Der andere Amerikaner

Papst Franziskus besucht die USA. Und bringt die Republikaner in Schwierigkeiten.

Ganz Ohr: Papst Franziskus und Barack Obama vor dem Weissen Haus. Foto: Jonathan Ernst (Reuters)

Ganz Ohr: Papst Franziskus und Barack Obama vor dem Weissen Haus. Foto: Jonathan Ernst (Reuters)

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An diesem Mittwoch mischt sich der Papst in Washington unters Volk, und der Jubel wird an das Jahr 2008 erinnern, als ein Präsidentschaftskandidat namens Barack Obama die Welt heilen wollte. Obama war damals der coole, idealistische Aussenseiter, der einem alten Amt neuen Zauber verhiess. All das gilt heute auch für den Papst, der in den USA äusserst beliebt ist, deutlich beliebter als die Institution, die er führt. Jenseits dieser persönlichen Ähnlichkeiten aber haben sich Präsident Obama und Papst Franziskus auch in ihren politischen Prioritäten so sehr angenähert, dass Konservative schon argwöhnen, Franziskus sei Obamas Papst.

Geprägt von Armut und Lebensfreude

Dieser Begriff ist irreführend, weil er unterstellt, die USA könnten das Denken des Pontifex steuern. Das Gegenteil ist richtig: Franziskus hält die USA nicht für den Mittelpunkt der Welt. Er ist zwar ein amerikanischer Papst, allerdings ein dezidiert südamerikanischer. Er ist geprägt von Argentinien, von Armut und Staatsversagen, aber auch von Lebensfreude, die nicht am Materiellen hängt.

Die USA dagegen sind ihm fremd, er besucht sie zum ersten Mal überhaupt. Der Papst ist der andere Amerikaner, der sonst lieber den ärmeren Süden bereist und viel zu kritisieren haben dürfte im Land des Kapitalismus, der Verschwendung und der überfüllten Gefängnisse. Der Papst kommt als Fremder in die USA, darin liegt der Reiz – er wird für seine Gastgeber liebevolle, aber auch unbequeme Worte finden.

Nah wie einst Reagan und Johannes Paul II.

Und doch ist jüngst zwischen Präsident und Papst eine seltene Nähe entstanden, besonders bei Themen wie Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit oder der Annäherung der USA an Kuba. Es kommt selten vor, dass sich die Ziele des militärisch mächtigsten Mannes auf Erden so sehr mit denen des Mannes decken, der nur – aber dafür umso mehr – Soft Power besitzt, also die Macht der Worte und Gesten. Das letzte Beispiel dafür liegt in den Achtzigerjahren, als sich Ronald Reagan und Johannes Paul II. gegen den Kommunismus stemmten.

In den Jahren 2008 und 2009 war Obama selbst eine Art weltlicher Papst; er wollte der Friedenspräsident sein und erhielt deswegen den Nobelpreis. Doch in Washington ist der Widerstand gegen diese Politik der Diplomatie und der sanften Beeinflussung des Iran und Kubas enorm. Im Kampf um die öffentliche Meinung hilft es Obama sehr, dass ihm der Papst den Rücken deckt. Franziskus wiederum stammt aus einem Teil der Welt, in dem man die USA oft zu Recht als Teil des Problems sieht – doch offensichtlich sieht er Obama auch als einen Teil der Lösung. Er weiss, dass seine Worte zum Naturschutz mehr Kraft erlangen, wenn der US-Präsident ihnen Nachdruck verleiht, gerade jetzt: In Paris steht ein Klimagipfel bevor, und Amerika steht vor einer Präsidentschaftswahl, in der über die Richtung der Umweltpolitik entschieden wird.

Auch die Demokraten wird er mahnen

Die Republikaner haben sich also, ohne es zu wissen, einen mächtigen Kritiker ins Haus geholt. Als sie Franziskus gebeten haben, vor dem US-Kongress zu sprechen, da war weder dessen En­zyklika zum Umweltschutz bekannt noch dessen Geheimdiplomatie zwischen den USA und Kuba. Nun kann Franziskus veranschaulichen, wie weit die Republikaner im Abseits stehen, indem sie den Klimawandel leugnen.

Sie erklären den Überfluss an Rohstoffen gern für gottgegeben; der Papst sollte sie daran erinnern, dass der Preis der Verschwendung anderswo entrichtet wird, meist von Ärmeren, und dass der Staat mehr tun muss, um auch in den USA den Wohlstand gerechter zu verteilen. Es würde dann deutlich, dass der für US-Begriffe sozialistische Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders viele Dinge sagt, die anderswo als anständig, ja selbstverständlich gelten.

Die Grenzen der weichen Macht

Aber der Papst passt nicht in Washingtons starre Rechts-links-Muster, und deswegen müssen auch die Demokraten mit mahnenden Worten rechnen. Franziskus ist auch deswegen nicht «Obamas Papst», weil er etwa in der Familien- und Gesellschaftspolitik sehr viel konservativer ist. Manche halten den Papst für einen Linken, weil er sich weigert, Schwule zu verurteilen. In Washington aber dürfte er für die traditionelle Ehe zwischen Mann und Frau ebenso eintreten wie für den Schutz des ungeborenen Lebens, was besonders den Republikanern entgegenkommen dürfte, die darin ein altes Wahlkampfthema neu entdeckt haben.

Obama hat in den Jahren als Präsident lernen müssen, dass die weiche Macht der Überzeugung und Diplomatie klare Grenzen hat. Franziskus wiederum dürfte gerade in Amerika spüren, wie endlich auch seine Macht ist. Die Politiker in Washington werden Selfies schiessen mit ihm und am liebsten nur das betonen, worin sie sich von ihm bestätigt sehen. Doch immerhin tut Franziskus in Washington ein paar Tage lang, was Besucher aus der Fremde am besten können – er hält dem Gastgeber einen Spiegel vor.

Erstellt: 24.09.2015, 08:20 Uhr

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