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Das Recht, Extremes zu sagen

Ausgerechnet an der Universität von Berkeley, wo die Protestbewegung der freien Rede entstand, haben linke Radikale radikale Rechte am Auftritt gehindert.

«In Trump We Trust», heisst ihr letztes Buch: Die Publizistin Ann Coulter. Foto: J. Scott Applewhite (AP, Keystone)
«In Trump We Trust», heisst ihr letztes Buch: Die Publizistin Ann Coulter. Foto: J. Scott Applewhite (AP, Keystone)

So wie man sie einschätzt, muss es ihr ekstatisch gut gehen. Ihre schärfsten Gegner haben ihr das schönste Geschenk gemacht: Als scharfe Rechte wird Ann Coulter von radikalen Linken bedroht. Die systematisch provokante Publizistin verzichtete auf einen Vortrag, den sie an der University of California in Berkeley hätte halten sollen. Coulter wurde Gewalt von links angedroht, und die Universitätsleitung konnte ihre Sicherheit auf dem Campus nicht garantieren. «Was für ein trauriger Tag für die freie Rede», sagte Coulter der «New York Times».

Volksrepublik Berkeley

Und was für eine Ironie. Ausgerechnet auf jenem Campus, wo die rechte Publizistin nicht reden konnte, war in den Mittsechzigern das Free Speech Movement entstanden. Die studentische Protestbewegung verlangte das konsequente Recht auf die freie Rede, das die amerikanische Verfassung garantiert, der Staat aber immer wieder unterdrückt hat. Vor allem in den Sechzigerjahren, die von Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg und Rassenunruhen geprägt wurden.

Die Bewegung war lose organisiert, machte aber einige Kommilitonen im Land bekannt, darunter den Physikstudenten Mario Savio, Sohn eines sizilianischen Fabrikarbeiters. In seiner berühmt gewordenen Rede am 2. Dezember 1964 verglich er die Universität mit einer Maschine, deren Betrieb dermassen unerträglich werde, dass man nicht mehr daran teilnehmen könne. Die Polizei verhaftete zwei Tage später Hunderte von Studenten, liess sie aber gleich wieder frei. Manche von ihnen engagierten sich im amerikanischen Süden für die Einhaltung der Bürgerrechte, viele protestierten immer wieder gegen den Vietnamkrieg. Der Aufstand an der Universität zwang die Leitung zu Zugeständnissen.

Noch heute denkt die Stadt Berkeley genau so links wie ihre Universität, man spricht von der Volksrepublik Berkeley. Und die bekommt seit Monaten rechte Provokationen und linke Attacken zu spüren. Vor kurzem kollidierten Trump-Anhänger und Linksradikale in einem Park der Stadt, es gab Verletzte. Im Februar hatten lokale Republikaner Milo Yiannopoulos eingeladen, den ehemaligen Redaktor der rechtsextremen Plattform «Breitbart», der sich mit einem Bekenntnis zur Pädophilie auch für viele Konservative unmöglich gemacht hat. 1500 Studenten protestierten gegen seinen Auftritt. Über 100 Vermummte mischten sich dazu, warfen Steine und legten Brände. Der Anlass wurde abgebrochen. «Wir sind die neue Free-Speech-Bewegung», sagte der Sprecher der republikanischen Studenten von Berkeley.

Was stimmt: Immer häufiger beansprucht die amerikanische Rechte die Redefreiheit als rhetorische Waffe gegen das, was sie als den Terror der politischen Korrektheit bezeichnet. Selbst die Wahl von Donald Trump hindert sie nicht daran, sich als Opfer einer linken Gesinnungsethik zu inszenieren. Trump selber tut das ja auch. Nur ist damit noch nicht entschieden, ob alles gesagt werden soll, was gesagt werden darf. Wer religiöse Hassreden, das Hetzen gegen Minderheiten oder Mordaufrufe als Ausdruck der freien Rede feiert, missbraucht sie.

Manche Linke machen es der Rechten aber einfach. Diese merkte bald, wie leicht sich etwa die Antifa-Bewegung provozieren lässt, und wie sehr ihr die darauffolgende Berichterstattung schadet. Schon kurz nach Trumps Wahl hatten seine Medien linke Proteste zu Gewaltaktionen skandalisiert. Wenn eine Demonstration dann tatsächlich eskaliert, produzieren die Eskalierer keinen Protest mehr, bloss Idiotie.

«Wovor habt ihr denn Angst?»

Man kann Coulter hassen und muss Yiannopoulos bekämpfen. Aber sie am Reden zu hindern, ist inkonsequent. Zumindest solange sie keinen «unmittelbar bevorstehenden Gesetzesbruch» auslösen und damit gegen einen Entscheid des Obersten Gerichts verstossen. Bernie Sanders, der demokratische Präsidentschaftskandidat, wunderte sich auch über die Aktion gegen Ann Coulter. «Wovor habt ihr denn Angst?», fragte er: «Vor ihren Argumenten?»

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