Das Ende der Gleichheit

Präsident Raúl Castro hat das rigide System Kubas gelockert. Das Ergebnis ist eine Eigendynamik, die zurück in den Kapitalismus führt.

Schneller Reichtum und neue Armut: Ein privater Manikürestand im Zentrum Havannas.

Schneller Reichtum und neue Armut: Ein privater Manikürestand im Zentrum Havannas. Bild: Keystone

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Eine Menschentraube steht schweigend auf der Freitreppe zur Universität Havanna. Mittendrin eine junge Frau mit dunkler Pilotenbrille, in Stilettos und einem knappen Einteiler. In den Händen hält sie ein offenes Holzkistchen. Es sieht aus wie eine Zigarrenkiste gefüllt mit der Asche gerauchter Havannas. Es ist aber die Asche ihres Grossvaters. Er hiess Alfredo Guevara, war einer der Väter der Revolution, ein Freund von Fidel, ein kubanischer Vordenker. Sein Herz hat nach 87 Jahren aufgehört zu schlagen. Sein letzter Wunsch: Verstreut meine Asche da, wo unser revolutionärer Geist reifte, an der Alma Mater.

Die rechte Hand der Enkelin greift in die Überreste ihres Grosspapas und streut sie auf der Treppe aus. Die Vertreter der Nomenklatura kondolieren, steigen in ihre Ladas und fahren zurück in ihre Büros. Ein paar Regentropfen fallen. Die Asche wird klebrig – und von den Schuhsohlen der Studierenden fortgetragen. Ein junger Mann, der das Trauerspiel mitverfolgt hat, sagt trocken: «Wieder einer weniger.»

Das sagen sie in Kuba, wenn ein «Historischer» gestorben ist. So nennt man die überlebenden Helden, die für die Revolution 1959 gekämpft haben und bis heute nicht von der Seite der Castros gewichen sind. Ihre Reihen lichten sich. Doch Fidel und Raúl, 86- und 82-jährig, sind noch da. Und was im Herbst dieser Patriarchen derzeit geschieht, hat kaum jemand mehr für möglich gehalten: Kuba verändert sich.

Der Máximo Líder, eine Reliquie

Fidel, der Allmächtige, demontiert seinen Mythos gleich selbst. Er tritt hie und da wieder öffentlich auf, lässt sein Volk sehen, wie aus ihm, dem einst wortgewaltigen Máximo Líder, ein in sich zusammengefallener Greis mit brüchiger Stimme geworden ist. Eine Reliquie aus einer anderen Epoche. Früher schützten ihn Leibwächter, jetzt stützen ihn helfende Hände. Was er murmelt, ist komisch oder unverständlich.

Raúl, seit sieben Jahren an der Macht, kann das Lebenswerk seines Bruders nicht mehr halten und hat sich wohl deshalb entschieden, es Stück für Stück niederzureissen. Wahrscheinlich weiss er: Tu ich es nicht, tun es andere – und richten womöglich über mich und meinen Bruder. Das will Raúl unbedingt vermeiden.

Fliegende Handwerker und Händler

Er schräubelt am erstarrten System rum, lockert so wenig Schrauben wie möglich und so viele wie nötig, stets darauf bedacht, dass es nicht über ihm zusammenbricht. Seine Strategie: Dem Volk ein paar Türen öffnen, damit es ein bisschen freier atmen, sein Leben ein klein wenig in die eigene Hand nehmen kann und nicht mehr so sehr vom Vater Staat abhängig ist. Der kann nicht mehr, hat nichts mehr, womit er sein Volk satt und glücklich machen kann.

Raúls Losung: Mehr Markt, weniger Staat, damit «unser Sozialismus noch besser wird». Pure Magie also. Realität aber ist: Türöffner Raúl spaltet mit seiner Politik die kubanische Gesellschaft und setzt das Land einer schweren Zerreissprobe aus. Der sowohl pragmatische wie auch ängstliche Staatschef muss zur Kenntnis nehmen: Das Volk drängelt vorwärts. Hunderttausende haben sich selbstständig auf den Weg gemacht – zurück zum Kapitalismus, den die Castros mit ihrer Revolution auszurotten suchten.

Jetzt verbreitet er sich in den Strassen, Häusern und Köpfen wie eine Tröpfcheninfektion. Am rasantesten in Havanna. Die Stadt ist voll von fliegenden Handwerkern und Händlern. Hauseingänge und Wohnzimmer wurden in Kleider- und Allerleiläden umgewandelt, in Coiffeursalons, Manikürestudios, Reparaturstätten, Minirestaurants.

Unterwäsche made in China

Von Raúls «Aktualisierungen des Sozialismus» haben drei eine regelrechte Bonanza ausgelöst: die Lizenzen für privates Kleingewerbe (der Staat erlaubt 181 «berufliche Aktivitäten auf eigene Rechnung», «por cuenta propia»), die Legalisierung des Kaufs und des Verkaufs von Autos, Häusern und Wohnungen. Kaum waren die neuen Gesetze in Kraft, flogen geschäftstüchtige Mexikaner und Ecuadorianer scharenweise in Havanna ein, zogen von Haus zu Haus und erklärten den Kubanern, wie sie in wenigen Tagen mehr Geld verdienen können als in einem Monat als Angestellte des Staates.

Da beträgt der Durchschnittslohn umgerechnet 20 Franken. Die ausländischen Profis der Schattenwirtschaft und des Schwarzmarkts bieten alles an, was in Kuba fehlt, verboten ist oder vom Staat selber teuer verkauft wird: Kleider, Schuhe, Haushaltsartikel, Elektronik, Musik, Filme, Serien und komplette Wochenprogramme amerikanischer TV-Sender auf DVD – alles raubkopiert.

Das Geschäftsprinzip ist simpel: Die Ausländer kommen mit Koffern voller abgezählter Ware, überlassen diese den Wiederverkäufern, ohne einen Peso im Voraus zu verlangen. Drei Wochen später kehren die Lieferanten mit Nachschub und dem Taschenrechner zurück, um die letzte Lieferung zu kassieren. Zehntausende sind in dieses Geschäft eingestiegen. Die 33-jährige Miriam verkauft in der Strasse Neptuno im Zentrum von Havanna Unterwäsche, Kosmetik und Accessoires, alles made in China. Früher arbeitete sie bei der Post für einen Monatslohn von 15 Franken. «Das verdiene ich heute in drei Tagen», sagt Miriam.

«Ein paar Tausend Dollar»

Findige Köpfe können praktisch über Nacht reich werden. Der 29-jährige Pablo, ein studierter Soziologe, hat den Garten einer Kolonialvilla im vornehmen Wohnquartier Vedado gemietet und da seine «Autowäsche Onkel Pepe» gebaut, eine einfache, mit Planen abgedeckte Stahlkonstruktion mit kleinem Café. Das Startkapital, «ein paar Tausend Dollar», gab ihm ein Onkel in Miami. Der Jungunternehmer stellte sieben Personen an, zwei Wäscher für jede Box, eine Frau im Service. Sein Autowaschsalon ist zehn Stunden täglich geöffnet – und eine reine Geldmaschine.

Die Autos stehen Schlange. Ein Waschgang, pure Handarbeit in kubanischem Tempo, dauert je nach Service eine halbe Stunde oder mehr und kostet 3 bis 5 Franken. Pablos Waschmänner schaffen 40 Autos täglich. Sein Monatsumsatz beträgt plus/minus 3500 Franken. Der Villenbesitzerin zahlt er 200 Franken Miete für den Garten, jedem Angestellten ebenso viel Lohn. Für ihn selbst bleiben «abzüglich Kosten und Steuern» bis zu 1000 Franken im Monat. Ein Chirurg muss für diese Summe in Kuba zwei Jahre lang arbeiten, eine Lehrerin drei Jahre.

Plötzlich gibt es einen Markt

Auch mit einem Auto lässt sich rasch ein Vermögen einfahren. Deshalb verkehren in Havanna so viele amerikanische Strassenkreuzer wie seit den 50er-Jahren nicht mehr. Wer noch irgendwo einen schrottreifen Oldtimer stehen hatte, machte ihn flott, löste selber eine Taxilizenz und verkaufte oder vermietete den Wagen. Die 42-jährige Yarilis hat sich einen schwarzen Chevrolet Bel Air, Jahrgang 1956, gekauft für 7000 Franken, vorgeschossen vom Bruder in der Schweiz. Yarilis vermietet den Sechsplätzer für 650 Franken monatlich an einen Taxifahrer. Damit finanziert sie locker ihre dreiköpfige Familie, ihre pensionierten Eltern und eine Nichte.

Manche Kubanerinnen und Kubaner fragen sich: Woher kommt plötzlich all die Ware und all das Geld? Die Antwort: Die Ware kommt auf allen möglichen Wegen vom Festland oder aus staatlichen Betrieben und Lagern, wo sie gestohlen und an die «cuenta propistas» weiterverkauft wurde; das Geld stammt von Familienangehörigen im Ausland. Raúls Reformen und die von Obama gelockerten Restriktionen bezüglich Geldtransfers haben gigantisch viele Dollars ins Land geschwemmt. 2,5 Milliarden schicken Private jährlich auf die Insel, etwa gleich viel, wie der Staat mit dem Tourismus einnimmt.

Je mehr Auflagen, desto grösser die Korruption

Ungeheure Summen wechseln beim Kauf und Verkauf von Liegenschaften die Hände. Die Preise sind explodiert. Früher, als offiziell nur der Tausch erlaubt war, zahlte man je nach Tauschgeschäft unter der Hand noch ein paar Tausend Franken drauf, heute sind es ein paar Zehntausend. Um der Spekulation und dem Grossgrundbesitz vorzubeugen, erlaubt die Regierung jedem Kubaner und jeder Kubanerin den Besitz von nur einem Haus oder einer Wohnung. Ausländern und Exilkubanern ist der Besitz verboten. Einige Familien haben mit Geld aus Miami trotzdem innert Kürze ein kleines Immobilienportefeuille zusammengezimmert: Mutter, Vater, Ehepartner, Kinder – jedes Familienmitglied hat eine Liegenschaft auf seinen Namen laufen.

Kubas kleine, neue Marktwirtschaft ist fiebrig und chaotisch. Der Staat versucht alles, die neuen Freiheiten mit Zöllen, Steuern und neuen Dekreten zu zügeln. Doch in Kuba funktioniert nur folgendes Gesetz einwandfrei: Je mehr Auflagen und Kontrollen es gibt, desto grösser ist die Korruption. Raúl hat den Kampf dagegen ausgerufen. Doch solange sich mit Schmiergeld mehr verdienen lässt als im Staatsdienst, ist dieser Kampf aussichtslos.

Kriminelle und Strassenkinder

Wohin driftet Kuba? Die Menschen haben längst aufgehört Rätsel zu raten. Unter den Castros kommt es sowieso anders. Der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura sagt, seine Landsleute wünschten sich nichts sehnlicher, als dass «Kuba einfach ein ganz normales Land wird». Was heisst «normal»? So wie früher vor der Revolution? So wie die anderen lateinamerikanischen Länder heute? Viele Kubaner denken da sofort an Kriminelle und an Strassenkinder, an ein Leben, in dem man hart arbeiten und alles teuer bezahlen muss, sogar den Hausarzt. Von einer solchen «Normalität» wollen die meisten Kubaner nichts wissen. Die von ihnen so sehnlichst gewünschten neuen Freiheiten bringen ihr Land dieser «Normalität» jedoch ein Stück näher.

Die Kriminalität in Kuba nimmt zu, immer mehr Menschen vergittern Häuser und Wohnungen. Vor Hotels betteln Mütter mit Kleinkindern. An Strassenkreuzungen putzen Verwahrloste mit schmierigen Stofffetzen unaufgefordert Windschutzscheiben in der Hoffnung auf ein paar Pesos. Alte und Invalide, denen der Staat die Rente gekürzt oder gestrichen hat, sitzen den lieben langen Tag an Tankstellen und bitten Menschen, die für eine Tankfüllung zwei Monatsgehälter ausgeben, um eine Münze.

Ein Strom von Auswanderern

Schneller Reichtum und neue Armut werden in Havanna jetzt sichtbar. Unter Fidel hiess es noch: Gleichheit für alle! Die Kubaner witzelten: Er hat uns alle gleich arm gemacht. Raúl hat das «Ende der Gleichheit» ausgerufen. Die rasant wachsenden Unterschiede sind sozialer Sprengstoff erster Güte. Raúl betont neuerdings: »Wir müssen dem Druck jener widerstehen, die fordern, wir sollten schneller vorwärtsgehen und alles ändern.» Der Staatschef sagt Sätze wie: «Über alles, was wir zu tun gedenken, müssen wir sorgfältig nachdenken und es dann noch einmal überdenken.» Das heisst, was die Reformen anbelangt: hier einen Schritt vorwärts, da zwei Schritte zurück, einen nach rechts, dann wieder linksherum und umgekehrt.

In diesem Delirio Tremendo zwischen Vergangenheit und Zukunft blühen die einen auf, andere fallen in die Tiefe – oder suchen das Weite. Nach wie vor verlassen 45 000 Menschen jährlich definitiv die Insel, illegal mit Schnellbooten, gefälschten Papieren oder legal mit Familienvisa oder durch Heirat mit Ausländern und Ausländerinnen. Seit diesem Jahr benötigen die Kubaner keine Reisebewilligung mehr von ihrem Staat. Viel gebracht hat es ihnen nicht. Für fast alle Länder brauchen sie ein Visum, erhalten aber keines. Kubaner gelten als «potenzielle Immigranten». Lediglich drei Dutzend Nationen verlangen kein Visum, unter ihnen viele Kleinstaaten irgendwo mitten im Ozean: Tuvalu, Vanuatu, Mikronesien. Alles exotische Inseln. Wie Kuba.

Erstellt: 03.05.2013, 08:06 Uhr

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