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«Das grenzt an Zynismus»

Fidel Castro stellt plötzlich das kubanische Modell infrage. Möglich, dass er damit seinem Bruder Raul helfen will, eine wirtschaftliche Liberalisierung zu erreichen, sagt Redaktion Tamedia-Südamerika-Korrespondent Sandro Benini.

Der neue Präsident: Sein Bruder Raúl Castro hat mittlerweile die Führung des Landes übernommen. Er strebt sanfte Wirtschaftsreformen an.
Der neue Präsident: Sein Bruder Raúl Castro hat mittlerweile die Führung des Landes übernommen. Er strebt sanfte Wirtschaftsreformen an.
Keystone
Der Rebellenführer in den Bergen: Über zwei Jahre lang führte Fidel Castro einen Guerillakrieg.
Der Rebellenführer in den Bergen: Über zwei Jahre lang führte Fidel Castro einen Guerillakrieg.
Keystone
Fidel Castro am 23. Januar 2009. Er erlitt Mitte 2006 eine Darmblutung, worauf er sich von seinem politischen Ämtern zurückzog.
Fidel Castro am 23. Januar 2009. Er erlitt Mitte 2006 eine Darmblutung, worauf er sich von seinem politischen Ämtern zurückzog.
Keystone
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Im Gespräch mit einem Journalisten der US-Zeitschrift «The Atlantic» sagte Fidel Castro, «Das kubanische Modell funktioniert selbst bei uns nicht mehr». Wie ist diese Aussage zu werten? Ich möchte vorausschicken, dass man über Castros Beweggründe nur spekulieren kann. Was sein könnte, ist, dass er mit seiner Aussage seinem Bruder Raul den Rücken stärken möchte. Der hatte ja unter dem Eindruck der katastrophalen Wirtschaftslage Reformen angekündigt. Damit könnte er auf massiven Widerstand von Steinzeitkommunisten im Parlament oder der Partei gestossen sein. Möglich, dass er zu verstehen geben will, dass das System reformiert werden müsse.

Erfindet sich Fidel Castro mit 84 Jahren neu, wie es «The Atlantic» interpretiert? Nach seiner Genesung hat er sich bei wichtigen Interventionen stets zu aussenpolitischen Themen geäussert. Erstmals kritisiert er das kubanische System. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass er sich neu erfinden will. Ausserdem war er in den letzten Jahren schwer krank, er hat dem Tod ins Auge geblickt. Gut möglich, dass er nun das Bedürfnis verspürt, seine historische Rolle zu überdenken. Im Interview mit «The Atlantic» hat er gesagt, es sei ein Fehler gewesen, die Welt 1962 an den Rand eines Nuklearkrieges zu bringen. Und in einer mexikanischen Zeitung gab er zu, dass die Schwulenverfolgung in Kuba ein Fehler war und entschuldigt sich dafür.

Castro lud einen jüdischen Journalisten der US-Zeitschrift «The Atlantic» ein, um mit ihm über das Thema Israel und Iran zu sprechen. Er kritisierte dabei den Iran scharf. Was bezweckt er damit? Das ist aussergewöhnlich, denn er fällt den eigenen Kollegen wie Venezuelas Hugo Chávez bis zu einem gewissen Grad in den Rücken. Die linken lateinamerikanischen Staatschefs unterstützen ja eher den Iran, weil das Land ein Gegner der USA ist. Was er damit bezweckt, weiss ich nicht. Bei seinem ersten öffentlichen grossen Auftritt seit langem sprach er über den Iran und die Gefahr eines Nuklearkrieges. Es scheint eine neue Obsession zu sein. Nachdem er selber fast einen Nuklearkrieg angezettelt hat, will er jetzt unbedingt einen verhindern.

Ein weiterer Hinweis darauf, dass er einen anderen Platz in den Geschichtsbüchern sucht. Ich glaube, er weicht von seiner starren Haltung im Hinblick auf die Planwirtschaft ab, um seinem Bruder den Rücken zu stärken. Damit ringt er sich zwar zu einer bemerkenswerten Einsicht durch, aber gleichzeitig ist es schon verrückt. Jahrelang hat er dem Land ein System aufgezwungen, das Tausende zur Flucht bewegte. Sie versuchten auf Flössen zu entkommen, etliche ertranken oder wurden von Haien gefressen. Jetzt kommt Fidel Castro und sagt quasi: «Sorry, das ganze war ein kleiner Fehler.» Das grenzt an Zynismus.

Wie reagieren die Exil-Kubaner darauf? Sie sind sicher überrascht. Eine republikanische Abgeordnete in Miami sagte: «Er ist durchgeknallter als je zuvor».

Könnte es sein, dass er mental nicht mehr auf der Höhe ist? Dann würde er wohl eher sagen, das kubanische Modell sei das erfolgreichste der Welt. Nein, ich denke nicht. Er sagt ja das Richtige. Es ist überraschend, aber ein starker Hinweis darauf, dass der kubanischen Wirtschaft das Wasser wirklich bis zum Hals steht.

Dürfte nun eine Öffnung Kubas folgen? Das ist zu hoffen. In einem Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger» sagte Rauls Tochter Mariela Castro, dass selbst ihr Vater nicht alle Reformen durchbringt. In den 1990er-Jahren hatte Fidel schon einmal eine zaghafte wirtschaftliche Liberalisierung erlaubt, sie wurde aber unter anderem durch exorbitante Steuern wieder abgewürgt. Die Frage ist nun, wie die Reformen umgesetzt werden, wie es etwa arbeitsrechtlich aussehen wird. Ein Arbeitsrecht, wie wir es kennen, gibt es auf Kuba ja nicht. Und die Reisebeschränkungen für Kubaner sind noch immer nicht aufgehoben.

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