Das Imperium kehrt zurück

Ein amerikanischer Präsident zu Besuch im Kuba der Castros, das ist eigentlich unvorstellbar. Doch Fidel und Raúl werden auch das überstehen.

Für den American Dream hatte man in Kuba schon immer eine Schwäche: Touristen fahren in Havanna an der US-Botschaft vorbei. Foto: Alexandre Meneghini (Reuters)

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Drei Stellvertreter Gottes kamen schon nach Kuba und nahmen die Brüder Cas­tro ins Gebet. Doch die lassen sich nicht von ihrem Weg abbringen, auch nicht von Päpsten. Jetzt kommt ein Mann ganz anderen Kalibers: das Oberhaupt des «mächtigsten und schrecklichsten Imperiums in der Geschichte der Menschheit». So bezeichnet Fidel Castro die USA. Zehn amerikanische Präsidenten wollten den Máximo Líder der Revolution töten und sein Kuba in die Knie zwingen – mit Gift, Bomben, Kugeln, Sabotage, Embargo. Vergeblich. Der elfte hat den absurden Kalten Krieg beendet und vor 15 Monaten mit Fidels jüngerem Bruder Raúl Castro Frieden geschlossen. Morgen landet Barack Obama zu einem dreitägigen Staatsbesuch in Havanna. Der letzte US-Präsident, der einen Fuss auf die Insel setzte, hiess Calvin Coolidge, er kam an Bord eines Kriegsschiffs. Das war vor 88 Jahren.

«Noch einen Obama, bitte!», hört man in den Bars von Havanna derzeit oft. Das Importbier heisst eigentlich ­Presidente, der Volksmund aber nennt es seit dem Friedensschluss im Dezember 2014 nur noch «Obama». «Obama» ist beliebt und deshalb meistens ausverkauft, so auch in der Bar Engel der Eintracht an einer Ecke im Centro Habana. Für Kellner Pablo ist es «wie Science-­Fiction», dass der echte Obama nach Kuba kommt: «Mein Leben lang dachte ich, eher besucht uns hier einmal ein Marsmensch als ein US-Präsident.»

Pablo ist 53 Jahre alt, ein «Sohn der Revolution», er kennt nichts anderes als das System Castro. Drei von vier Kubanern geht das gleich, sie sind nach der Revolution 1959 geboren. Von klein auf hat man ihnen beigebracht: Die USA, ihr Kapitalismus und ihre Politik sind böse, ihr Embargo gegen Kuba ist Genozid. Die USA kennen nur die Sprache der Gewalt, Reagan und die beiden Bushs waren ­Nazis und Faschisten. Sie haben im Museum der Revolution in Havanna in der sogenannten Ecke der Irren noch heute einen Ehrenplatz.

In Kinderkrippe, Schule, Universität, im Fernsehen, in Zeitungen, Büchern, auf den Strassen, an Märschen und Massendemonstrationen, in Fidels Reden: Über ein halbes Jahrhundert tobte in Kuba der Krieg der Worte gegen die USA. «Kuba ja, Yankees nein!», «Fidel, Fidel, mach sie fertig, die Yankees!», «Die Imperialisten sollen nur kommen, wir werden siegen!» Frieden mit der Weltmacht konnte sich im Kuba der ­Castros lange niemand vorstellen.

Ganz anders als die Castros

Heute schwankt Havanna, die charmante sozialistische Bruchbude, zwischen Obamanie, Melancholie und Lethargie. Noch nie hat man in der Stadt so viele Sternenbanner auf T-Shirts, Leg­gins, Mützen und Armaturenbrettern g­esehen. An Balkonen hängen neben kubanischen Flaggen amerikanische. Was einst als ideologischer Frevel galt, ist nun in Mode. Die Weltmachtpolitik der USA mag des Teufels sein, doch für den American Dream hatte man in Kuba schon immer eine Schwäche. Erst recht jetzt, mit diesem Präsidenten.

Viele Kubaner und vor allem Kubanerinnen schwärmen von Obama. Seine Annäherungspolitik, sein Charme und Charisma, wie er auftritt, spricht und ­lächelt: Das strahlt Dynamik aus. Ein Mann – ganz anders als die Castros. Fidel ist 89, Raúl 84 Jahre alt. Sie stehen für die Vergangenheit. Obama hingegen verkörpert für viele Menschen die Zukunft, auf die sie seit Jahrzehnten sehnsüchtig warten. Wenn sie von ihm reden, nennen sie ihn liebevoll «nuestro Presidente», unseren Präsidenten.

Schon die Wahl von Obama vor acht Jahren war für Kuba eine Offenbarung. Schliesslich hatte Fidel die USA immer als zutiefst rassistisches Land gebrandmarkt und Amerika empfohlen, sich ein Beispiel am revolutionären Kuba zu nehmen. Hier herrsche absolute Gleich­berechtigung zwischen Schwarz und Weiss, Frau und Mann. Die Kubaner rieben sich verwundert die Augen: Warum haben die dort einen jungen schwarzen Präsidenten, und wir werden seit einer halben Ewigkeit von denselben alten weissen Männern regiert? Sie alle stammen aus Kubas ehemaliger weisser Oberschicht. Schwarze haben im Zirkel der Castros nie etwas zu melden gehabt.

Der einzige Mulatte, der in Kuba je Macht hatte, war Fulgencio Batista. In den 40er-Jahren war er Präsident, ­später Diktator. In der Silvesternacht auf 1959 flüchtete er Hals über Kopf vor ­Fidel und dessen Rebellen. Ihre Revolution war der Anfang des Kalten Krieges in der Karibik – David gegen Goliath, Kommunismus gegen Kapitalismus.

Annäherung hin oder her: Obama bleibt für das offizielle Kuba der Präsident des ideologischen Feindes. Nun kommt dieser mit seiner Familie, in Frieden, bereit zum Big Business – und wird höflich empfangen von einem Castro. Ist das nun das klägliche Ende von Fidel, Raúl und ihrer Revolution? Raúls Regierung tritt im Stil eines in sich gefestigten Gewinners auf, will dem Volk und der Welt weismachen: Unsere Revolution war stärker als das Imperium. Goliath warf das Handtuch. Dass Obama nun nach Kuba kommt, wird als «Ergebnis des heldenhaften Widerstands des kubanischen Volkes und dessen Prinzipientreue» dargestellt. Das Zentralorgan der Kommunistischen Partei, die Zeitung «Granma», schwärmt vom «Momentum von Kuba». Das Editorial endet mit den Worten: «Fidel und Raúl – immer siegreich. Dies ist das Kuba, das Obama ­respektvoll begrüssen wird.»

Eben, ein Sieg der Castros!, klagen die vehementesten Regimegegner. Sie kritisieren Obama für seine fast bedingungslose Annäherungspolitik. Er sei zu freundlich, sein Besuch in Kuba viel zu früh. Er legitimiere und stärke damit nur die Diktatur. Für Antonio Rodiles, einen der Wortführer unter den radikalen Dissidenten in Kuba, ist es allein schon ein Verbrechen, wenn man einen Diktator wie Castro als politischen Akteur und Verhandlungspartner akzeptiert.

Wofür all die Opfer?

Doch die grosse Mehrheit der Kubaner ist froh über Obamas Kehrtwende. Nach Jahrzehnten Propagandaschlacht, Monotonie und Mangel sind viele Menschen in Kuba einfach nur noch müde. Sie sehen den neuen Frieden mit den USA nicht als einen Sieg der Revolution, sondern als ein weiteres Kapitel im endlos langen und langsamen Abschied von den Castros. Pablo, der Barkeeper, fragt: «Wer redet denn noch von Siegern?» Man müsse nur sein Land, das Leben und die Leute anschauen, dann sehe man: «Alles ist am Boden, alle wollen weg, es muss sich sehr viel verändern.»

Eine ältere Frau tritt an die Theke. Sie trägt zerschlissene Kleider, ihre löchrigen Turnschuhe sind mit Klebeband geflickt. Sie heisst Teresa, sieht alt aus, ist aber erst 49. Draussen vor der Bar steht ihr klappriger Handkarren, auf dem ein paar Kohlköpfe, Peperoni und überreife Bananen liegen. Teresa hat einst «dank der Revolution» Geschichte und Philosophie studiert, dann als Mittelschullehrerin gearbeitet. Weil der Monatslohn aber nicht mal für eine Woche reichte, ­verkauft sie jetzt Früchte und Gemüse. Teresa bestellt ein Gläschen Rum.

Der US-Präsident in Kuba, das sei «historisch und eine grosse Sache», sagt sie, aber auch ein «schwerer Schlag». «Wenn Obama lächelnd aus dem Flugzeug steigt, werde ich vor dem Fern­seher weinen, nicht vor Freude oder ­Erleichterung, nein, sondern weil ich zutiefst traurig bin darüber, wie alles ­gekommen ist.» Mit Obama, so Teresa, kämen auch wieder all die Fragen hoch, die im Kopf und im Herzen nur Schmerzen auslösten: Wofür haben wir gekämpft und uns aufgeopfert? Was ist aus unseren Träumen von damals geworden? Und vor allem: Wie geht das alles zu Ende – und danach weiter?

Erstellt: 18.03.2016, 23:31 Uhr

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Ein politischer Eiertanz

US-Präsident Barack Obama landet am Sonntagnachmittag mit seiner Gattin Michelle, den beiden Töchtern und einer grossen Delegation aus Politik und Wirtschaft in Havanna. Raúl Castros Regierung hat für die Amerikaner mehrere Fünfsternhotels räumen lassen und deren Gäste für ein paar Tage Strandferien auf die Halbinsel Varadero verfrachtet. Am Sonntagabend werden die Obamas einen Spaziergang durch Havannas Altstadt machen und da in der Kathedrale den Erzbischof treffen, der im Friedens­prozess als Meldeläufer zwischen Papst Franziskus und den Präsidenten eine wichtige Rolle gespielt hatte.

Am Montag stehen Politik und Geschäft auf der Agenda: Treffen mit Raúl Castro, Regierungsvertretern und Geschäftsleuten. Ob Kubas Regierung da auch private Kleinunternehmer zulassen wird, wie es Obama wünschte, ist unklar. Überhaupt ist der Staatsbesuch ein einziger politischer Eiertanz. Obama wollte so viel Kontakt wie möglich mit Personen und Gruppen, die nicht vom kommunistischen Parteikader handverlesen und vorgeschickt werden. Der grösste Knackpunkt war: Wo tritt der US-Präsident öffentlich auf, und wo hält er seine Rede? Nun: Er wird am Dienstag in einem kolonialen Prunkbau der Schönen Künste vor geladenen Gästen sprechen, im frisch renovierten Gran Teatro im Herzen von Havanna.

Im Gegensatz zu anderen Staatspräsidenten und den Päpsten, die in Kuba waren, wird Barack Obama Fidel Castro nicht treffen. Der US-Präsident hat sich auch nicht wie viele andere ausländische Staatsgäste von der kubanischen Regierung verbieten lassen, mit Dissidenten und regimekritischen Aktivisten zu reden. Diese werden von Raúls Repressionsstaat verfolgt, unterdrückt und als «bezahlte Söldner des Imperiums» bezeichnet.
Obama empfängt die Oppositionellen am Dienstag in der US-Botschaft. Zum Abschluss wird er ein Freundschafts-Baseballspiel zwischen Kubas Nationalteam und dem US-Proficlub Tampa Bay Rays besuchen. Danach reist Obama weiter nach Argentinien.

Oscar Alba

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