Clinton hat «keine Lust mehr»

Hillary Clinton hat das erste TV-Interview seit ihrer Wahlniederlage gegeben. Selbstkritik? Nicht wirklich.

«Ich habe zu sehr versucht, die Probleme der Menschen zu lösen»: Hillary Clinton verpackt in angeblicher Selbstkritik ein gutes Stück Selbstlob. Video: CBS Sunday Morning (Youtube)


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Hillary Clinton trägt immer noch einen Schutzpanzer. Zumindest ihrem Blazer nach zu urteilen, ein türkisfarbenes Monstrum. Der ist so hochgeschlossen, dass er stark an den Schutzkragen einer Ritterrüstung erinnert, der die Kehle vor Schwerthieben bewahren soll. Dabei ist das gar nicht nötig. Hiebe hat Clinton in diesem ersten TV-Interview seit ihrer Wahlniederlage gegen Donald Trump vor fast auf den Tag genau zehn Monaten kaum zu erwarten.

Die Sendung «Sunday Morning», in der das aufgezeichnete Interview ausgestrahlt wird, gehört zum Sender CBS. Und Clintons Buchverlag, in dem kommende Woche ihre Wahl-Memoiren unter dem Titel «What happened» – also «Was passiert ist» – erscheinen, ist ein Tochterunternehmen von CBS. Das Interview führt die Moderatorin der Sendung, Jane Pauley, die sich eher im Kuschelspektrum auf der Bissigkeitsskala bewegt.

Clinton räumt in dem Interview nur Unvermeidliches ein. «Ich habe es nicht geschafft. Und damit muss ich leben für den Rest meines Lebens.» Oder: «Ich habe sicher ein paar Chancen nicht genutzt.» Was lässt sich dagegen schon sagen. Sie hat es ja ganz offensichtlich nicht ins Weisse Haus geschafft. Und sie will 2020 auch nicht nochmals antreten. «Ich habe keine Lust mehr, Kandidatin zu sein.»

Interessanter ist da die Selbstbeobachtung, dass sie sich gefühlt habe, als «hätte ich alle hängengelassen». Was ist denn nun der grösste Fehler, den sie gemacht hat? Worin genau liegt ihre Verantwortung?

E-Mails im Keller

Was kommt, muss jeden enttäuschen, der sich mit der Wahlniederlage von Clinton genauer befasst hat. Ihr grösster Fehler sei ihr Umgang mit dienstlichen E-Mails gewesen, die sie über einen privaten E-Mail-Server in ihrem Keller hat laufen lassen. Sagt sie. Elf Tage vor dem Wahltag erklärte der damalige FBI-Chef James Comey halböffentlich, er werde sich neue aufgetauchte Mails genauer ansehen. Mails, die sich als völlig irrelevant herausgestellt haben. Aus Clintons Sicht aber erweckte Comey den Eindruck, das FBI wolle die Ermittlungen gegen sie wiederaufnehmen, die es doch im Sommer erst für unnötig erklärt hatte. Ihr «Momentum» sei damit vorüber gewesen, das habe ihrer Kampagne das Genick gebrochen, sagt sie jetzt.

Was Clinton und auch die CBS-Moderatorin völlig ausblenden ist, dass Clinton die Wahl mit drei Millionen Stimmen mehr als Trump abschloss. Dass ihr aber am Schluss nur knapp 80'000 Stimmen in den einst demokratischen Staaten Wisconsin, Michigan und Pennsylvania gefehlt haben, um die Mehrheit im alles entscheidenden Wahlmänner-Gremium zu bekommen. Insgesamt 80'000 Stimmen in drei Staaten, die Clinton für derart sicher gehalten hat, dass sie dort so gut wie keinen Wahlkampf gemacht hat. Obwohl zumindest Michigan und Wisconsin seit 2011 wieder von republikanischen Gouverneuren regiert werden. Trump war da. Mehr als einmal. Reporter berichteten, die Staaten seien zugepflastert gewesen mit Trump-Plakaten. Nur Clinton-Schilder hätten sie nicht gesehen.

Fehlersuche im Rust Belt

Die Bundesstaaten, die der Republikaner Trump knapp gewann, gehören zum Rust Belt, dem Rostgürtel der USA. Rost, weil dort früher Stahl- und Kohleindustrie gross waren. Und jetzt eben nicht mehr. Die Demokraten haben es versäumt, neue Industrien anzusiedeln. Barack Obama hat es nicht mal versucht. Und Clinton hat den jetzt arbeitslosen Ex-Kohle- und Stahlarbeitern kaltherzig erklärt, ihre Jobs kämen nicht wieder. Aber sie könnten ja jetzt Windkraftanlagen bauen.

Keine völlig absurde Idee. Aber damit hätten die Demokraten Jahre vorher anfangen können. Und nicht jeder Kumpel wird von heute auf morgen ein Maschinenbauer. Wenn Clinton Fehler finden will, hier könnte sie anfangen zu suchen.

Stattdessen erklärt sie, dass sie vielleicht nicht aggressiv genug gewesen sei im Wahlkampf. Dass sie zu sehr versucht habe, die Probleme der Menschen zu lösen. Während Trump in seiner andauernden Reality-Show die Ängste und die Wut der Menschen noch geschürt habe. Und dass sie vielleicht der Wut mehr Raum hätte geben müssen. Da verpackt sie in angeblicher Selbstkritik ein gutes Stück Selbstlob.

Was sich Clinton vorwerfen kann

Clinton, das wird in ihrem TV-Auftritt deutlich, will keine Fehler analysieren. Sie sorgt sich um ihren Platz in den Geschichtsbüchern. Sie hat die Wahl gegen den Mann verloren, den keiner ernsthaft für fähig halten konnte, das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten verantwortungsvoll zu führen. Nach mehr als einem halben Jahr im Amt haben sich die schlimmsten Befürchtungen auf wenig überraschende Weise bestätigt.

Wenn sie sich etwas vorwerfen kann, dann nicht, dass sie die Wahl verloren hat. Sondern, dass sie nicht alles gegeben hat, damit Trump die Wahl nicht gewinnt. Stattdessen tritt sie jetzt noch gegen ihren innerparteilichen Kontrahenten Bernie Sanders nach. Seine Angriffe auf sie hätten verhindert, dass die Demokratische Partei geeint in den Wahlkampf ging, sagt sie in dem Interview. Gut, dass sie sich auf CBS hat befragen lassen. Woanders hätte womöglich jemand nachgefasst. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 11.09.2017, 13:45 Uhr

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