Das dunkle Erbe der Eliteuniversität

Die Georgetown-Universität verdankt ihre Existenz dem Verkauf von Sklaven. Die heutigen Studenten wollen deren Nachfahren entschädigen – und damit ein Signal für Reparationen senden.

1838 verkaufte die Georgetown-Universität in Washington 272 Sklaven – und rettete sich damit vor dem finanziellen Ruin. Foto: EPA

1838 verkaufte die Georgetown-Universität in Washington 272 Sklaven – und rettete sich damit vor dem finanziellen Ruin. Foto: EPA

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In der Mitte des Campus der Georgetown-Universität, im nobelsten Viertel Washingtons, steht ein Friedhof, der an die ­Geschichte der Hochschule erinnert. Die Grabsteine sehen fast alle gleich aus, schlicht und schmucklos, sie gehören zu den Priestern und Brüdern des Jesuiten-Ordens, die hier begraben liegen. Die Jesuiten hatten Georgetown einst als ­erste katholische Universität in den USA gegründet. Im Jahr 1838 stand die Institution vor dem ­finanziellen Ruin, und um an flüssige Mittel zu kommen, entschieden sich die Priester, die 272 Sklaven zu verkaufen, die in ihrem Besitz standen. Dieses ­Geschäft sicherte der Uni die ­Zukunft – und verdammte die Sklaven zu einem Leben auf Plantagen im tiefsten Süden der USA.

Es ist ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Eliteuni­versität, zu deren Abgängern der frühere US-Präsident Bill ­Clinton zählt, aber es ist eines, das die heutige Debatte Amerikas über das Erbe der Sklaverei verändern könnte. Kürzlich beschlossen die Studenten von Georgetown in einer Abstimmung, einen Fonds für Reparationen einzurichten, um die schätzungsweise 8000 lebenden Nachfahren der damals verkauften Sklaven zu entschädigen. Jeder Student soll dazu pro Semester 27 Dollar und 20 Cents einzahlen, zusätzlich zu den ordentlichen Studiengebühren. Ein Gremium aus Vertretern der Studentenschaft und der Nachfahren soll darüber entscheiden, wofür das Geld eingesetzt wird.

Die Pflicht der Studenten

Reparationen also – etwas, das schon der Bürgerrechtler Martin Luther King gefordert hatte – werden gerade in neuer Dringlichkeit verhandelt. Würde der Fonds tatsächlich eingerichtet, wäre Georgetown die erste ­grosse Institution des Landes, die Reparationen entrichten würde. Noch ist es allerdings nicht so weit: Die Abstimmung der Studenten ist nicht bindend, als Nächstes muss die Schulleitung entscheiden, wie sie damit verfährt. Universitätspräsident John DeGioia lobte nach der Abstimmung das Engagement der Studenten und ­sagte, die Schule sei bereit, die «schwierigen Fragen» anzugehen, die sich dadurch stellten. Was das konkret heisst, ist derzeit aber nicht klar.

Die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit der Universität begann spät. Erst nachdem Bauarbeiter vor einigen Jahren bei Arbeiten auf dem Campus auf Knochen gestossen waren, die sich als Überreste von begrabenen Sklaven herausstellten, ­setzte die Uni eine Untersuchungskommission ein, entschuldigte sich und erklärte sich bereit, für Nachfahren der Sklaven den ­Zugang zu einem der begehrten Studienplätze zu erleichtern.

Auch andere elitäre Hochschulen haben eine problematische Vergangenheit.

Das sei nicht genug, findet Hannah Michael, eine schwarze Studentin, die zu den Initianten des Fonds gehört. «Die heutige Universität würde es ohne den Verkauf der Sklaven nicht geben.» Die Idee des Fonds bestehe nicht darin, irgendjemanden zu bestrafen. Doch mit einem prestigeträchtigen Abschluss von Georgetown profitierten die Studenten bis heute vom Erbe der Sklaverei. «Es geht darum, dass wir unsere Ressourcen dazu nutzen, etwas zurückzugeben.» Es sei auch nicht Aufgabe der Schulleitung alleine, für die Fehler der Vergangenheit geradezustehen. «Die Studenten stehen ebenso in der Pflicht.» Mehrere Studentengruppen reisten im vergangenen Jahr nach Maringouin, ein Dorf in Louisiana, in dem nach wie vor viele Nachkommen der damals verkauften Sklaven leben. Sie sollen vom Fonds profitieren, ­indem damit etwa Infrastrukturprojekte in dem Dorf finanziert werden.

Bei den Studenten führte der Fonds zu einer regen Auseinandersetzung. «Die Universität alleine, nicht die Studentenschaft, hat die Verpflichtung, für ihre früheren Fehler zu bezahlen», schrieben zwei Wortführer der Gegner in der Studentenzeitung «The Hoya». Es stimme, dass es die Universität ohne das Sklaven­geschäft von 1838 nicht mehr gäbe. «Doch die Studenten von heute trifft keine Schuld für die Sünden der Institution in der Vergangenheit.»

Andere finden, es sei falsch, dass auch afroamerikanische Studenten in den Fonds einzahlen müssten, gerade, weil sich viele die jährlichen Studiengebühren von 55'000 Dollar ohnehin kaum leisten könnten. Ein Drittel der Studenten stimmte schliesslich gegen den Fonds.

Ein Test für die Demokraten

Schon jetzt zieht die Debatte der Studenten Kreise ausserhalb der Universität. Auch andere Elitehochschulen an der Ostküste – darunter Harvard, Brown oder die University of Virginia – haben eine problematische Geschichte, die Verbindungen zur Sklaverei aufweist. Die Beschäftigung damit setzte teils nur zögerlich ein. Was in Georgetown geschehe, zeige nun, dass sich das politische Klima in Amerika ­verändere, sagte die Historikerin Marcia Chatelain gegenüber dem Webmagazin «Politico». Viele Leute kämen zum Schluss, dass es nicht mehr reiche, Rassismus verbal zu verurteilen. «Es geht jetzt darum, konkret Verantwortung zu übernehmen für ­frühere Entscheidungen, die bis heute nachwirken.» Tatsächlich hat das Thema längst auch den demokratischen Präsidentschaftswahl­kampf erreicht.

Cory Booker, einer der zwanzig Bewerber der Partei und selbst direkter Nachfahre von Sklaven, reichte im Senat einen Gesetzesentwurf ein, der eine wissenschaftliche Untersuchung über die Reparationsfrage verlangt. Die wirtschaftliche Unterdrückung der Afroamerikaner habe mit der Abschaffung der Sklaverei 1865 nicht aufgehört, sagte er. Es habe in den vergangenen Jahrzehnten eine Vielzahl von rassistischen Strukturen gegeben, die diese Benachteiligung fortgeführt hätten. Reparationen seien ein Weg, um die Folgen dieser Politik zu korrigieren.

Neben Booker hat sich eine ­Reihe weiterer Präsidentschaftskandidaten für Reparationen ausgesprochen, darunter die Sena­torinnen Kamala Harris und ­Elizabeth Warren sowie der ehemalige ­Kongressabgeordnete Beto O’Rourke. Das ist auch dem Druck der linken Partei­basis ­geschuldet, dem sich viele Kandidaten in den Vorwahlen ausgesetzt sehen: Dort ist die Forderung populär. Bei den Amerikanern insgesamt sieht es allerdings anders aus. In den Umfragen lehnen zwei Drittel der Bevölkerung Reparationen ab, selbst unter ­Afroamerikanern spricht sich nur eine knappe Mehrheit dafür aus.

Weiter Weg

Was dabei genau unter Reparationen verstanden wird, wer Anspruch darauf hätte und in welcher Form sie ausgerichtet würden: All dies wird in dieser Debatte kaum je klar. Kamm ­Howard, der Co-Präsident der Nationalen Koalition der Schwarzen für Reparationen in ­Amerika, definiert Reparationen als «jede Form von Entschädigung, die Leuten afroamerikanischer Herkunft dabei hilft, Vermögen aufzubauen». Dazu könnten Steuererleichterungen, Bildungsgutscheine oder Geschäftskredite gehören.

Der Weg von der Forderung zur politischen Realität scheint auf jeden Fall sehr weit. An der Georgetown-Universität hoffen die Studenten trotzdem, einen ersten Schritt gemacht zu haben.

Erstellt: 29.04.2019, 22:32 Uhr

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