zeit verbringt sie damit, Studenten in Unfallchirurgie zu unterrichten. Daneben tut sie Dienst in der Notaufnahme. Pittsburgh ist keine besonders kriminelle Stadt, längst nicht so gewalttätig wie Chicago oder Baltimore. Trotzdem landen jedes Jahr etwa 400 Schusswaffenopfer im Emergency Room von Forsythe.

Forsythe besitzt keine Schusswaffen, sie hat in ihrem Leben noch nie ein Gewehr oder eine Pistole abgefeuert. Aber sie kann über Kalibergrössen und Mündungsgeschwindigkeiten reden wie ein alter Soldat, der im Krieg war. Sie kennt sich aus mit Vollmantelgeschossen, Teilmantelgeschossen und Hohlspitzgeschossen. Und sie weiss, wie sie wirken. «Ich weiss sehr viel über Wundballistik», sagt sie.

«Wir sehen immer grössere Kaliber», sagt Forsythe. «Die Waffen verändern sich, die Munition verändert sich.» Das Krankenhaus, in dem Forsythe arbeitet, ist ein sogenanntes Level-1-Traumazentrum. Bei schweren Verwundungen kümmern sich zehn bis zwölf Helfer um einen Patienten – Ärzte, Assistenten, Schwestern. Sie versuchen, Blutungen zu stoppen, machen Röntgen- und Ultraschallaufnahmen, legen Zugänge für Infusionen und Bluttransfusionen, schieben Plastikschläuche zur Drainage in den Brustkorb des Patienten oder einen Tubus in seine Luftröhre.

Manche Schussopfer wurden mehrfach getroffen. Dann müssen die Ärzte die Einschusslöcher und die Austrittswunden zählen. «Die Zahlen müssen übereinstimmen», sagt Forsythe. «Stimmen sie nicht, dann heisst das, dass noch Kugeln im Körper stecken. Die müssen wir dann auf den Röntgenbildern finden.»

110 Tote – pro Tag

Wenn es einem Patienten schlecht geht, wird er in der Regel in einen Operationsraum verlegt und dort weiterbehandelt. Doch manchmal fehlt dazu die Zeit, der Patient stirbt den Helfern buchstäblich unter den Händen weg. Danach stehen die Ärzte in Pfützen von Blut, ihre Schuhe sind rot, ihre Kittel und Hosen nass und klebrig. «Die Überlebensrate ist in diesen Fällen nicht sehr hoch», sagt Forsythe. «Aber wir wollen nicht, dass irgendjemand stirbt, ohne dass wir alles versucht haben, um ihn zu retten.»

Das, was Forsythe beschreibt, ist das normale Leiden und Sterben in Ame­rika. 110 Tote durch Schusswaffen, 190 Verwundete, jeden Tag. Und als reiche das nicht, ragen aus diesem Elend alle paar Monate die grossen Massenschiessereien heraus. 50 Tote und 53 Verwundete in einem Nachtclub in Orlando. 59 Tote und 422 Verwundete bei einem Freiluftkonzert in Las Vegas. Oder, wie am 27. Oktober 2018: 11 Tote und 6 Verwundete in einer Synagoge in Pittsburgh.

Das war an einem Samstagmorgen – Sabbat –, und Keith Murray wollte gerade mit seinem kleinen Sohn zu einer Geburtstagsfeier gehen, als kurz vor zehn der Alarm kam. Also packte Murray seinen Helm, seine Schutzweste, seinen Rucksack mit medizinischer Ausrüstung und seine Pistole ins Auto. Dann fuhr er in die Innenstadt von Pittsburgh, in ein hübsches Viertel namens Squirrel Hill, und parkte in einem Vorgarten gegenüber der Tree-of-Life-Synagoge. Das Gotteshaus war kurz davor von einem schwer bewaffneten Rechtsradikalen überfallen worden, der zu diesem Zeitpunkt im Gebäude umherging und betende Menschen ermordete.


Video: 10 Tote – 17-Jähriger schiesst in Klasse um sich (Mai 2018)

Bei einer Schiesserei an einer Schule im US-Bundesstaat Texas sind mehrere Menschen getötet worden. Video: AFP


Keith Murray ist ein Kollege von Raquel Forsythe, er lehrt Notfallmedizin an der University of Pittsburgh. Ausserdem ist er der Medizinische Direktor des Spezialeinsatzkommandos der Pittsburgher Polizei. Der 42-Jährige strahlt die gleiche freundliche, gelassene Professionalität aus wie Forsythe, während er davon erzählt, wie die Polizisten sich an jenem Morgen in der Synagoge an den Schützen herangearbeitet haben, wie er zerschossene Arme und Beine abband und über Leichen stieg.

Ein Grund, warum diese Massenschiessereien so verheerend sind, ist die Waffe, die viele der Attentäter dabei benutzen. Bei den Ganggefechten, deren Opfer bei Raquel Forsythe im Emergency Room abgeliefert werden, wird meist mit grosskalibrigen Pistolen geschossen, zum Beispiel mit einer Glock. Die bevorzugte Waffe von Amerikas Massenmördern ist hingegen die AR-15, ein Schnellfeuergewehr, das vor dem Vietnamkrieg für die US-Armee entwickelt wurde und in den vergangenen Jahren in Dutzenden Varianten an Millionen Privatleute verkauft wurde. «Das ist eine sehr tödliche Waffe», sagt Murray.

Eine Pistolenkugel hinterlässt normalerweise einen geraden, begrenzten Wundkanal, der in etwa so breit ist wie ihr Kaliber. Knochen durchschlägt sie glatt. Ein AR-15-Geschoss hingegen zertrümmert Knochen zu Splitterbrei. Weil die Kugel so leicht ist, wird sie im Körper abgelenkt und beginnt zu taumeln. Dabei zieht sie eine Druckwelle hinter sich her wie ein Rennboot, das einen schmalen Fluss entlangrast. Diese zerstört weit um die Kugel herum das Gewebe. Die Austrittswunde ist faustgross.


Video: 4 Tote – Angreifer erschiesst auf Krankenhausgelände Menschen (November 2018)

Polizisten haben das Gebiet abgeriegelt: Vor und in einem Spital in Chicago kam es zu einer Schiesserei. Video: AP


Auch der Attentäter in der Pittsburgher Synagoge schoss mit einer AR-15 um sich. «Im Gebäude haben wir deswegen damals kaum lebende Verwundete gefunden», sagt Murray. «Elf Opfer waren DOA.» Das ist auch so eine Polizistenabkürzung. DOA – dead on arrival. Die Menschen waren bei der Ankunft der Retter längst tot.

Forsythe hofft, dass der Ärzteprotest die Politiker endlich davon überzeugt, die Waffengesetze zu verschärfen. «Ich bin sehr dafür», sagt sie. «Man könnte viel tun, um die Sicherheit zu erhöhen, ohne dass man allen Leuten das Jagen verbieten muss.»

Die Macht der Waffenlobby

Murray ist da skeptischer. «Wenn jede einzelne Waffe verschwände, wäre das natürlich ideal», sagt er. Aber er weiss, dass das illusorisch ist. Dazu ist die Macht der Waffenlobby NRA zu gross, die für die Ärzte nur Hohn übrig hat. Für Präsident Donald Trump ist die NRA eine der wichtigsten Unterstützerorganisationen. Erschossene Schulkinder tun ihm leid, aber nicht so, dass er sich deswegen mit der NRA anlegen würde.

Zudem sind Waffen tief in der amerikanischen Kultur verwurzelt. Auch Murray ist Jäger, er ist mit Waffen aufgewachsen und besitzt selbst elf Schusswaffen: Jagdgewehre, eine Schrotflinte und Pistolen, die er umschnallt, wenn er mit dem Spezialeinsatzkommando ausrückt. Ja, sagt er, man könnte Privatleuten verbieten, militärische Sturmgewehre wie die AR-15 zu besitzen. Das wäre ein Anfang. «Aber Menschen werden immer Wege finden, um andere Menschen umzubringen.»

Erstellt: 08.03.2019, 21:02 Uhr

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