Der bizarre Vater

Dem Vater des Attentäters von Orlando wird bereits Nähe zum Islamismus unterstellt. Das tatsächliche Bild von Seddique Mateen sieht anders aus.

Der Vater des Attentäters von Orlando Seddique Mateen hat sich in einem ausführlichen Interview zu den Taten seines Sohnes Omar geäußert.
Video: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das grosse Rätselraten, die Spurensuche hat begonnen – wer war der Attentäter von Florida? Warum beging er die schreckliche Bluttat – die schlimmste in der ganzen US-Geschichte?

Die ersten Bemühungen nach greifbaren Motiven ergeben schnell ein allzu bekanntes Bild: «Es ging immer um Frauen, Rassen und Religion», meldet sich ein Ex-Arbeitskollege des Schützen. Und auch der IS ist fix darin, die Tötungen sofort für sich zu beanspruchen; im Name der Religion. Und dann wäre da noch der Vater, der ebenfalls ein bizarres Bild abgibt, ein Bild, das sich auch schnell mit radikalen religiösen Ideen – und damit dem IS – in Verbindung bringen lässt.

Tatsächlich produzierte der Vater von Attentäter Omar Mateen seit 2012 eine eigenwillige, bisweilen gar schrullige Politsendung, als deren Moderator er auftritt. «The Durand Jirga Show» nennt sich die Sendung, die Seddique Mateen über seine gleichnamige Non-Profit-Organisation betreibt.

Politisch, nicht religiös

Ein einfaches Ziel für die Medien: In seiner Show habe Mateen «gegen Amerika gewettert und die Taliban lobpreist», titelt zum Beispiel die New Yorker Zeitung «Daily News». Die Recherche ergibt aber ein völlig anderes Bild; vielmehr ein politisches als ein religiöses. Hinter der Tat seines Sohnes will er keinen IS sehen, gab er bekannt.

Mateens Hauptfeinde scheinen nicht, wie die «Daily News» und andere Newsportale suggerieren, die USA und der Westen zu sein. Sondern sein Nachbarland Pakistan. Der Grund: Die «Durand-Linie», die Demarkationslinie zwischen Afghanistan und Pakistan, welche die ethnische Gruppe der Paschtunen in zwei teilt. «Free Durand Line», schreibt Mateen auf Facebook. «Keine Durand-Linie, keine Berliner Mauer.» Das Land solle wieder den Afghanen gehören, verkündet Mateen.

«Keine Durand-Linie, keine Berliner Mauer»Seddique Mateen, Vater des Attentäters von Florida

Deshalb auch der Name der TV-Sendung: «Durand Jirga», wobei «Jirga» in der paschtunischen Sprache für eine Versammlung von Führern steht. Auch auf seiner mittlerweile nicht mehr aktiven Internetseite zeigt sich Mateen oft mit Gemälden von ehemaligen paschtunischen Königen, allen voran Amanullah Khan, einem Reformer, der die Anerkennung Afghanistans miterwirkte – und übrigens im Schweizer Exil in Zürich starb.

«Lang leben die USA!»

In den sozialen Medien schimpft Mateen vor allem gegen ISI, das pakistanische Pendant zur CIA. Er vermutet einen systematischen Kampf gegen sich, die Paschtunen, die USA und den Rest. So wirft er dem Geheimdienst zum Beispiel vor, die «Erschaffer und Planer» des Terrorakts vom 11. September zu sein. Auf einem Bild steht Mateen neben einem Plakat mit «Jirga Durand»-Aufschrift. Darauf bezeichnet er ISI als «Mörder und Terroristen» und «Welt-Terror-Organisations-Erschaffer». Oben: «Lang leben die USA! Lang lebe Afghanistan.»

Die Freundschaftsbekundungen gehen weiter: «Ich, Seddique Mateen, danke Präsident Obama, dem US-Kongress und dem US-Volk dafür, dass ihr dem afghanischen Volk helft!» und gar «Präsident Obama ist ein Held und Freund des afghanischen Volkes, weil er sie nicht alleine lässt und den IS fernhält». In einer weiteren Nachricht schreibt er, die USA seien von ISI in «finanzieller Geiselhaft» gehalten worden. Sogar einen Treuhandfonds will der Aktivist aufsetzen. «Für die Familien toter amerikanischer Soldaten, für Verletzte und Versehrte des Afghanistankriegs. «Ich werde die ersten 2000 Dollar zahlen», prangt auf einem Plakat Mateens.

Angesichts solcher Statements scheint es absurd, die Taliban zu unterstützen – tatsächlich dürfte dies jedoch weniger aus religiösen, sondern politischen Motiven geschehen sein. Denn die Taliban halten von der «Durand-Linie» ebenso wenig wie Mateen selber und haben sie schon während ihrer Herrschaftszeit nicht akzeptiert.

«Ich, der nächste Präsident Afghanistans»

Doch wo sieht sich Seddique Mateen selber? Nicht nur als Politiker, sondern gar als der nächste afghanische Präsident, wie er auf seinem Youtube-Kanal und auf Facebook proklamiert. Sogar als «Übergangsregierung» betitelt er sich. Seine Organisation, deren Grösse nicht eruiert werden kann, glaubt er als einzig möglicher Vermittler zwischen Taliban und den USA – denn «Durand Jirga» habe «das Vertrauen aller». Die USA kritisiert er neben allem Lob trotzdem. Zum Beispiel für Waffenlieferungen an Pakistan, die der Geheimdienst dazu benützen würde, Afghanen zu terrorisieren.

Gar einige Talibanführer bezeichnet er als «Diener» des pakistanischen Geheimdienstes – und der aktuelle afghanische Präsident, Ashraf Ghani, wolle das Land zerstören: «Ich wünsche mir, dass eines Tages ein Held kommt, den Turban von Ashraf Ghanis Kopf nimmt und diesen wahnsinnigen Mann ohrfeigt», übersetzt Reuters eine Äusserung in einem Video Mateens. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.06.2016, 14:20 Uhr

Artikel zum Thema

Anschlagspläne auch für Vergnügungsparks

Video Der Attentäter schindete mit der Behauptung Zeit, einige Geiseln würden Sprengstoffwesten tragen. Ausserdem verdichten sich die Hinweise, dass es noch andere Angriffsziele gab. Mehr...

«Sie mussten die Kugeln finden»

Laute Musik, dann Schüsse: Ein Augenzeuge berichtet von der Schiesserei im Nachtclub Pulse mit 50 Toten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Blogs

Mamablog Kinder gehören aufs Land, oder?

Sweet Home Willkommen in der Spaghetteria

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...