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«Das darf nicht wahr sein»

Die Pläne waren da, nun wird das geplante milliardenschwere Ford-Werk in Mexiko plötzlich abgeblasen – auf Druck von Trump? Der Entscheid trifft Junge hart, die Empörung ist gross.

Hier hätte die Ford-Fabrik entstehen sollen: Sicherheitsleute auf dem Areal bei San Luis Potosí, wo heute General Motors Chevrolet-Modelle fertigt. (4. Januar 2017)
Hier hätte die Ford-Fabrik entstehen sollen: Sicherheitsleute auf dem Areal bei San Luis Potosí, wo heute General Motors Chevrolet-Modelle fertigt. (4. Januar 2017)
Rebecca Blackwell, Keystone

Über Handys und Rufe durch die Werkshalle verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer: Ford streicht einen geplanten milliardenschweren Fabrikneubau an seinem Standort in Zentralmexiko. «Als ich es auf dem Telefon gesehen habe, dachte ich, das darf nicht wahr sein», sagt der Arbeiter Higinio Salazar, der seit fünf Monaten in der Logistik auf dem Gelände arbeitet und auf eine langfristige Beschäftigung dort gehofft hatte. «Das war ein Befehl von Mr. Trump persönlich», fügt er verbittert hinzu.

Ford versichert zwar, dass dies nicht der Fall gewesen sei. Doch in der aufstrebenden Produktionsregion um die Stadt San Luis Potosí teilen viele Salazars Meinung, dass der künftige US-Präsident Donald Trump schon vor seinem Amtsantritt ernst macht. Schliesslich hatte er im Wahlkampf versprochen, Produktionsjobs in die USA zurückzuholen, und Mexikaner verächtlich gemacht. Nun drohte er auf Twitter auch den Konzernen General Motors und Toyota mit hohen Zöllen auf ihre in Mexiko gebauten Wagen.

«Trump mischt sich in die Globalisierung von Unternehmen ein»: Unverständnis über den Entscheid von Ford. (Video: Reuters)

Die Ankündigung von Ford löste in ganz Mexiko Schockwellen aus. Das Land ist seit der Einführung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens Nafta eng mit der US-Wirtschaft verzahnt. Von den Exporten im Umfang von 532 Milliarden Dollar gingen 2015 insgesamt 80 Prozent über die Grenze in den Norden, 100 Milliarden davon waren nach Angaben der US-Regierung Autos und Autoteile. Damit ist Mexiko der grösste Exporteur von Kfz-Produkten in die USA. Ein Fünftel aller in Nordamerika gebauten Leichtfahrzeuge stammt laut Branchenstatistik heute aus mexikanischen Fabriken.

Amerikaner kaufen wieder grössere Autos

Dass der am fast drei Quadratkilometer grossen Standort in San Luis Potosí geplante Neubau gestrichen wird, erfuhr die Regierung des gleichnamigen Staates nicht viel früher als Salazar. Von dem seit langem angekündigten Werk für 1,6 Milliarden Dollar hatte sich die Region 2800 direkte und mehr als 10000 indirekte Arbeitsplätze erhofft.

Er sei eine Stunde vor der offiziellen Erklärung von Ford-CEO Mark Fields am Dienstag über die Absage informiert worden, sagt der Wirtschaftsminister von San Luis Potosí, Gustavo Puente Oroczo. Das Unternehmen habe deutlich gemacht, dass es sich um eine endgültige Entscheidung handle, und dies mit einer gesunkenen Nachfrage nach dem Ford Focus begründet, der an dem Standort produziert werden sollte.

Viele Amerikaner schwenken wegen niedriger Benzinpreise derzeit wieder auf grössere Autos um, bei Kompaktklassewagen wie dem Focus gehen die Umsätze dagegen zurück. Fields kündigte an, Ford werde das Modell nun in einem bereits bestehenden Werk im mexikanischen Hermosillo fertigen. Von dem dadurch eingesparten Geld sollen 700 Millionen Dollar in eine Ford-Fabrik im US-Staat Michigan investiert werden, um dort unter anderem Hybrid- und Elektroautos zu bauen.

Dabei waren die Pläne für das Werk in San Luis Potosí bereits weit über die Theoriephase hinaus. Die ersten Stahlträger standen bereits, und Schilder mit Aufschriften wie «Stanzerei» und «Endlager» markierten die geplanten Standorte der künftigen Produktionsstufen.

«Er wird die Türe schliessen»

Der Staat hatte sich von der Eröffnung seiner dritten Automobilfabrik weiteres Wirtschaftswachstum erhofft. Bisher fertigt dort bereits General Motors seit 2008 seine Chevrolet-Modelle Aveo und Trax, eine BMW-Fabrik in der Nähe soll Anfang 2019 die Produktion aufnehmen.

Auch die Arbeiter vor Ort waren optimistisch. Fernando Rosales Ortuño etwa, der für einen Hersteller von Hydraulikschläuchen arbeitet, hatte auf Ford als langfristigen Kunden spekuliert. «Das hat uns eiskalt erwischt», sagt er über die Absage. «Jeder hier hat auf viel Wachstum für den Staat und diese Region gehofft.»

Allein in San Luis Potosí hängen zwischen 50'000 und 60'000 Jobs von der Autoindustrie ab. Ein Arbeiter in der Branche verdient in Mexiko im Durchschnitt acht Dollar brutto pro Stunde. Wegen dieser günstigen Produktionsbedingungen haben sich dort viele Autobauer angesiedelt. In vier benachbarten Staaten in Zentralmexiko - San Luis Potosí, Querétaro, Aguascalientes und Guanajuato - gibt es sieben Autofabriken, die bereits in Betrieb sind oder in den kommenden zwei Jahren eröffnet werden sollen. Hinzu kommen laut Wirtschaftsminister Puente fast 800 Zulieferunternehmen in der Umgebung.

Eine Fabrik hätte dem verlassenen Stück Land gut getan: Ein Arbeiter fährt an einem unfertigen Gebäude bei San Luis Potosí vorbei. (4. Januar 2017) (Bild: AP Photo/Rebecca Blackwell)
Eine Fabrik hätte dem verlassenen Stück Land gut getan: Ein Arbeiter fährt an einem unfertigen Gebäude bei San Luis Potosí vorbei. (4. Januar 2017) (Bild: AP Photo/Rebecca Blackwell)

Die Ford-Absage trifft nun die jüngere Generation am härtesten, wie die Bewohner der Stadt Villa de Reyes meinen. Heute wanderten wegen der strengeren Grenzkontrollen immer weniger Menschen aus der Stadt in die USA aus, sagt der Rentner Ignacio Segura Rocha. Die Autoindustrie biete gute Alternativen für junge Leute, die auf abgelegenen Ranches in der Region aufwachsen. «Sie haben schon davon geträumt, zu Ford zu gehen, und in letzter Minute wird alles zurückgezogen», erklärt er.

Der Bauarbeiter J. Refugio Waldo Contreras wirft Trump vor, die Mexikaner in eine aussichtslose Lage zu bringen. «Dieser Trump will unsere Leute nicht in den USA, wo wird er sie wohl hinschicken?», sagt Contreras. «Und er will nicht, dass hier Arbeitsplätze entstehen? Also wird er die Tür schliessen.» Andere Arbeiter wollen sich von dem Ford-Rückzug nicht in die Knie zwingen lassen. Er rechne damit, dass das vorgesehene Gelände nicht lange leer stehen werde, sagt der Wachmann Juan González. «Wenn die USA nicht wollen, dann vielleicht Japan oder China. Hier wird es weitergehen.»

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