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Der alte Mann ist «unstoppable»

Bernie Sanders gewinnt in New Hampshire die Vorwahl. Nicht überdeutlich, aber klar. Und Joe Biden? Der reist einfach ab.

Thorsten Denkler, Manchester (New Hampshire)
Er ist noch älter als der amtierende Präsident Donald Trump. Doch bei jungen Wählern steht er hoch im Kurs: Bernie Sanders spricht am Dienstagabend zu seinen Anhängern. Foto: Mike Segar (Reuters)
Er ist noch älter als der amtierende Präsident Donald Trump. Doch bei jungen Wählern steht er hoch im Kurs: Bernie Sanders spricht am Dienstagabend zu seinen Anhängern. Foto: Mike Segar (Reuters)

Bernie Sanders reckt die Faust in die Höhe wie der Kapitän einer Football-Mannschaft, die gerade den Superbowl gewonnen hat. Der Jubel in der Sporthalle der Southern New Hampshire University in Manchester schon vorher: ohrenbetäubend. Jetzt nimmt er nochmal an Stärke zu. Sie rufen, sie schreien, sie brüllen ihre Freude heraus. «Bernie! Bernie! Bernie!» Zwei Minuten geht das so, bis Sanders nach dreimal «Thank you! Thank you! Thank you!» endlich «Thank you, New Hampshire!» sagen kann. Und als der Lärm gerade abebbt, da nimmt er noch einmal zu, als ob erst Schluss sein dürfte, wenn alle heiser sind.

Sanders hat sich Zeit gelassen. Über vier Stunden nach Schliessung der Wahllokale kommt der Sieger endlich auf die Bühne. Mitsamt Frau, Kindern, Enkeln. 78 Jahre alt ist der Mann. Älter als Trump. Aber seine Anhänger sind vor allem jung.

Bis zu seinem Auftritt wird jede neue Prognose, die über die Grossbildleinwand flimmert, mit neuem Jubel begrüsst. «Bernie! Bernie! Bernie!», rufen die Fans. «Bernie beats Trump! Bernies beats Trump!», Bernie schlägt Trump. Oder: «Another world is possible, we are unstoppable», eine andere Welt ist möglich, wir sind nicht zu stoppen. Es ist, als hätte Bernie jetzt schon gegen Donald Trump gewonnen.

Es ist ein Fest für Sanders, dem Senator aus dem Nachbarstaat Vermont. Als er um kurz nach elf die Bühne betritt, liegt er bei 26 Prozent, 1,6 Prozentpunkte vor Pete Buttigieg. Da sind 90 Prozent der Stimmen ausgezählt. Das ist knapp, aber offenbar genug für Sanders, um diesen Wahlsieg einen «grandiosen» zu nennen.

Er macht es kurz. Wiederholt nach seinem Dank an Wähler und freiwillige Helfer seine Wahlkampfschlager: Krankenversicherung für alle, Ende der Masseninhaftierung, bessere Regeln für Immigranten. Jeder Punkt erzeugt frenetischen Beifall. Es der Beifall einer Revolution, die er anzetteln will in den USA.

Sanders braucht dafür diesen Sieg. In Iowa musste er sich den Platz eins noch mit Pete Buttigieg teilen. Wobei: Offiziell hat dort natürlich Buttigieg dort gewonnen, er hat 14 Delegiertenstimmen gewonnen, zwei mehr als Sanders. Sanders aber reklamierte den Sieg für sich, weil unterm Strich 6000 Menschen mehr für ihn gestimmt haben.

Sanders einfach besser als Pete Buttigieg

Der Sieg in New Hampshire dagegen ist zwar knapp, aber wenigstens unangreifbar. Ein wichtiges Signal für seine Anhänger. Aber dann doch auch nicht so überragend wie 2016. Da hat er Hillary Clinton mit 37 Prozent und 22 Prozentpunkten Vorsprung empfindlich geschlagen. Und am Ende doch nicht die Nominierung gewonnen. Sanders wird wissen, dass noch ein langer Weg vor ihm liegt.

2000 Menschen kamen zur Kundgebung von Bernie Sanders. Soviel wie in keiner anderen Vorwahl-Kundgebung der Demokraten.

Pete Buttigieg, bis Jahresbeginn noch Bürgermeister der 100'000-Einwohner-Stadt South Bend in Indiana, landet mit 24,4 Prozent auf einem respektablen zweiten Platz. Dass er hier in New Hampshire nur knapp hinter Sanders liegt, darf ihn freuen. Es hätte ja auch anders enden können. Ihm sind Siegeschancen für diesen Abend vorhergesagt worden. Wer in den vergangenen Tagen über die Landstrassen des Bundestaates gefahren ist, der hat viele «Pete 2020»-Schilder am Strassenrand gesehen. Mehr als von jedem anderen Kandidaten. Seine Wahlkundgebungen waren mindestens gut besucht, wenn nicht heillos überfüllt.

Ausschnitte aus der Dankesrede von Bernie Sanders in New Hampshire. (Video: Tamedia)

Sanders aber war einfach besser. Am Sonntag hat er einen Rekord aufgestellt. 2000 Menschen kamen zu seiner Kundgebung. Soviel wie in keiner anderen Vorwahl-Kundgebung der Demokraten. Am Montagabend hat er das noch getoppt. Ins rappelvolle Whittemore Stadion von Durham kamen 7500 Menschen.

Bernie Sanders ist das linke Original der Demokraten

Für Amy Klobuchar, Senatorin aus Minnesota, ist der dritte Platz mit 19,8 Prozent ein mindestens ebenso grosser Erfolg. In nationalen Umfragen krebst sie bei nur vier, fünf Prozent vor sich hin. Sie hat sogar ein paar Wahlbezirke in New Hampshire gewonnen. Vielen gilt sie als die Stimme der Vernunft in diesem aufgeheizten Rennen um ideologische Meinungsführerschaft. Oder wie es Jack Lightfood, 72, aus Goffstown unweit von Manchester auf dem Weg ins Wahllokal sagt: «Sie weiss, dass nicht alles auf einmal geht.» Womit er vor allem die Pläne von Sanders und Elizabeth Warren zu einer Krankenversicherung für alle meint. Beide erwecken den Eindruck, als könnte das über Nacht geschehen. New Hampshire dürfte Klobuchar neuen Schub bringen.

Das Parteiestablishment der Demokraten würde Joe Biden gern auf dem Ticket sehen. Aber in drei der vier neusten Umfragen führt jetzt Bernie Sanders.

Nach Klobuchar kommt lange nichts. Dann Elizabeth Warren. Sie wird sich mit ihren 9,4 Prozent langsam fragen müssen, wie lange sie ihre Kampagne noch in der Spur lassen will. Warren hat ein ähnlich progressives Programm wie Sanders. In den Umfragen aber kommt sie nicht vom Fleck. Es wird immer offensichtlicher, dass die Leute wenn dann das linke Original ins Präsidentschaftsrennen gegen Trump schicken wollen. Und das ist offenbar Bernie Sanders.

Für einen Kandidaten sind die Chancen an diesem Abend radikal gesunken. Joe Biden, der ehemalige Vizepräsident unter Barack Obama und prominentester unter allen Kandidaten. Das Parteiestablishment der Demokraten würde ihn gern auf dem Ticket sehen. Und lange sah es sehr gut aus für ihn. Seit einem Jahr führt er die nationalen Umfragen an.

Biden ist schon weg, als die Wahllokale schliessen

Jetzt ist alles anders. 8,4 Prozent in New Hampshire. Rang fünf. Es ist jetzt schon so etwas wie eine fortgesetzte Leidensgeschichte. In Iowa holte er vor gut einer Woche nur Rang vier. In den vier jüngsten nationalen Umfragen, die am Montag und Dienstag veröffentlicht wurden, führt in dreien jetzt Sanders. Zum Teil deutlich mit bis zu zehn Prozentpunkten Vorsprung auf Biden. Sanders führt sogar in Kalifornien. Der Staat, der mit 416 Delegierten die meisten Stimmen zum Parteitag der Demokraten im Sommer beisteuert, auf dem der Kandidat oder die Kandidatin gekürt wird. New Hampshire hat nur 24 Delegierte zu vergeben.

Am Dienstagmorgen um 11.03 Uhr bereits liess Biden eine recht überraschende Pressemitteilung versenden. Er wird den Wahlabend nicht in New Hampshire verbringen. Stattdessen will er den Wahlkampf im Süden aufnehmen. Vor allem unter den vielen schwarzen Wählern dort geniesst er grosse Unterstützung. Diese muss er jetzt in dringend benötigte Siege ummünzen. Gegen sechs Uhr am Abend steigt Joe Biden also in den Flieger nach South Carolina. Eineinhalb Stunden bevor die Wahllokale schliessen, ist er einfach weg.

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Die Daten, die Biden von seinen Leuten in New Hampshire offenbar vorab bekommen hat, müssen verheerend gewesen sein. Das bestätigt sich später, als der Nachrichtensender CNN 15 Minuten nach Schliessung der Wahllokale die erste Hochrechnung präsentiert. Biden landet da klar unter zehn Prozent. Eine kolossale Niederlage, die er offenbar lieber nicht vor Ort erklären möchte. Seine Anhänger in New Hampshire bekommen ihn am Abend nur per Live-Stream zu sehen. Auch eine Art, seine Niederlage einzugestehen. War es nicht mal so, dass der Kapitän das sinkende Schiff als letzter verlässt?

Aus der Ferne müssen seine Anhänger dann mit anhören, wie er New Hampshire mit Nevada verwechselt. Sein einziger Mutmachpunkt: 99 Prozent aller schwarzen Wähler hatten in New Hampshire keine Chance, ihre Stimme abzugeben. Die könne nur er gewinnen. Ohne sie gewinne niemand die Wahl.

Zu vermuten ist, dass sich eine Reihe von Wählern im letzten Moment statt für Biden dann doch für den 38 Jahre alten Pete Buttigieg oder Amy Klobuchar, die erfahrene Senatorin aus Minnesota, entschieden haben, die beide eher moderat auftreten. Unentschiedene Wähler gab es jedenfalls bis zum Schluss zuhauf.

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