Das Wunder von El Paso

Die texanische Grenzmetropole gehört zu den sichersten der USA. Ihre mexikanische Zwillingsstadt Ciudad Juárez versinkt in Gewalt.

Auf die sichere Seite: Migranten auf dem Weg von Mexiko nach El Paso. Foto: Reuters

Auf die sichere Seite: Migranten auf dem Weg von Mexiko nach El Paso. Foto: Reuters

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Das Massaker im Einkaufszentrum Wal-Mart, bei dem ein rassistischer Amokläufer am vergangenen Samstag 22 Personen erschoss, hat eine aussergewöhnliche Stadt getroffen. Und selbst wenn es im Moment seltsam klingt: auch eine aussergewöhnlich sichere Stadt. Das ist umso bemerkenswerter, wenn man sie mit ihrer Zwillingsstadt südlich des Río Grande vergleicht, dem mexikanischen Ciudad Juárez. Unter dem Titel «Das El Paso-Wunder» schrieb bereits vor zehn Jahren das libertäre US-Magazin «Reason»: «Der Alltagslogik zufolge müsste El Paso, Texas, einer der schrecklichsten Orte der USA sein.» Der Grund für die Vermutung: El Paso ist nicht nur geografisch mit einer der problematischsten Städte Mexikos zusammengewachsen, es bildet dank seines lateinamerikanischen Bevölkerungsanteils von fast 83 Prozent mit dem mexikanischen Zwilling auch ethnisch, kulturell und religiös eine weitgehende Einheit.

Doch die Alltagslogik stimmt nicht, glänzt doch die texanische Grenzstadt mit ihren 840'000 Einwohnern nicht nur im Vergleich zu Ciudad Juárez, sondern auch im inneramerikanischen Vergleich. Das lässt sich mit einem Parameter belegen, der gerade beim Thema Migration häufig verwendet wird: die Kriminalitäts- beziehungsweise Mordrate. Im Jahre 2017 war El Paso mit einer Mordrate von 2,9 Fällen auf hunderttausend Einwohner die siebentsicherste von den 63 berücksichtigten US-Grossstädten. In San Francisco lag der Wert bei 6,5 Mordfällen, in Oklahoma City bei 12,5, in New Orleans bei 40 Fällen. Nachgerade abgrundtief mutet der Unterschied zu Ciudad Juárez an, das im vergangenen Jahr mit 86 Morden auf 100'000 Einwohner die fünftgefährlichste Stadt weltweit war – dies, nachdem sich die Lage in den Jahren zuvor etwas gebessert hatte.

Die beiden Beispiele an der amerikanisch-mexikanischen Grenze zeigen eindrücklich, dass die ethnische Zugehörigkeit keinerlei Einfluss auf kriminelle Neigungen hat.

Es gibt weitere Gründe, um über die Sicherheit in El Paso zu staunen. Denn die Stadt ist nicht nur mit dem gewaltverseuchten Ciudad Juárez verschmolzen, in dem Drogenkartelle die staatliche Autorität untergraben. Es hat auch einen hohen Anteil illegaler Einwanderer (laut dem Thinktank Pew Research Center knapp 7 Prozent der Gesamtbevölkerung) sowie ein eher tiefes durchschnittliches Haushaltseinkommen. Und es liegt in einem Bundesstaat, in dem der Zugang zu Waffen dank besonders lascher Gesetze ausgesprochen einfach ist. Gut 1000 Kilometer weiter westlich, an der Grenze zwischen Kalifornien und Baja California, gibt es ein noch ausgeprägteres urbanes Zwillingsparadox, zumindest, was die Sicherheit betrifft: San Diego und Tijuana. Denn San Diego ist mit einer Mordrate von 2,4 noch sicherer als El Paso, Tijuana aber war mit 138 Fällen auf 100'000 Einwohner vergangenes Jahr die mörderischste Stadt der Welt.

«Warum Nationen scheitern»

Die beiden Beispiele an der amerikanisch-mexikanischen Grenze zeigen eindrücklich, dass die ethnische Zugehörigkeit keinerlei Einfluss auf kriminelle Neigungen hat, genauso wenig wie das ohnehin diffuse Konzept der Mentalität. Nachweislich falsch ist auch die Erklärung, die Donald Trump kürzlich bemüht hat. Im Februar behauptete er, El Paso sei früher «eine der gefährlichsten Städte» mit «extrem hohen Kriminalitätsraten» gewesen. Erst die Mauer habe sie vor den mexikanischen Verbrechern, den «bad hombres» jenseits der Grenze, geschützt. In Wahrheit hatte die Grenzbefestigung, deren Bau 2008 während der Präsidentschaft von George W. Bush begonnen hatte und 2009 unter Barack Obama vollendet wurde, keinen Einfluss auf die Gewaltkriminalität in El Paso. Ihren tiefsten Wert erreichte sie 2006, nach dem Bau der Mauer stieg er leicht an, um danach wieder zu sinken.

Das Wunder von El Paso hat nicht die Mauer geschaffen. Vielmehr hängt es mit Faktoren zusammen, welche die beiden Autoren Daron Acemoglu und James A. Robinson in ihrem 2012 erschienenen Buch «Warum Nationen scheitern» nennen. Es seien nicht Geografie, Klima, Kultur, Ethnien oder Religionen, die Staaten (und Städte) scheitern lassen oder zum Blühen bringen, sondern die Qualität staatlicher und ökonomischer Institutionen. Hinzu kommt in El Paso ein Sicherheitskonzept, das unter dem Namen «Community policing» auf eine dezentralisierte Organisation der Ordnungskräfte und eine enge Zusammenarbeit zwischen Uniformierten und Bevölkerung setzt.

Der Todesschütze hat eine Stadt getroffen, die für eine erfolgreiche Integration mexikanischer Einwanderer steht. Vielleicht war gerade dies der Grund für seine Wahl.

Es gibt auch Kriminologen wie Jack Levin von der Northeastern University of Massachusetts, denen zufolge eine hohe Migrationsrate entgegen häufiger Behauptungen nicht zu mehr, sondern zu weniger Kriminalität führt, weil Einwanderer besonders erfolgsorientiert und gesetzestreu seien. Die liberalkonservative Denkfabrik Cato Institute bestätigte den Befund vergangenes Jahr in einer Studie. Demnach ist in Texas der Anteil verhafteter Personen bei in den USA Geborenen («native-born Americans») um 81 Prozent höher als bei den legalen Einwanderern.

Es gibt auch Studien, die das dementieren. Unbestreitbar ist, dass der Todesschütze eine Stadt getroffen hat, die für eine erfolgreiche Integration mexikanischer Einwanderer steht. Vielleicht war gerade dies der Grund für seine Wahl.

Erstellt: 06.08.2019, 21:41 Uhr

Einwanderung - Segen oder Bedrohung?

Es ist eines der umstrittensten Themen des Jahrhunderts: Die Migration. Die einen heissen Einwanderer willkommen, weil sie in jeder Hinsicht eine Bereicherung seien, weil wir solidarisch sein müssen und unsere alternden Gesellschaften nur von ihnen profitieren können.

Die anderen sehen Migration als Gefahr für die wirtschaftliche und soziale Stabilität der Schweiz und Europas. Sie befürchten einen millionenfachen Ansturm aus Afrika und anderen Weltregionen. Und sie warnen vor gut gemeinter Naivität.

Wer hat Recht? Darüber debattieren:

Mattea Meyer, SP-Nationalrätin Kanton Zürich.

Gerald Knaus, Migrationsexperte, Begründer der Denkfabrik “Europäische Stabilitätsinitiative” und Ideengeber zum Flüchtlingsabkommen mit der Türkei.

Alfred Heer, SVP-Nationalrat Kanton Zürich.

Moderation: Sandro Benini (Redaktor Meinungen und Debatte, Tages-Anzeiger)

Sonntag, 1. September 2019. Kaufleuten, Pelikanplatz Zürich. Türöffnung 19.00 Uhr, Beginn 20.00 Uhr.

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