Das grösste Versäumnis der Demokraten

Um gegen Donald Trump bestehen zu können, müssen sich die Präsidentschaftskandidaten an Lincoln oder Obama orientieren.

So wie Abraham Lincoln – im Bild sein Denkmal in Washington – die Einheit der Nation beschwor, müssen die Präsidentschaftskandidaten der Demokraten eine klare Vision der US-Zukunft nach Trump aufzeigen können.

So wie Abraham Lincoln – im Bild sein Denkmal in Washington – die Einheit der Nation beschwor, müssen die Präsidentschaftskandidaten der Demokraten eine klare Vision der US-Zukunft nach Trump aufzeigen können.

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Nach der zweiten Debatte ihrer Präsidentschaftsbewerber hat unter Demokraten in Washington wie draussen im Land das grosse Händeringen begonnen: Die Partei zerfleische sich, die Kandidaten gingen derart aufeinander los, dass Donald Trump am Ende als der grosse Gewinner dastehen werde.

Erbaulich waren die beiden bisherigen TV-Debatten der demokratischen Präsidentschaftskandidaten fürwahr nicht: Für jedes Problem wird ein Plan vorgelegt, die Vergangenheit der Konkurrenten penibel durchleuchtet, einer bezichtigt den anderen dieser und jener Verfehlungen. Sogar Barack Obama gerät ins Visier der Kandidaten: Wer Joe Biden an den Karren fahren will, kritisiert die Politik der Obama-Administration, die Biden bekanntlich mitzuverantworten hat.

Nichts aber hat sich bislang ereignet, was einen demokratischen Präsidentschaftskandidaten nachhaltig behindern würde, wenn er oder sie nach den parteiinternen Vorwahlen im kommenden Jahr nominiert wird.

«Es geht um unseren nationalen Charakter»

Man denke nur zurück an die rabiaten TV-Debatten der Republikaner im Wahljahr 2016: Mehr als ein Dutzend Anwärter bekriegten sich, Donald Trump war der Lauteste und Unverschämteste. Er schlug derart unter die Gürtellinie, dass republikanische Auguren und Strategen mitsamt ihrem medialen Tross befürchteten, nie werde sich die Partei beim Hauptwahlgang geschlossen hinter Donald Trump stellen.

Im Grossen und Ganzen aber geschah genau das. Auch frühere TV-Debatten zwischen demokratischen Präsidentschaftskandidaten, etwa 1984 zwischen Walter Mondale und Gary Hart, waren nichts für Zartbesaitete.

Nein, das demokratische Problem ist anderer Art, und David Brooks, konservativer Kolumnist bei der New York Times und ein Feind Donald Trumps, erklärte es im Anschluss an die demokratische Debatte in Detroit: «Bei dieser Wahl geht es darum, wer wir als ein Volk sind, es geht um unseren nationalen Charakter», schrieb Brooks. Denn subtil korrumpiere Donald Trump die gesamte amerikanische Gesellschaft, deren Werte er mit Füssen trete.

Es fehlt die Sprache der Moral

Die demokratische Antwort muss daher mehr sein als fünf verschiedene Pläne zur Reform des US-Gesundheitswesens. Oder die bisweilen haltlose Kritik an einem Konkurrenten wegen dessen angeblichem Fehlverhalten vor zig Jahren. Auch die endlosen Zahlenspiele der Kandidaten – was kostet gebührenfreies Studieren, wieviel ein verstaatliches Gesundheitswesen? - kommen der Sache nicht nahe. Natürlich sollen sie Teil einer politischen Diskussion sein, aber nicht der bestimmende Teil.

Was bisher fehlte, war die Sprache der Moral sowie eine klare Vision der amerikanischen Zukunft nach Trump – beispielsweise in Form einer Rede, wie Barack Obama sie zur Rassenproblematik im März 2008 in Philadelphia hielt. Oder wie Abraham Lincoln sie bei seiner ersten Amtseinführung im März 1861 gab, als sich der amerikanische Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd bereits ankündigte und der neugewählte Präsident noch einmal die Einheit der Nation beschwor.

Diese Einheit habe gelitten «unter den Leidenschaften», doch dürften «unsere Bande der Zuneigung» nicht dadurch zerstört werden, mahnte Lincoln und beschwor in einem berühmten Satz «die besseren Engel unserer Natur».

Bekenntnis zum modernen US-Amerika

An sie sollten auch die demokratischen Präsidentschaftsanwärter appellieren. Denn Donald Trump zersetzt stetig das Gewebe der amerikanischen Gesellschaft. Dem Präsidenten entgegenzutreten verlangt mehr als die Forderung nach Umverteilung und einem besseren Gesundheitswesen.

Es braucht ein klar artikuliertes und emotionales Bekenntnis zu einem multikulturellen und pluralistischen US-Amerika mitsamt einer trotzigen Bejahung all dessen, was Trump fehlt: Anstand, Ehrlichkeit, Empathie sowie ein Verständnis der Präsidentschaft als eines Amts von Integrität, Gravitas und Würde.

Niemand sollte sich etwas vormachen: Die kommende Präsidentschaftswahl ist tatsächlich eine Schicksalswahl, vielleicht sogar vergleichbar der von 1860, die Abraham Lincoln ins Weisse Haus brachte. Für Europa steht gleichfalls viel auf dem Spiel. Wenn eine bunte und pluralistische Demokratie in den Vereinigten Staaten scheitert, wird sie sich auch in Europa kaum verwirklichen lassen.

Erstellt: 02.08.2019, 22:10 Uhr

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