Solchen Unsinn glaubt keiner mehr

Bei der Drogenbehörde der UNO macht man sich Gedanken über eine Liberalisierung. Das ist bemerkenswert. Denn was man dort über Drogen denkt, diktiert Amerika.

Ist da draussen jemand? Junge Häftlinge in Phoenix, Arizona. Foto: Joshua Lott (Reuters)

Ist da draussen jemand? Junge Häftlinge in Phoenix, Arizona. Foto: Joshua Lott (Reuters)

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Aufregung bei der UNODC, dem UNO-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung in Wien. Anfang Woche hat die BBC öffentlich gemacht, was die konservative UNODC gerne für sich behalten wollte: dass man sich auch in ihren Reihen fragt, wie lange der Kampf gegen die Drogensucht noch über die Kriminalisierung der Süchtigen geführt werden soll.

Die Aufregung gilt einem internen Memo, das von der Ärztin Monica Beg verfasst wurde. Sie leitet die Sektion HIV/Aids der UNODC, gehört also zum mittleren Kader. Auf zwei dicht argumentierten Seiten empfiehlt sie die Legalisierung aller Drogen – somit das exakte Gegenteil der offiziellen Drogenpolitik ihrer Behörde, die sich an der amerikanischen Prohibitionsdoktrin orientiert. «Die Gesundheit der Öffentlichkeit zu schützen, ist ein legitimes Ziel», schreibt die Expertin, «aber Konsum und Besitz von Drogen für den Eigenverbrauch zu kriminalisieren, das ist weder nötig noch angemessen.» Im Gegenteil: Die Bestrafung verschlechtere nur die Gesundheit und die Lebensumstände der Betroffenen.

Das Memo war als Diskussionsbeitrag für die laufende internationale Drogenkonferenz in Kuala Lumpur gedacht. Monica Beg reagierte gestern nicht auf eine Anfrage. Der Sprecher der UNODC wollte nichts sagen über das hinaus, was er auf der Website seiner Organisation geschrieben hat. Dass nämlich das Papier weder ein fertiges noch ein offizielles Dokument darstelle; und dass nichts an den Berichten wahr sei, wonach die UNODC das Memo auf äusseren Druck zurückgezogen habe. Die BBC verortet den Druck auf «mindestens ein Land», was wohl heisst: die USA.

Junge Amerikaner, volle Gefängnisse

Nun ist das Memo der Aidsexpertin sehr wohl fertig mitsamt allen Fussnoten, und es ist insofern offiziell, als es von einem Kadermitglied der UNODC verfasst wurde. Warum ist dieses Papier so relevant? Warum reagiert die UNODC so nervös auf seine Veröffentlichung? Warum klingt die Behauptung der BBC glaubhaft, die UNO-Organisation sei unter Druck gesetzt worden?

Weil die Expertin empfiehlt, was die wenigsten amerikanischen Politiker hören wollen, aber immer mehr Fachleute fordern, Wissenschaftler, Kriminologen und selbst Mitglieder der Weltgesundheitsorganisation: dass der Kampf gegen die Drogen nicht über die Kriminalisierung der Konsumenten gewonnen werden kann. Wozu das führt, zeigt dramatisch die Situation in den USA, dem Land mit der weltweit höchsten Zahl an Gefangenen, viele von ihnen schwarze Jugendliche, die zu Hunderttausenden wegen vergleichsweise geringer Drogendelikte in die überfüllten Gefängnisse geschickt werden. Wo die meisten weiter kriminalisiert werden, weil ihre legale Zukunft praktisch verbaut ist.

Der 44-jährige «War on Drugs» hat keine Schlacht gewonnen.

Trotz solcher Erkenntnisse hält die amerikanische Regierung an einer Drogenpolitik fest, die vom republikanischen Präsidenten Richard Nixon 1971 als «War on Drugs» lanciert worden war. Seit dieser Kampfansage hat der 44-jährige Krieg, der von den USA über die Suchtkontrollbehörde der UNO weltweit exportiert wurde, keine einzige Schlacht gewonnen. Die Prohibition hat dafür eine 500-Milliarden-Drogenindustrie produziert. In Ländern wie Mexiko setzen Drogenkartelle den Staat ausser Kraft. Terrororganisationen finanzieren sich über Drogenverkäufe. Keine Grenzkontrolle kann verhindern, dass die verbotenen Substanzen zu den Konsumenten gelangen. Der internationale Drogenhandel ist so unabwendbar wie der Kapitalismus, weil er den Kapitalismus in seiner reinsten Form verkörpert. Breites Angebot, flehende Nachfrage.

Heroin wurde schwarz, Hanf mexikanisch

Dass die Amerikaner, in vielem so pragmatisch, bei der Bekämpfung der Drogensucht so lange auf ihrer Verbotspolitik bestanden, gründet im christlichen Puritanismus ihrer Vorfahren. Sie bescherten ihrem Land schon das Alkoholverbot der Zwanzigerjahre, das der Mafia zum Aufstieg verhalf. Sie empfanden Drogen als etwas Unamerikanisches, Verführerisches. Heroin wurde schwarz, Opium asiatisch und Hanf mexikanisch codiert. So liess sich der Kampf gegen die Drogensucht, der von der Skandalpresse hysterisch vorangetrieben wurde, rassistisch verbrämen. Hanfraucher wurden zu Vergewaltigern, Geisteskranken und Mördern umgeschrieben.

Solchen Unsinn glaubt keiner mehr. Sogar in den USA wächst die Einsicht, dass der Drogenkrieg nicht zu gewinnen ist. In Gliedstaaten wie Colorado oder Washington ist der kontrollierte Verkauf von Marihuana gestattet, in Kalifornien unter dem Vorwand medizinischer Indikation geduldet. Trotzdem hält deramerikanische Staat an seiner Drogenpolitik fest. Und stellt über sein New Yorker Verbindungsbüro sicher, dass die Drogenbekämpfungsbehörde der UNO sich kongruent verhält. Dass ein internes Memo eine solche Nervosität produziert, ist vielsagend. Wer die Folgen seiner Drogenpolitik dermassen stark verdrängt, für den sind schon zwei Seiten Wahrheit eine Bedrohung.

Erstellt: 21.10.2015, 23:19 Uhr

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