Als gäbe es keinen Himmel und keine Sonne mehr

Kalifornien erlebt noch nie gesehene Feuersbrünste. Die Bewohner halten zusammen – auch wenn Donald Trump sie verhöhnt.

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Juan Carbuccia wohnt im Ort Thousand Oaks, 1272 Calle Las Casas, knapp 50 Kilometer nordwestlich von Los Angeles gelegen und nur zehn Autominuten entfernt von der Country-Bar Borderline, in der am vergangenen Mittwoch der ehemalige Soldat Ian David Long zwölf Menschen erschossen und sich anschliessend selbst getötet hat. Erst mussten die Menschen in dieser Gegend erleben, wie ihre Nachbarn und Freunde niedergemäht wurden, nun sehen sie sich Feuersbrünsten gegenüber, die in der Geschichte Kaliforniens ihresgleichen suchen.

Carbuccia aber bittet freundlich herein, er ist sichtlich besorgt; er führt den Besucher durch den Hinterausgang am Pool vorbei in den verdorrten Garten und präsentiert die Apokalypse. Hinter seinem Haus erstreckt sich ein Tal, das den schönen Namen «Conejo Valley» trägt, Tal der Kaninchen. Es brennt dort auf einer Fläche von 40 Fussballfeldern, im Minutentakt kippen Löschhelikopter Wasser ins Tal und ein bisschen auch über das Haus von Carbuccia. Der Rauch presst sich in die Lungen.

Kalifornien steht für Sonne, für Strand und für sehr gute Laune. In diesem Garten aber wirkt es, als gäbe es keinen Himmel mehr und keine Sonne. In der Nacht zum Samstag, um drei Uhr morgens, ­hatte Carbuccia auf Anordnung der Feuerwehr fliehen müssen, am Montagmorgen kehrte er zurück. «Schauen Sie sich mal mein Haus an», sagt er, «das habe ich vor nicht einmal einer Stunde komplett abgespritzt.» Das einstöckige Haus ist schon wieder so trocken, dass ein Funke genügen würde, um es in Flammen zu setzen. Keine 30 Meter entfernt befindet sich der Rand des Feuers.

Video – So wüteten die Flammen in Kalifornien

Drohnenaufnahmen zeigen die Zerstörung in Malibu. (Video: Ari Soffer via Storyful)

Seit Tagen kämpfen Tausende Feuerwehrleute im Norden und im Süden Kaliforniens gegen epische Brände. Bisher sind mehr als 40 Menschen in den Flammen umgekommen, rund 300 werden vermisst. Mehr als 300'000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Im Norden hat das sogenannte Camp Fire mindestens 7000 Häuser zerstört.

In Südkalifornien sind durch das «Woolsey Fire» 370 Wohnhäuser, Bürogebäude und Fabriken abgebrannt. Da die Winde Mitte der Woche wieder stärker werden sollen und mit Geschwindigkeiten von bis zu 80 Stundenkilometern die Feuer in nicht vorherzusehende Richtungen treiben, gelten ungefähr 6000 Gebäude als gefährdet. Kalifornien hat schon viele Brände erlebt, aber dies ist – mal wieder – eine neue Kategorie.

Die Kalifornier wissen, dass sie in einem Paradies leben, und sie wissen auch, dass dieses Paradies immer wieder von grossen Plagen heimgesucht wird: Erdbeben, Bränden, Schlammlawinen. Bei jeder neuen Katastrophe kümmern sich die Einwohner auf rührende Weise umeinander. Empathie triumphiert in diesem Staat, dem so gern die grosse Oberflächlichkeit vorgeworfen wird, fast immer über Egomanie. Auch deshalb war die Empörung gross, als sich Präsident Donald Trump jüngst per Twitter zu Wort meldete. «Es gibt keinen Grund für diese massiven, tödlichen und teuren Waldbrände in Kalifornien, ausser, dass die Wälder miserabel gemanagt werden», schrieb er. Er drohte, staatliche Zuschüsse zu streichen, falls sich nicht umgehend etwas ändere.

Ein Feuerwehrmann bei einem Haus mit Pool, das vor den Flammen des Woodley-Brandes gerade noch gerettet werden konnte. Foto: Eugene Garcia (EPA, Keystone)

Diese Behauptung, verfasst in einem Pariser Hotelzimmer, in dem er sich während des Gedenkens an das Ende des Ersten Weltkriegs verkrochen hatte, weil es draussen regnete, war ein Schlag ins Gesicht all jener Männer und Frauen, die seit Tagen bis zur Erschöpfung gegen die Brände kämpften. Ein Schlag ins Gesicht all jener, die ihre Häuser, die ihr sämtliches Hab und Gut verloren hatten. Eine Verhöhnung der Toten.

Klimawandel macht Brände grösser

Der Feuerwehrchef von Los Angeles antwortete so ruhig wie möglich. «Der Klimawandel», sagte Daryl Osby, «war zweifellos ein Grund dafür, dass die Feuer in Nord- und Südkalifornien mehr Verwüstung und Zerstörung angerichtet haben als in den vergangenen Jahren.» Die Herausforderung des Klimawandels, sagte er demonstrativ sachlich, betreffe den gesamten Staat, «und das wird auf absehbare Zukunft so bleiben».

Tatsächlich sind Wissenschaftler ­sicher, dass die langfristige Klimaentwicklung mitverantwortlich ist für die Waldbrandgefahr in Kalifornien. Den jüngsten Feuern ging eine ungewöhnliche Dürreperiode voraus. Daten der kalifornischen Behörden zeigen: Zwar ist die Häufigkeit von Bränden nicht signifikant gestiegen, wohl aber die Ausmasse der einzelnen Brände. Das ist exakt, was Wissenschaftler im Zuge einer globalen Erwärmung erwarten.

Eine Zunahme zerstörerischer Waldbrände prognostizieren alle Klimaszenarien. Selbst wenn es gelänge, den Klimawandel einzudämmen, ginge es jahrzehntelang so weiter. Dazu kommt, dass im Weissen Haus jemand sitzt, von dem man froh sein müsste, wenn er das Thema wenigstens ignorierte. Aber Trump handelt. Im vergangenen Jahr hat er den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen verkündet, in dem sich die Weltgemeinschaft darauf geeinigt hatte, Treibhausgase zu reduzieren.

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Vor ein paar Jahren hatten die Meteorologen einen ungewöhnlichen, womöglich fatalen Wettereffekt ausgemacht, eine bizarre Hochdruckzone über dem Pazifik, welche die sonst üblichen Winterstürme samt Regenwolken nach Norden verdrängt. Für diese Wetterlage schufen Forscher der Universität Stanford 2014 den Begriff «ridiculously resilient ridge», zu Deutsch: ein irrwitzig hartnäckiger Hochdruckwall.

Der Titel sollte die meteorologische Blockade umschreiben, die seit Beginn systematischer Wetteraufzeichnungen im Jahr 1948 noch nie beobachtet worden war. Wie sich ein solcher Hochdruckwall bildet, haben die Forscher mit Computersimulationen nachgestellt. Es zeigte sich: Der Hochdruckwall vor der Pazifikküste bildet sich mit dem heutigen Treibhausgas-Niveau in der Atmosphäre dreimal so häufig wie vor der ­Industrialisierung. Stürme, die gewöhnlich im Winter Niederschlag bringen, dringen einfach nicht mehr durch.

Gefährliche Santa-Ana-Winde

Speziell in Südkalifornien kommt ein weiterer Wettereffekt hinzu. Dort gibt es neben den klassischen Hitzebränden während der Sommermonate Juni bis September eine weitere Variante von Waldbränden. Diese lodern in der kühleren Saison von Oktober bis April und heissen mittlerweile Santa-Ana-Feuer. Namensgeber sind warme, trockene Winde, die vorwiegend im Spätherbst und Winter das Wetter in Südkalifornien bestimmen. Von den Rocky Mountains kommend, streifen die Luftmassen über die Sierra Nevada hinunter und formen ein Hochdruckgebiet über dem Plateau von Nevada, Utah und Idaho.

Die zunächst noch kalte Luft bewegt sich auf die Pazifikküste zu. Durch den Höhenabfall wird sie erwärmt und in den engen Canyons beschleunigt. In Kalifornien kommen die Santa-Ana-Winde an wie ein trockener, heisser Föhn. Ein Föhn, der in die Glut aufkeimender Brände bläst wie ein Blasebalg in einen Grill. Was dann passiert, zeigte sich in den vergangenen Tagen bei Los Angeles: Zeitweise walzten die Feuer die Fläche von 45 Fussballfeldern nieder – pro Minute.

Die Santa-Ana-Feuer breiten sich dreimal schneller aus als die Sommerfeuer und treffen weit mehr bewohntes Gebiet. Die meisten Staatsausgaben für Brandschutz fliessen aber in die Prävention der sommerlichen Feuer. Auch wenn es absurd klingt: Der Kampf gegen ­lodernde Feuer schafft den Brennstoff für künftige Feuer. Jedes Mal, wenn ein Feuer erfolgreich bekämpft wird, bleiben Pflanzen übrig, die nicht verbrannt sind. Genau diese Gewächse sind der Zunder für die nächste Katastrophe. Waldgebiete und wild wucherndes Gestrüpp werden zunehmend kontrolliert abgefackelt.

Seit 1950 hat sich die Einwohnerzahl Kaliforniens vervierfacht, und die Menschen werden trotz der Katastrophen nicht aufhören, hierhin zu ziehen.

Das mit der Kontrolle ist allerdings nicht immer so einfach. Juan Carbuccia hat mit seinem Handy eine Stunde vor Eintreffen des Besuchers ein Video aufgenommen. Zu sehen sind ein paar Flammen, nicht weiter wild, es wirkt, als hätte jemand ein Lagerfeuer geschürt. Aber dann brüllt plötzlich jemand: «Lauf! Lauf!» Es dauert keine zwei Minuten, bis die Fläche eines Marktplatzes brennt. Ein paar Minuten später steht das komplette Tal in Flammen. Wenn es heiss ist und trocken und windig, dann rennen diese Feuer sehr viel schneller als der Mensch.

Damit ein Waldbrand zur Katastrophe wird, braucht es eben nicht nur das Feuer, sondern auch die Verletzlichkeit der Zivilisation. In Kalifornien haben sich in den vergangenen Jahrzehnten viele Menschen an Küste und Wald angesiedelt. Sie wussten, wo sie da hinzogen. Seit 1950 hat sich die Einwohnerzahl Kaliforniens vervierfacht, und die Menschen werden trotz der Katastrophen nicht aufhören, hierhin zu ziehen. Dazu ist diese Gegend einfach zu schön. Das Klima, die Küsten, die Lässigkeit der Bewohner. Kalifornien ist viel mehr als ein Bundesstaat, viel mehr als eine Landschaft. Kalifornien ist, und ja, dies ist ein wahres Klischee: ein Lebensgefühl.

Sie werden weitermachen. Sie werden die Häuser wieder aufbauen. Sie werden einander helfen, sie werden sich kümmern. Doch diesmal hat die Natur den Kaliforniern ein nicht besonders subtiles Zeichen hinterlassen: Inmitten der Feuer im Norden dieses grossartigen Bundesstaats liegt ein Ort, der tatsächlich «Paradise» heisst. Er brannte fast vollkommen ab.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 13.11.2018, 19:47 Uhr

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