Der Benghazi-Test

Wieder einmal wird Hillary Clinton zum Überfall auf das US-Konsulat in Libyen befragt. Doch es geht längst nicht mehr um jene Nacht 2012, als US-Botschafter Stevens ermordet wurde.

Gibt sie sich eine Blösse? Für Hillary Clinton steht bei der Befragung von heute viel auf dem Spiel. Foto: Brian Snyder (Reuters)

Gibt sie sich eine Blösse? Für Hillary Clinton steht bei der Befragung von heute viel auf dem Spiel. Foto: Brian Snyder (Reuters)

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17 Monate hatte Trey Gowdy Zeit, sich auf den heutigen Tag vorzubereiten. Gowdy, ehemaliger Bundesstaatsanwalt, Freunde nennen ihn «Bulldogge», ist der Vorsitzende des Benghazi-Sonderausschusses, und er wird Hillary Clinton heute zum Terroranschlag auf das amerikanische Konsulat in Libyen am 11. September 2012 befragen, als vier Amerikaner, unter ihnen Botschafter J. Christopher Stevens, ermordet wurden.

Clinton war damals Aussenministerin und stand von Beginn an unter Kritik, trotz warnender Depeschen von Stevens nicht genug für die Sicherheit getan zu haben. Warum wurde das Wachpersonal nicht aufgestockt? Hätte man den Botschafter nicht abziehen sollen, da gerade an jenem Tag ein islamkritisches Video in vielen muslimischen Ländern zu Protesten führte? Das sind die Fragen, mit denen sich das Parlament seit drei Jahren beschäftigt.

«Nicht eine Ameise war zu sehen»

«Die Nacht in Benghazi war ruhig», heisst es aber in einem Bericht der CIA, «nicht eine Ameise war zu sehen», wird ein Wächter zitiert. Also konnte doch niemand voraussehen, dass Stunden später ein Mob militanter Islamisten in die Gebäude eindrang, kanisterweise Petroleum verschüttete und alles abfackelte?

Es ist nicht das erste Mal, dass Hillary Clinton zum Terrorakt in Benghazi befragt wird. Es gab seit 2012 bereits acht Untersuchungen, es war von Versäumnissen die Rede, aber nie von einem systematischen Vergehen. Selbst Trey Gowdys siebzehnmonatige Ermittlung, die 4,5 Millionen Dollar verschlang, soll keine Beweise für ein Fehlverhalten zutage fördern, heisst es jetzt in einem Vorbericht der Demokratischen Partei, doch Gowdy sieht das anders.

Eine neue Fährte gewittert

Als am 2. März bekannt wurde, dass Clinton in ihrer Zeit als Aussenministerin ihre E-Mails über einen privaten Server verschickte, darunter auch Dokumente, die die Botschaft in Libyen betrafen, witterten Trey Gowdys Leute eine neue Fährte. «Endlich schienen sie etwas in den Händen zu halten, um Clinton zur Strecke zu bringen», sagte Bradley Podliska, damals einer von Gowdys Mitarbeitern, der später gefeuert wurde.

Zwar hat die ehemalige Aussenministerin den Behörden seit März Zehntausende E-Mails übergeben, die sie geschickt und empfangen hatte, allerdings gab sie zu, weitere 32'000 gelöscht zu haben, was Raum für viele Spekulationen liess. «Indem sie ihren eigenen Server gebrauchte, setzte Clinton nicht nur die nationale Sicherheit aufs Spiel, sondern auch Menschenleben», wurde Trey Gowdy in der «New York Times» zitiert. Er sprach von 1500 neuen E-Mails, die er erst kürzlich erhielt und deren Inhalt «bemerkenswert sei».

So etwas wie Zufälle gibt es in Washington nicht.

Wenn Hillary Clinton heute Vormittag vor Gowdy und weiteren elf Mitgliedern des Benghazi-Ausschusses in den Zeugenstand tritt, erwartet in Washington niemand neue Details über jene Nacht im Jahr 2012. Nicht die mangelnde Sicherheit des Botschafters steht im Vordergrund, sondern wieder einmal Clintons Adresse: hdr22@clintonemail.com, ihr Server in ihrem Haus in Chappaqua und die komplexe Frage, was genau als klassifizierte Information gilt und was nicht.

Clinton hat in den vergangenen Wochen mehrmals zu den E-Mails Stellung genommen. Erst nannte sie diese «ein dummes Versehen», später witzelte sie, technisch nicht ganz auf der Höhe zu sein, doch als ihr Stab merkte, wie sehr die Affäre ihrem Image schadet, weil sie das Misstrauen befeuert, das überall aufkommt, wo Clinton draufsteht, hat sich Hillary Clinton dazu entschlossen, sich zu entschuldigen «beim amerikanischen Volk», wie es dann immer heisst. «Es war wohl nicht eine meiner besten Ideen», sagte sie.

«Wo steckte sie in der Nacht der Benghazi-Attacke?»

«Bei dieser ganzen Untersuchung geht es lange nicht mehr um Benghazi, sondern nur noch um Clinton selbst», sagte Adam Schiff, Demokrat aus Kalifornien und eines der Mitglieder des Ausschusses — und er wird nicht ganz Unrecht haben, denn die Vehemenz, mit der Clintons politische Gegner das Thema Benghazi beackern, ist auffallend. Die Vorwürfe werden in den Sonntags-Talkshows so oft wiederholt, bis man am Ende gar das Gefühl hat, Clinton sei am Attentat in Libyen beteiligt gewesen. So behauptete Carly Fiorina, Hillary Clinton habe Blut an ihren Händen, und ihre Mitbewerber ums Präsidentenamt doppelten munter nach: Senator Rand Paul meinte, «Benghazi war ein Anruf um 3 Uhr morgens, den Hillary nie entgegennahm», während Senator Lindsay Graham twitterte: «Wo zum Teufel steckte sie in der Nacht der Benghazi-Attacke?»

Vor wenigen Tagen hat nun Kevin McCarthy, republikanischer Abgeordneter von Kalifornien, bestätigt, wie politisch durchdrungen die ganze Untersuchung um Clintons Rolle in ­Libyen sei. McCarthy, damals noch im Rennen um das Amt des Speakers des Repräsentantenhauses, sagte in einem Fernsehinterview: «Alle dachten, Hillary Clinton sei nicht zu stoppen. Wir aber haben ein Ausschuss zusammengestellt. Und wo stehen ihre Umfragewerte heute? Sie fallen.»

McCarthys Geschenk

Für Clinton war McCarthys Unüberlegtheit ein politisches Geschenk, weil sie nun einen Beweis hatte, dass es der Gegenseite nicht um die Sache ging, sondern um ihren Kopf. Und McCarthy kostete sein Ausrutscher wahrscheinlich die Nominierung zum Speaker.

Viel steht heute für Hillary Clinton auf dem Spiel, heisst es in den amerikanischen Medien, die sich seit Tagen mit Szenarien überbieten, so wie das Sportreporter vor wichtigen Endspielen tun. «Ist Hillary überhaupt noch zu stoppen, wenn sie sich vor dem Ausschuss keine Blösse gibt?», titelt «Politico».

So schnell aber wird Hillary Clinton die E-Mails nicht los. Trey Gowdy, die Bulldogge, hat angekündigt, 2016 einen vollständigen Bericht zu veröffentlichen, zufällig zu einem Zeitpunkt also, an dem sich der Wahlkampf auf dem ­Höhepunkt befindet. Doch so etwas wie Zufälle gibt es in Washington nicht.

Erstellt: 21.10.2015, 23:22 Uhr

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