Das neurotische 21. Jahrhundert

Die Verunsicherung in unserer Zeit ist gross. Dennoch müssen wir uns auch für künftige Herausforderungen rüsten.

Ein Angestellter von Lehmann Brothers, der am 15. September 2008 seine Stelle verliert. Das Datum markiert den Beginn der Finanzkrise. Foto: Andy Rain, EPA

Ein Angestellter von Lehmann Brothers, der am 15. September 2008 seine Stelle verliert. Das Datum markiert den Beginn der Finanzkrise. Foto: Andy Rain, EPA

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Als die Welt vor zehn Jahren im Sog des amerikanischen Bankenkollapses in einen gewaltigen Abwärtsstrudel geriet, wurden nicht nur Billionen von Dollar zerstört und ein globaler Wachstumseinbruch ausgelöst. Mit zunehmendem Abstand zum Herbst 2008 zeigt sich immer klarer, dass die globale Finanzkrise am dauerhaftesten womöglich gar nicht auf materieller, sondern auf immaterieller Ebene nachwirkt. Der Einbruch im Herbst 2008 erschütterte etwas am Fundament der Gesellschaft. Mit der Folge, dass der nun schon seit Jahren an­haltende Aufschwung, gerade auch in der Schweiz, bis heute keine Boom- und Goldgräberstimmung mehr auszulösen vermag.

Sicherheit wird infrage gestellt

Bis zum Kollaps von Lehman ­Brothers ignorierte und belächelte die Welt die Warner und Schwarz­maler. Seither werden sie gehört. Als seriös erscheint, wer vor der Rückkehr der Bankenkrise oder dem nahen Ende des Euro warnt, auch wenn der vorausgesagte Kollaps Jahr für Jahr um ein weiteres Jahr ver­schoben werden muss. Als naiv gilt, wer der Ruhe traut.

Es war ihre Unmittelbarkeit, die der globalen Finanzkrise ihre enorme Wirkung auf das kollektive Bewusstsein verschaffte. Um die Jahrhundertwende war das westliche Selbstbewusstsein noch immer erfüllt vom Sieg der Marktwirtschaft über den Sozialismus. Der moderne Finanzkapitalismus schien damals, unter dem Label «Investmentbanking», aus Nichts Geld machen und zugleich alle Probleme einhegen und kontrollieren zu können. Noch heute sitzt die Scham tief, derart von Gauklern und Hochstaplern an der Nase herumgeführt worden zu sein. Deshalb gilt: Nur ja nie mehr so naiv sein.

Es sind Krisen, die den Menschen dort treffen, wo er sie nicht erwartet; es sind Katastrophen, die ihn heimsuchen, wenn er sich sicher fühlt, die sein Grundvertrauen im Kern erschüttern. Bis zum Fall von Lehman Brothers wurde in der Globalisierung ein Gewinn an Sicherheit gesehen, danach stand sie auf einmal für die Gefahr eines lokalen Brandherds, der sich jederzeit zum globalen Flächenbrand ausweiten kann.

Es liesse sich auch anders sehen

Das noch junge 21. Jahrhundert steht auf dem wackligen Fundament eines erschütterten Grundvertrauens. Dies liegt nicht nur an der Finanzkrise. Bereits am 11. September 2001 hatte das Vertrauen einen Wirkungstreffer eingefangen. Nach Ende des Kalten Kriegs schien im reichen Westen die Gefahr eines kriegerischen Angriffs ein für alle Mal gebannt. Die Terrorattacken auf die Türme in New York waren zwar kein Krieg im eigentlichen Sinn, sie fühlten sich jedoch genauso an. Auch hier gilt seither: Bloss nicht mehr so naiv sein!

Nicht naiv zu sein, von der Begrenztheit eines Booms zu wissen und Vorkehrungen zu treffen – dies sind Merkmale einer reifen Gesellschaft. Die kollektive Verunsicherung im 21. Jahrhundert trägt jedoch beinahe schon neurotische Züge. Im Aufschwung wird ein versteckter Bote des Niedergangs gesehen, in der Erholung eine verschleppte Krankheit. Statt Mut herrscht Verzagtheit.

Dabei liessen sich die Krisen und Katastrophen des 21. Jahrhunderts auch ganz anders lesen: Trotz höchster Gefahr hat sich die Weltwirtschaft eben nicht in den Abgrund reissen lassen. Viele Krisenländer sind daran, sich aufzurappeln, und der moderne Terrorismus hat sich zu keinem ­Flächenbrand ausgeweitet. Gerade in Krisen mobilisiert die Menschheit noch immer besondere Kräfte.

Der Schrecken fehlt

Womöglich liegt die grösste Tragik des neurotischen 21. Jahrhunderts darin, dass die eigentliche Gefahr und Herausforderung der Gegenwart eben nicht die Unmittelbarkeit einer Finanzkrise oder eines Terrorakts besitzt. Diese Herausforderung heisst Klimawandel, und der vollzieht sich derart schleichend, dass sich unser Bewusstsein Schritt für Schritt darauf einrichten kann.

Wir sehen und erleben ihn, und trotzdem fehlt ihm irgendwie der letzte Schrecken. Dumm nur, dass, wenn der Schrecken einmal da ist, keine Not­fallübung von Notenbankern, kein ­Sicherheitsaufgebot ihn noch stoppen kann.

Nicht naiv zu sein, heisst eben auch, sich statt an die Krisen der Vergangenheit zu klammern, rechtzeitig auch den neuen Herausforderungen zu begegnen.

Erstellt: 15.10.2018, 18:12 Uhr

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