Der Brief an Erdogan zeigt, was in der US-Aussenpolitik schiefläuft

Das syrische Desaster illustriert Trumps Gewissenlosigkeit: Diplomatie wird zur innenpolitischen Waffe, jeder ist sich selbst der Nächste.

Trump schüttelt mit grimmigem Gesichtsausdruck Erdogans Hand: G-20-Gipfel in Osaka, Juni 2019.  Foto: Kevin Lamarque (Reuters)

Trump schüttelt mit grimmigem Gesichtsausdruck Erdogans Hand: G-20-Gipfel in Osaka, Juni 2019. Foto: Kevin Lamarque (Reuters)

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Sprunghaft, widersprüchlich, zuweilen amateurhaft und untermalt von kultischen Begegnungen mit starken Männern wie Wladimir Putin und Kim Jong-un: So betreibt Donald Trump amerikanische Aussenpolitik.

Beim syrischen Debakel, dessen Opfer Kurden sind, die Tausende beim Kampf gegen den Islamischen Staat und für die Sache der US-Amerikaner und Europäer verloren haben, kommt dies alles geballt zum Vorschein. Der US-Präsident gab seinem isolationistischen Impuls nach, durchdacht aber war nichts. Statt zu planen, folgte Trump seinem Bauchgefühl. Seit dem Beginn der Krise im syrischen Nordosten schleudert der Präsident deshalb querbeet durch die aussenpolitische Landschaft und agiert gleichermassen hirn- wie herzlos.

Erst gab er dem starken Mann in Ankara grünes Licht zum Einmarsch in Syrien, dann drohte er als Vergeltung mit der Zerstörung der türkischen Wirtschaft und erhob Sanktionen, die Recep Tayyip Erdogan wie einen alten Schuh abstreifen wird. Und als die Katastrophe längst im Gange war, entschloss sich Trump, seinen Vize Mike Pence und Aussenminister Mike Pompeo nach Ankara zu entsenden.

«Seien Sie doch kein harter Typ, seien Sie kein Narr!»Trump an Erdogan

Ein warnender Brief an Erdogan, den der Präsident bereits vergangene Woche abgesandt hatte und der am Mittwoch publik wurde, zeigte keinerlei Wirkung – und liest sich, als sei er von einem Heranwachsenden verfasst. «Sie wollen nicht verantwortlich sein für das Abschlachten Tausender Menschen – und ich nicht für die Zerstörung der türkischen Wirtschaft», heisst es darin. Er wolle einen «Deal» mit Erdogan ausarbeiten, schreibt Trump: «Seien Sie doch kein harter Typ, seien Sie kein Narr!»

Umstimmen konnte Trump den türkischen Präsidenten damit nicht, Erdogan ging – Brief hin, Brief her – auf die syrischen Kurden los. Jetzt sollen Pence und Pompeo in Ankara möglichst diskret den Mist zusammenkehren, den Trump hinterlassen hat.

Der Brief an Erdogan. (Bild: Reuters)

Doch während Vize und Chefdiplomat auf ihren Flug nach Ankara warteten, äusserte sich der Präsident spontan im Weissen Haus live im Fernsehen neuerlich zur hausgemachten Krise: Was da geschehe mit den kurdischen Verbündeten, sei «nicht unser Problem». Die Kurden seien sogar «sicherer jetzt». Zumal sie wüssten, «wie man kämpft», und «keine Engel» seien, so Trump.

Servilität gegenüber Trump dominiert

So sieht eine Aussenpolitik äusserster Skrupellosigkeit aus, die lediglich von zwei Konstanten geprägt wird: einmal von der Sucht nach publikumswirksamen Deals – etwa mit Nordkorea –, die Trump endlich einen Friedensnobelpreis eintragen und ihn ebenbürtig neben Barack Obama platzieren sollen. Und zum anderen von einer privaten Schattendiplomatie, die auf Verschwörungstheorien basiert und darauf aus ist, im Ausland Dreck gegen politische Kontrahenten im Inland zu sammeln – siehe die Ukraineaffäre.

Wie es um die amerikanische Berufsdiplomatie in der Ära Trump steht, verdeutlichten diese Woche auch Aussagen von Top-Diplomaten vor dem Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses. Sie seien ausgebootet, übergangen oder sogar grundlos von ihrem Posten nach Washington zurückbeordert worden, damit der Weg frei wurde für die politischen Freunde des Präsidenten um dessen Anwalt Rudy Giuliani.


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Am Mittwoch beschrieb der nach 37 Dienstjahren abrupt zurückgetretene Diplomat Michael McKinley, ein Ex-Berater von Aussenminister Mike Pompeo, vor dem Ausschuss die Atmosphäre im Aussenamt als vergiftet. Statt Expertise und Fachwissen dominiere Servilität gegenüber Trump, beispielhaft vorgelebt von Mike Pompeo, dem in einem ausführlichen Porträt in der Zeitschrift «New Yorker» attestiert wurde, er suche den Hintern des Präsidenten zwecks Hineinkriechens «wie eine von Infrarot geleitete Rakete».

Opportunisten ohne diplomatische Erfahrung wie Gordon Sondland, Trumps Botschafter bei der Europäischen Union, oder Lautsprecher wie Richard Grenell, der sich in Berlin wie ein Statthalter Washingtons geriert, stehen beispielhaft für den Stil Trumpscher Diplomatie. Ob die Entfremdung der USA von ihren europäischen Verbündeten, das Desaster in Syrien oder der Handelskrieg: Trumps Chaosmaschine läuft auf Hochtouren, die Gewinner sitzen in Moskau, Peking und Teheran.

«Grössere terroristische Bedrohung als der IS»

Jeder andere US-Präsident hätte die Annäherung Chinas und Russlands mit Sorge verfolgt und zu verhindern versucht. Nicht so Donald Trump. Russland werde jetzt eben das Sagen haben in Syrien, sagte der Präsident bei einer Pressekonferenz am Mittwoch. Vielleicht werde Moskau sich dabei sogar überheben wie einst die Sowjetunion in Afghanistan.

Und die Kurden? Sie seien «keine Engel», wiederholte Trump seine frühere Behauptung – und plapperte dann nach, was Erdogan ihm offenbar eingeflüstert hatte: dass die kurdische Arbeiterpartei PKK «wahrscheinlich eine grössere terroristische Bedrohung als der Islamische Staat» sei.

Im Moment zahlen syrische Kurden den Preis für Trumps Ignoranz. Der Präsident habe «Blut an seinen Händen», warf der republikanische Senator Lindsey Graham seinem Freund im Weissen Haus vor, den er ansonsten stets verteidigt. Trump kümmert es nicht. Zu den Kurden stehen? Es bringt ihm nichts ein, keinen Nobelpreis, nichts. Wer meint, dieser Präsident werde im Nato-Bündnisfall einem europäischen Partner zu Hilfe eilen, glaubt an den Weihnachtsmann.

Erstellt: 17.10.2019, 11:26 Uhr

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