«Der Aufstand der Mittelschicht»

Starautor Nicholas Lemann über die Rolle von Facebook und Google im US-Wahlkampf, den Verlust von Sicherheit in der gesellschaftlichen Mitte – und die sich abzeichnende neue Ära des Kapitalismus.

«Die Leute im Silicon Valley wollen das Bildungssystem zerschlagen», sagt Lemann. Foto: Dominique Meienberg

«Die Leute im Silicon Valley wollen das Bildungssystem zerschlagen», sagt Lemann. Foto: Dominique Meienberg

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Bald wählt das amerikanische Volk den Nachfolger von Barack Obama. Bei den Republikanern wie bei den Demokraten halten sich populistische Kandidaten wie Donald Trump und Bernie Sanders erstaunlich gut. Sie bedienen die Verlierer der Globalisierung und der digitalen Revolution mit einfachen Lösungen. Erleben wir den Aufstand der frustrierten Mittelschicht?
Wenn Sie mit Aufstand nicht die bewaffnete Revolution, sondern den Protest mit dem Stimmzettel meinen, dann würde ich sagen: Ja, der Aufstand der Mittelschicht hat begonnen. Es gibt sogar noch einen dritten Mann im Rennen, der zu den Populisten zu zählen ist, nämlich Ted Cruz. Von allen dreien hätten Politjournalisten vor einem Jahr noch gesagt: Das sind Witzkandidaten, die kommen nicht weit.

Warum ist das nun doch anders?
Alle drei bedienen frustrierte Gruppen von Wählern, die sich von den Kandidaten des Parteiestab­lishments mit ihren Sorgen und Nöten nicht ernst genommen fühlen. Da nützt es auch nichts, wenn Hillary Clinton plötzlich so tut, als ob sie die Leute verstehen würde. Man glaubt ihr offenbar nicht recht.

Wenn man sich die Fernsehbilder ansieht, die den Wahlkampf zeigen, dann sind es Mengen von weissen Männern, die den erwähnten Populisten zujubeln.
Das stimmt. Aus welchem Grund auch immer, aber es ist eine Tatsache, dass der linke Sanders die Schwarzen und die Latinos nicht zu mobilisieren vermag – obwohl er sich angeblich für sie einsetzt.

«Sanders vermag die Schwarzen und Latinos nicht zu mobilisieren.»Nicholas Lemann

Barack Obama gewann seine Wahlkämpfe dank dem Einsatz von Facebook beim Spendensammeln, Trump lanciert seine Provokationen über Twitter. Gleichzeitig spenden die Milliardäre aus dem Silicon Valley Millionen für ihren Wunschkandidaten. Wer wird mächtiger sein, der neue Präsident der USA – oder Facebook-CEO Mark Zuckerberg und seine Freunde?
Oh, ich denke, und ich hoffe, immer noch der Präsident der Vereinigten Staaten. Mark Zuckerberg ist zwar sicher reicher als ein amerikanischer Präsident, und er betreibt ein Netzwerk mit bald zwei Milliarden Mitgliedern, aber Armeen mobilisieren und Kriege führen, das kann er nicht.

Doch es ist offensichtlich, dass die neuen Tycoons aus dem Silicon Valley sich immer ungenierter in die Politik einmischen.
Sicher, und zwar nicht mehr nur Bill Gates, der in allen 50 Bundesstaaten Lobbyisten hat. Alle grossen Player der Digital- und Internetwirtschaft verfolgen mittlerweile eine politische Agenda.

In Ihrem Artikel «The Network Man» beschreiben Sie, wie man sich diese Einflussnahme vorzustellen hat: Reid Hoffman, Gründer des Buinessnetzwerkes Linkedin, spendete den Demokraten eine Million Dollar und erlangte so Zugang zum engsten Kreis von Obama, wurde zu einer Art Berater. Mit ­Verlaub, ist das nicht Korruption?
Das mag Ihnen als Europäer vielleicht so vorkommen, aber in den USA sind die Verhältnisse eben anders. In den Vereinigten Staaten sind solch grosse Wahlkampfspenden legal und üblich. Natürlich können Sie sagen, diese Milliardäre kaufen sich politischen Einfluss. Aber es ist Teil des Systems.

Wie Sie schreiben, will Hoffman eine Milliarde für Michael Bloomberg, den ehemaligen Bürgermeister von New York, sammeln, um diesen zum Präsidenten zu machen.
Ich glaube nicht, dass Bloomberg wirklich ins Präsidentenrennen einsteigen will.

Es heisst aber, Bloomberg überlege sich eine unabhängige Kandidatur.
Noch mal, ich glaube nicht, dass er einsteigt. Mag sein, dass ihm etwas langweilig ist und er darum mit einer Kandidatur kokettiert. Ich glaube auch nicht, dass er gewinnen könnte.

Warum?
Weil er keinen Parteiapparat im Rücken hat. Aber klar, er entspricht dem, was die Exponenten im ­Silicon Valley wollen. Er ist parteiunabhängig und problemorientiert, definitiv kein Mann der Institutionen.

Welche Eckpfeiler hat denn die Politikagenda von Milliardenkonzernen wie Facebook, Google oder eben Linkedin?
Zum einen verfolgen sie reine Industrieinteressen, in der Datengesetzgebung, bei der Debatte ums ­Urheberrecht, beim Arbeitsrecht, aber auch in der Migrationsfrage, da diese Tech- und Software-Konzerne ja auf topqualifizierte Einwanderer angewiesen sind. Dann gibt es jedoch eine gesellschaftspolitische Agenda im weiteren Sinne.

Wie muss man das verstehen?
Diese Leute schauen aus ihrer doch sehr speziellen Silicon-Valley-Welt auf Amerika und sehen einen Staat, der ihrer Meinung nach mit seinen Institutionen gescheitert ist. So wollen sie etwa das Bildungssystem zerschlagen – disruptieren, wie es im Tech-Jargon heisst – und es völlig neu aufbauen. Diese Leute sagen sich: «Eine Schule muss so geführt werden, wie ich meine Firma führe.» Lehrergewerkschaften sollen abgeschafft werden, die Leistungen der Schülerinnen und Schüler mit nationalen Standards verglichen werden – und die Lehrpersonen würden dann entsprechend den Noten ihrer Klassen bezahlt. Mark Zuckerberg, von dem wir eben sprachen, hat viel Geld in solch ein Schulprojekt in New Jersey investiert.

Was soll daran schlecht sein?
Wer wird in einem solchen System schwache Schüler unterrichten? Wer kann garantieren, dass die Tests und damit die Bezahlung der Lehrer wirklich fair sind? Eine Schule ist eben kein Start-up, sondern etwas komplizierter.

Hat das Silicon Valley mittlerweile die ­Wallstreet abgelöst, was den Einfluss in ­Washington, den Einfluss auf die ­amerikanische Politik betrifft?
Die USA sind ein grosses, kompliziertes Land, und die Allianzen zwischen Wirtschaft und Politik nehmen immer wieder neue Formen an. Als Obama 2008 antrat, hatte er mehr Unterstützung von Goldman-Sachs-Bankern als sein republikanischer Konkurrent John McCain. Mittlerweile aber haben tatsächlich die Silicon-Valley-Exponenten die Bankenlobby abgelöst – was die Obama-Regierung anbelangt. Bei Hillary Clinton und ihrem Team ist die Sache aber wieder etwas anders, Clinton steht Hollywood nahe, und weil Hollywood-Elite und Silicon-Valley-Elite einander nicht mögen, hat sie weniger Unterstützung aus der Internetbranche als Obama. Und dann gibt es noch ganz andere wichtige Player, etwa die Energieindustrie, die stark mit den Republikanern verbandelt ist. Was indessen sicher ist: Das Silicon Valley, seine Vertreter und ihre Interessen, spielt in Washington eine ungleich bedeutendere Rolle als zu Beginn der Ära Obama.

Was Europäer immer wieder erstaunt, ist der Umstand, dass in den USA selbst kaum Kritik zu hören ist am Gebaren von Internetgiganten wie Facebook oder Google – obwohl diese trotz Milliardenumsätzen kaum Steuern zahlen. Wie kommt das?
Das ist ein spannendes Phänomen. In der Tat ist es gewissermassen Teil unserer nationalen Kultur, dass wir glauben, diese Google-Typen und Silicon-Valley-Helden seien die wundervollsten Menschen der Welt, und alles, was sie täten, sei grossartig. Und viele dieser Leute selbst denken ja in ihrem schrankenlosen Technik- und Zukunftsoptimismus, sie täten alles nur zum Wohle der Menschheit und einer neuen Arbeitswelt, in der sich alle verwirklichen könnten – Eigeninteresse oder Egoismus werden schlicht ausgeblendet.

Tatsächlich bringt der Siegeszug der Digitalwirtschaft einige von uns in ziemliche Schwierigkeiten. Eine Ihrer Kernthesen lautet, dass wir uns in einem Übergangzeitalter befinden, dass staatliche Institutionen und Strukturen aufgelöst oder gar zerschlagen werden und sich Wirtschaft und Gesellschaft im Zuge der Digitalisierung immer mehr in Form von Netzwerken organisieren. Was bedeutet das für den Einzelnen?
Die Entwicklung ist eindeutig: Es gibt immer weniger Menschen, die ein Leben lang oder nur schon jahrelang einer Firma verpflichtet sind – und dafür wirtschaftliche und soziale Sicherheit erhalten. Anstelle dieses Typus, den ich «Organization Man» nenne, tritt der «Network Man». Es ist die kurzfristig angeheuerte Arbeitskraft, die sich in der Scheinselbstständigkeit, die das Internet bietet, immer wieder neu verkaufen muss. Dabei: Im Silicon Valley selbst scheitert ja die überwiegende Zahl von Start-ups, weit über 90 Prozent – aber das ist kaum ein Thema.

Es heisst, dass diese Veränderung, die Sie beschreiben – auch bekannt unter dem Begriff «4. Industrielle Revolution» –, vor allem den Wohlstand und die Sicherheit der heutigen Mittelschicht bedroht und zerstören wird. Teilen Sie diese Befürchtung?
Nun, die Daten für die USA sind klar. In den Vierziger-, Fünfziger- und Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts profitierte die Mittelschicht enorm, seit den Achtzigerjahren verliert sie. Und mit der Netzwerkwirtschaft verstärkt sich dieser Trend. Nun gibt es aber Leute, die sagen: «Im Grunde ist es moralisch nicht zu rechtfertigen, wenn man verlangt, jetzt die Mittelschicht zu schützen. Denn ihr Reichtum und Wohlergehen vergangener Jahre basierte auf der Ausnutzung oder gar Ausbeutung von Entwicklungsländern.»

Die Mittelschicht selbst wird diese Argumentation kaum trösten. Braucht es neue Gesetze, um die Löhne zu schützen in der Netzwerkwirtschaft? Um Sicherheit und Chancengleichheit zu garantieren etwa im Erziehungsbereich?
Ich denke ja. Der ideologische Kampf um Obamacare, die Versicherungspflicht im Gesundheits­wesen, ist gewissermassen ein Vorläufer dieser Entwicklung. Und ich bin überzeugt, dass es noch mehr solche Gesetze geben wird: in den Bereichen Lohnsicherheit, Renten, Gesundheit. Ich glaube, in der Entwicklung des Kapitalismus beginnt nun eine Phase, in der wir das Etablieren neuer Gesetze zum Schutze der Arbeitnehmer und Konsumenten miterleben werden. In Europa ist diese Entwicklung schon zu beobachten, etwa in der Auseinandersetzung der EU mit Google. Und letztlich bin ich mir auch ziemlich sicher, dass die Bürger von demokratischen Gesellschaften sich nicht sagen werden: «Oh, ich bin gerne ein schlecht bezahlter Free­lancer, ohne Arbeitsplatzsicherheit, ohne Versicherungsschutz, ohne Pension.» Das wird aber kaum ein­treten.

Von Franklin D. Roosevelt, US-Präsident in den 30er-Jahren, stammt die Formel, Wirtschaft und Politik hätten dem Volk zu dienen. Wenn man Ihnen so zuhört, dann bekommt man den Eindruck, Sie seien der Meinung, dass es umgekehrt gekommen sei, nämlich dass das Volk der Wirtschaft und der Politik dient.
Ich denke, in Roosevelts Sprache könnte man das so sagen. Wobei man wissen muss: Kein amerikanischer Politiker würde heutzutage wagen, dies so auszusprechen. Nicht einmal der Linke Bernie Sanders. Es wäre Selbstmord.

Wieso?
Weil die amerikanische Gesellschaft heute vom kapitalistischen Denken durchdrungen ist. Doch ich bin überzeugt, dass wir die Gegenbewegung erleben werden, dass die Politik und die Institutionen wieder gestärkt werden. Selbst wenn dies zulasten der wirtschaftlichen Effizienz geht.

Erstellt: 30.01.2016, 08:18 Uhr

Nicholas Lemann

Journalist und Buchautor

1955 in New Orleans geboren, ist Nicholas Lemann heute einer der profiliertesten amerikanischen Journalisten und ein erfolgreicher Buchautor. Für die Zeitschrift «The New Yorker» verfolgte er mehrere amerikanische Wahlkämpfe, in aktuellen Reportagen analysiert er das Machtgeflecht des amerikanischen Politsystems. Derzeit arbeitet Lemann an einem Buch, in dem er den fundamentalen gesellschaftlichen Wandel von Institutionen zu Netz­werken beschreibt. (TA)

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