Dagegen ist Donald Trump ein Chorknabe

Der rechtsextreme Ex-Militär Jair Bolsonaro könnte neuer brasilianischer Präsident werden. Es wäre der Triumph des Wahnsinns.

Hasstiraden gegen Medien und Establishment, Frauen und Schwarze: Jair Bolsonaro. Die zum Revolver geformten Finger sind sein Markenzeichen - als Drohung gegen Kriminelle.

Hasstiraden gegen Medien und Establishment, Frauen und Schwarze: Jair Bolsonaro. Die zum Revolver geformten Finger sind sein Markenzeichen - als Drohung gegen Kriminelle. Bild: Reuters

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Man nennt Jair Bolsonaro auch den «brasilianischen Trump», was er als Ehre empfindet. Aber verglichen mit dem 63-jährigen früheren Fallschirmjäger der brasilianischen Armee erscheint der US-Präsident als Verkörperung von Weisheit, Ausgeglichenheit und Zurückhaltung. Am letzten Sonntag hat Bolsonaro am Parteitag der Sozial-Liberalen Partei offiziell seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen vom kommenden Oktober bekannt gegeben. Laut Umfragen wollen 17 Prozent der Wahlberechtigten für ihn stimmen, doppelt so viele wie im März. Ein Umfrageinstitut sieht seinen Zustimmungswert sogar bei über 30 Prozent.

5 Millionen Followers hat Bolsonaro auf Facebook, und die ergötzen sich an seinen verbalen Attacken auf Schwarze, Frauen, Schwule und Minderheiten. Und an seinen Hasstiraden gegen Medien und Establishment. Dabei hat Bolsonaro während der bald dreissig Jahre, die er im Kongress sitzt, für neun verschiedene Parteien kandidiert. Das Image als Aussenseiter, das er kultiviert, ist eine Verhöhnung der Realität. Und sein Lobgesang auf die Militärdiktatur, die Brasilien zwischen 1964 und 1985 im Würgegriff hielt, ist ein Angriff auf alle Werte, die eine Demokratie ausmachen.

«Zu hässlich, um vergewaltigt zu werden»

Jair Bolsonaro im O-Ton: «Die Schwulen sind ein Produkt des Drogenkonsums.» «Der Fehler der Militärdiktatur bestand darin, zu foltern, statt zu töten.» «Polizisten, die nicht töten, sind keine Polizisten.» «Frauen sollen weniger verdienen als Männer, weil sie schwanger werden.» «Wenn ich zwei Männer sehe, die sich auf der Strasse küssen, schlage ich zu.» Bolsonaro fordert, Abtreibung und Homosexuellenehe zu verbieten, er plädiert für freien Waffenbesitz, die Legalisierung von staatlicher Folter und die standrechtliche Hinrichtung von Drogenkriminellen.

Er hat sich dafür ausgesprochen, Brasiliens grösste Favela aus Militärhelikoptern zu beschiessen, er musste eine Abgeordnete finanziell entschädigen, nachdem er gesagt hatte, sie sei zu hässlich, um von ihm vergewaltigt zu werden. Mit Jair Bolsonaro ist die Fratze des Hasses und der Intoleranz ausgerechnet in Brasilien erschienen, jenem Land, dem man doch gemeinhin so schöne Eigenschaften wie sambabeschwingte Leichtigkeit, Humor, Lebensfreude und erotisch vibrierende Unbefangenheit attestiert.

Doch offensichtlich haben irgendwann auch die Beschwingten genug. Symptomatisch ist die Aussage, die der 71-jährige Rentner Tubiraci Alves dos Santos kürzlich gegenüber der spanischen Zeitung «El Pais» machte: «Ich werde für Bolsonaro stimmen, weil ich all die korrupten Politiker wirklich satt habe. Ich weiss nicht, ob er gut oder schlecht ist, aber meine Stimme ist eine Stimme der Entrüstung.» Und der 26-jährige arbeitslose schwarze Elektriker Gléiser de Souza sagte: «Er ist der einzige, der nicht dasselbe tun wird wie alle anderen.»

«Der Fehler der Militärdiktatur bestand darin, zu foltern, statt zu töten»: Jair Bolsonaro lässt sich bei einem Wahlkampfauftritt in Rio de Janeiro von Anhängern feiern. Foto: AFP

Bolsonaro ist ein Produkt der Hoffnungslosigkeit und der Verzweiflung. Er ist die gesalzen teure Rechnung für das Versagen traditioneller Parteien und Politiker. Seine Attraktivität liegt im Versprechen, genau jenes System niederzureissen, dessen Verworfenheit er seinen Aufstieg verdankt. Er ist das Symptom eines globalen Phänomens, das Brasilien besonders heftig befallen hat, weil seine Gesellschaft zerrüttet ist wie wenige in der westlichen Welt. Bolsonaro unterstützen jene, die in gnadenloser Härte das einzige Mittel gegen die Kriminalität sehen, der jährlich mehr als 60'000 Menschen zum Opfer fallen.

Auf ihn hoffen Konservative, Klerikale und Evangelikale, die das traditionelle Familienmodell und althergebrachte Geschlechterrollen hochhalten. Die finden, man sollte Schwulen, Feministinnen, Menschenrechtlern, Regenwaldrettern und schwarzen Aktivistinnen endlich das Maul stopfen. Mit Bolsonaro liebäugelt auch jener wirtschaftsliberale Teil der Mittel- und Oberschicht, der während der Präsidentschaft von Luiz Inácio Lula da Silva klagte, das Land werde von einem verkappten Kommunisten regiert.

Nur Lula ist beliebter

Bolsonaro ist im Moment der populärste Präsidentschaftskandidat, aber er ist noch lange nicht am Ziel. Viel beliebter als er ist laut Umfragen Ex-Präsident Lula, den gut 30 Prozent unterstützen – in der wahrscheinlich irrigen Hoffnung, er könnte trotz deutlich schlechterer ökonomischer Rahmenbedingungen wieder finanzielle Segnungen über das Land ausschütten, wie er es während seiner beiden Amtszeiten in den Nullerjahren getan hat. Doch Lula sitzt wegen Korruption im Gefängnis, und mit jedem Tag wird die Wahrscheinlichkeit kleiner, dass er trotz seiner Verurteilung den juristischen Kampf um eine erneute Kandidatur gewinnt. Ein grosses Handicap für Bolsonaro ist ferner, dass es bisher alle wichtigen rechten Kräfte abgelehnt haben, mit ihm und seiner Sozial-Liberalen Partei eine Koalition zu bilden.

Laut dem Soziologen Celso de Barros müsste unter normalen Umständen jeder traditionelle Gegenkandidat in einer Stichwahl gegen den Ex-Militär gewinnen. Aber so hat man damals bei Donald Trump auch argumentiert. «Würde die brasilianische Politik auch nur im Mindesten funktionieren, wäre Bolsonaro bei den Wahlen 2018 nur ein komischer Kontrapunkt», sagt de Barros. «Aber wir haben keine normale Situation.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.07.2018, 19:08 Uhr

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