Das Ende des liberalen Zeitalters

Trumps Sieg ist ein Bruch mit allen Selbstverständlichkeiten des liberalen Zeitalters. Was nun folgen soll, ist die autoritäre Demokratie.

Das Einzige, was ihn an anderen Menschen interessiert, ist ihre Unterwerfung: Donald Trump. Foto: Scott Eisen (Getty Images)

Das Einzige, was ihn an anderen Menschen interessiert, ist ihre Unterwerfung: Donald Trump. Foto: Scott Eisen (Getty Images)

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Wer glaubt, Trump werde harmloser sein als gedacht, macht sich etwas vor. Er hat 70 Jahre gewohnheitsmässiges Lügen hinter sich, seine Aufmerksamkeitsspanne beträgt 3 Sekunden, sein Bedürfnis nach Rache ist so unstillbar wie das nach Schmeichelei: Das Einzige, was ihn bei anderen Leuten interessiert, ist ihre Unterwerfung.

Und wer glaubt, dass seine Parteikollegen im Kongress ihn stoppen werden, der übersieht, dass die Republikaner längst eine gut finanzierte Funktionärspartei sind. Was ihre Prinzipien in Sachen Moral, Verfassungstreue oder Freihandel wert sind, sah man im Wahlkampf, als sie reihenweise umfielen.

Donald Trump zum Präsidenten zu wählen, heisst dasselbe, wie einem Dreijährigen einen geladenen Revolver in die Hand zu drücken. Nur einen mit Atomsprengköpfen.

Und das wussten seine Wähler. Noch nie ist ein Politiker so nackt aufgetreten wie Donald Trump – bei allen Lügen verfolgte er in dem Punkt grosse Ehrlichkeit: Er machte weder aus seiner Verachtung von Politik und Institutionen ein Geheimnis, noch aus seinen Bosheiten, sowohl privater Natur wie gegen Latinos, Frauen, Schwarze, Muslime, die Presse.

Geschichten statt Fakten

Einen Mann wie Trump zu wählen, war ein Bruch mit allen amerikanischen Traditionen. Und es ist ein Epochenbruch. Ein Bruch, wie der Historiker Yuval Harari im «New Yorker» schrieb, mit der Epoche des Liberalismus.

Menschen, so schrieb Harari, orientieren sich weniger an Fakten und Zahlen als an Geschichten. Je einfacher, umso mächtiger. Und die Geschichte, die die Liberalen erzählten, war mächtig: Wenn du in einer offenen Gesellschaft hart arbeitest, bist du besser dran.

Diese Geschichte wird nicht mehr geglaubt. Zwar zeigen die Zahlen, dass die Welt nie friedlicher und wohlhabender war als heute. Und ebenso, dass die Regierung Obama einen guten Job machte: Zwei Drittel fühlten sich persönlich besser dran als vor acht Jahren, und die Gesundheitsreform griff für Millionen.

Doch das reichte nicht. Wer Trump wählte, waren nicht – wie oft behauptet – die schlecht bezahlten Arbeiter. Es waren die Mittelklasse und die Reichen – und es waren Weisse: junge, männliche, weibliche Weisse.

Warum? Am genauesten beschrieb das Lebensgefühl der Republikaner die Soziologin Arlie Hochschild: «Stellen Sie sich eine riesige Menschenschlange vor. Alle warten, um in das Haus auf dem Hügel eingelassen zu werden – den amerikanischen Traum. Es geht unendlich langsam vorwärts. Und an der Seitenlinie steht Barack Obama und winkt braune und gelbe Fremde oben in die Schlange hinein.»

Auch wenn dieses Gefühl, wie Hochschild betont, trügt, haben die Trump-Wähler einen Punkt. Verglichen mit ihren Eltern in den weissen Vorstädten ist das Leben härter: als Mama noch Hausfrau war und Papa um halb sechs die Füsse hoch lagerte, mit einem Whiskey in der Hand.

Kühlschränke, Karibikferien, Reihenhäuser

Eines der zentralen Prinzipien des Liberalismus ist, dass alles einen Preis hat. Und der Preis einer offeneren Gesellschaft ist mehr Konkurrenz, mehr Unruhe, weniger Kontrolle. Trumps Wahl machte klar, dass eine Menge Leute diesen Preis nicht zahlen wollen. Und vielleicht nie zahlen wollten. Dass es weniger die Ideale – ­Freiheit und Fortschritt – waren, die den Liberalismus so unwiderstehlich machten, als Kühlschränke, Karibikferien, Reihenhäuser.

Dazu kommt, dass sich die Macht von den Regierenden weg verschoben hat – in Richtung Anonymität: Das Tempo der Finanz- und Techbranche ist ungleich höher als das der Politik. Nun hat die weisse Mehrheit in den liberalen Kernländern England und USA sich die Macht zurückgeholt – wenn auch nur die Macht der Zerstörung.

Mit Trumps Wahl erhält die Welt eine neue Achse: Moskau–Washington. Und ein neues Modell: die autoritäre Demokratie. Wie Putin, Erdogan oder Orban wird Trump enorme Macht haben. Er kann Kritiker mit Steuerbehörde, FBI und NSA verfolgen. Und das Recht bietet kaum Schutz: Gesetze können geändert werden. Und müssen nicht einmal geändert werden. Denn sie gelten in der Praxis nur, wenn Macht und Mehrheit dahinterstehen.

Nicht zuletzt wird der Ton sich ändern: weltweit. Trump verdankt seinen Sieg einem Strom von Lügen, Grobheiten, Drohungen. Er wird Hunderttausende befeuern, nackte Gemeinheit zur Stimme der Ehrlichkeit zu erklären. Kein Zweifel, dass die radikale Rechte in Europa einen mächtigen Schub bekommt.

Dass wie versprochen «die Elite» den Preis zahlen wird, kann man vergessen. Wie bei allen autoritär rechten Regierungen werden es die Aussenseiter sein, die vor dem Abschuss zur Elite erklärt werden.

Das schon, weil es stets eine Elite ist, die angeblich gegen die Elite ist: Das sieht man schon an der Steuergesetzgebung, die Rechte von Trump bis SVP vorschlagen – es geht immer um Kürzungen für Reiche und Konzerne.

Wer bist Du?

Nein. Es werden keine guten Zeiten kommen. Wer auf Ruhe und Privatleben hofft, kann das vergessen. Die kommenden Jahre werden ein Test werden: Wer bist du?

Politisch ist es so, dass alles auf Messers Schneide steht. Die Mehrheiten für Masseneinwanderungsinitiative, Brexit, Trump waren alle enorm knapp: Hätte nur ein Prozent statt Trump Clinton gewählt, hätte sie locker gewonnen. Und wir hätten eine andere Welt.

Das heisst: Liberale Politik hat eine Chance. Wenn sie ein wenig mehr für flankierende Massnahmen, Gerechtigkeit, Wärme sorgt. Wenige Prozent der Wähler machen den Unterschied zwischen einer offenen, hoch technisierten Gesellschaft und autoritärer, hoch technisierter Barbarei.

Und: Es kommt wieder auf den Einzelnen an. Beim Wählen. Und im Leben. Es wird in den kommenden Jahren nicht mehr um die kleinen Privilegien gehen. Sondern um die grossen: um Freiheit, westliche Demokratie, Rechtsstaat. Und um den Test, wer du bist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.11.2016, 22:27 Uhr

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