Das Land der guten Nachrichten

In Kolumbien kommt die Aussöhnung voran. Jetzt liegt der Ball bei Papst Franziskus.

Er verkündet laufend «wegweisende Durchbrüche»: Präsident Santos Ende Mai bei einer Zeremonie mit dem Ziel, Bauern von Alternativen zum Coca-Anbau zu überzeugen. Foto: PD, Reuters

Er verkündet laufend «wegweisende Durchbrüche»: Präsident Santos Ende Mai bei einer Zeremonie mit dem Ziel, Bauern von Alternativen zum Coca-Anbau zu überzeugen. Foto: PD, Reuters

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In einer Welt voller schlechter Nachrichten gibt es ein Land, das jahrzehntelang von Bürgerkriegern und von Drogenbaronen bestimmt wurde, das aber neuerdings mit einer guten Meldung nach der anderen aufhorchen lässt: Kolumbien. Mit erstaunlicher Regelmässigkeit hält Präsident Juan Manuel Santos derzeit seine feierlichen TV-Ansprachen, in denen er «historische Vereinbarungen» oder «wegweisende Durchbrüche» verkündet.

Die jüngste dieser schönen Nachrichten betrifft die marxistische Guerilla-­Organisation ELN, die «Nationale Befreiungsarmee». Seit 1964 versucht sie vergeblich, die kolumbianische Nation von ihrem Staatswesen zu befreien. Nun sieht es so aus, als würde sie zumindest vorübergehend auf weitere gewaltsame Befreiungs­aktionen verzichten. Santos und die ELN haben sich auf einen temporären Waffenstillstand geeinigt, von Oktober bis Januar. Immerhin.

Das ist noch weit entfernt von einem Friedensvertrag, wie ihn Santos mit der deutlich grösseren Farc-Guerilla geschlossen hat. Es handelt sich vor allem um ein Signal des guten Willens, das im besten Fall (also wenn der Waffenstillstand eingehalten wird) ­Vertrauen schafft für die laufenden Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der ELN in Ecuador. Gleichwohl ist es ein wichtiges Signal, denn es steht ausser Frage, dass die Vereinbarung mit der Farc nur halb so viel wert ist, solange die ELN weiterkämpft, entführt, tötet.

Genosse Papst

Sicherlich ist es kein Zufall, dass die ELN-Spitze sich ausgerechnet in dieser Woche zu einer Feuerpause durch­ringen konnte. Am Mittwoch kommt Papst Franziskus nach Kolumbien, der innerhalb der christlich-befreiungstheologisch geprägten ELN durchaus geschätzt wird als ein Genosse, der für die Armen und Entrechteten kämpft – wenn auch mit anderen Mitteln. Vielleicht hat Franziskus hier ein kleines Wunder bewirkt, noch bevor er kolumbianischen Boden betrat.

Bis Kolumbien aber endgültig befriedet ist, sind noch grössere Wundertaten nötig. Präsident Santos hat für die Hartnäckigkeit, mit der er diese Aussöhnung vorantreibt, zu Recht den Nobelpreis erhalten. Das heisst aber noch lange nicht, dass sie ihn zu Hause als Volkshelden ­feiern, im Gegenteil. Seine Popularitätswerte sinken in dem Masse, wie die Zweifel an seinen TV-Ansprachen wachsen. Franziskus landet am Mittwoch in einem Land, das nicht so recht weiss, ob es sich auf seinen Frieden freuen soll.

Der Papstbesuch kommt sicherlich zur richtigen Zeit.

Von aussen betrachtet, mag es paradox wirken, dass nach einem halben Jahrhundert Krieg mit weit über 200'000 Toten und Millionen von Vertriebenen nicht alle erleichtert aufschreien, dass es vorbei ist. Aber so manche «gute Nachricht», die nun international bejubelt wird, löst bei den Betroffenen nun einmal grösstes Unverständnis aus. Dass ehemalige Farc-­Guerilleros künftig im Parlament sitzen anstatt in der Zelle, war eine notwendige Bedingung für das Zustandekommen des Friedensschlusses. Abertausende, die von der Guerilla vertrieben wurden, die Verwandte verloren haben, finden es trotzdem ungerecht, verständlicherweise. Ärgerlich ist, dass Santos’ Gegner jede Friedensinitiative zum Anlass nehmen, um weitere Ängste in der Bevölkerung zur schüren: Gibt es demnächst auch eine ELN-Partei?

Der Papstbesuch kommt sicherlich zur richtigen Zeit, denn er gibt Franziskus die Gelegenheit, seinen Teil zur Versöhnung in Kolumbien beizutragen. Etwa indem er daran erinnert, dass dazu nicht nur Gerechtigkeit gehört, sondern auch die Fähigkeit, zu verzeihen. Der Papst könnte auch darauf hinweisen, dass die extrem schwierigen Debatten ebenfalls eine Stärke dieses Friedensprozesses sind.

Erstellt: 05.09.2017, 19:15 Uhr

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