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Der Fall Otto Warmbier könnte den wackelnden Trump stärken

Der US-Präsident setzt nach dem Tod des in Nordkorea inhaftierten Studenten auf mitfühlende Worte statt Krawall-Rhetorik.

Otto Warmbier im Februar 2016: In einem Schauprozess wurde der Student zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt. (Video: Tamedia/AP)

Tragödien können Politiker aus dem Amt hebeln, sie können Politikern aber auch Auftrieb geben. Das ist eine der zynischeren Wahrheiten des politischen Geschäfts. Gerhard Schröder blickt auch deshalb auf zwei Amtszeiten als deutscher Kanzler zurück, weil er sich beim Jahrhunderthochwasser im Sommer 2002 als Krisenmanager in Gummistiefeln präsentierte. Und George W. Bush führte nach dem 11. September 2001 im Irak einen nicht erst im Rückblick fragwürdigen Krieg. Beflügelt von der Zustimmung im eigenen Land, gegen den ausdrücklichen Willen internationaler Partner. Der Tod des amerikanischen Studenten Otto Warmbier könnte so ein Anlass sein, der einen wackelnden US-Präsidenten stärkt.

Nach Warmbiers Tod: US-Präsident kritisiert Nordkorea. (Video: Tamedia/AFP)

Alle Versuche Donald Trumps, sich aus der Russland-Affäre herauszuwinden, sind gescheitert. Trump ist tiefer verstrickt denn je, möglicherweise wird sogar wegen Behinderung der Justiz gegen ihn ermittelt. Zuletzt waren einer Reuters-Umfrage zufolge nicht einmal mehr 40 Prozent der Amerikaner mit Trump zufrieden, fast jeder vierte Wähler der Republikaner kritisierte die Arbeit seiner Regierung. Doch der Fall Warmbier könnte zur Heldengeschichte für den angeschlagenen Präsidenten werden. Trotz des bitteren Endes - vielleicht sogar gerade deswegen.

Bildstrecke: Otto Warmbier ist tot

In Nordkorea misshandelt: Der kürzlich freigelassene US-Student Otto Warmbier ist tot.
In Nordkorea misshandelt: Der kürzlich freigelassene US-Student Otto Warmbier ist tot.
Keystone
Wurde zu 15 Jahren Haft mit Zwangsarbeit verurteilt: Otto Warmbier wird zum obersten Gerichtshof in Pjöngjang eskortiert. (16. März 2016)
Wurde zu 15 Jahren Haft mit Zwangsarbeit verurteilt: Otto Warmbier wird zum obersten Gerichtshof in Pjöngjang eskortiert. (16. März 2016)
Keystone
Warmbier sei auf dem Weg zurück in seine Heimat, teilte US-Aussenminister Rex Tillerson mit.
Warmbier sei auf dem Weg zurück in seine Heimat, teilte US-Aussenminister Rex Tillerson mit.
Keystone
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17 Monate war der Student in Nordkorea inhaftiert. In der vergangenen Woche durfte er dann in die USA ausreisen. Zuvor soll Trump persönlich Aussenminister Rex Tillerson beauftragt haben, die Freilassung des US-Bürgers auszuhandeln. Unterstützung bekam der frühere Exxon-Mobile-Manager von der schwedischen Regierung, die vor Ort in Pyongyang die Interessen der USA vertrat. Die Vereinigten Staaten unterhalten selbst keine diplomatischen Beziehungen zu Nordkorea - allerdings könnte ein inoffizieller Botschafter Amerikas eine Rolle bei der Freilassung gespielt haben. So reiste Ex-Basketballstar Dennis Rodman in der vergangenen Woche in das abgeschottete Land. Es war bereits sein fünfter Besuch. Machthaber Kim Jong-un gilt als Fan des Sportlers, Rodman seinerseits hat Kim schon als «Freund fürs Leben» bezeichnet. Bei seiner Ankunft in Pyongyang hatte der 56-Jährige angekündigt, «eine Tür öffnen» zu wollen.

Die Fotos vom Flughafen Cincinnati gingen um die Welt

Strippenzieher im Hintergrund war wohl jemand anders. CNN zufolge hatte bereits am 6. Juni Joseph Yun, ein Sonderbeauftragter des US-Aussenministeriums, in einem Gespräch mit dem Botschafter der nordkoreanischen UN-Mission vom schlechten Gesundheitszustand des Studenten erfahren. Die Familie Warmbier wurde informiert. Am 12. Juni reiste Yun dann mit einem medizinischen Team nach Pyongyang. Nachdem der Sonderbeauftragte und zwei Ärzte zu Warmbier vorgelassen worden waren, beantragte Yun die sofortige Freilassung Warmbiers aus humanitären Gründen.

Als Warmbier am Flughafen seiner Heimatstadt Cincinnati ankam, wurde er von Sanitätern aus dem Flugzeug getragen. Die Fotos gingen um die Welt. Warmbier, der seinen Kopf nicht mehr aus eigener Kraft halten kann. In der Nase Schläuche einer Sonde, über die er offenbar zuletzt ernährt wurde.

Otto Warmbier bei seiner Ankunft in Cincinnati in der vergangenen Woche: Bereits seit einem Jahr soll der Amerikaner nach Auskunft Nordkoreas im Koma gelegen haben. (Reuters/Bryan Woolston)
Otto Warmbier bei seiner Ankunft in Cincinnati in der vergangenen Woche: Bereits seit einem Jahr soll der Amerikaner nach Auskunft Nordkoreas im Koma gelegen haben. (Reuters/Bryan Woolston)

Es waren die ersten Bilder von Warmbier seit seinem Prozess im März 2016. Schon damals wurde der Weltöffentlichkeit ein gebrochener junger Mann vorgeführt: Schluchzend gestand Warmbier ein absurdes Verbrechen, bat um Verzeihung für den ihm zur Last gelegten «staatsfeindlichen Akt» - das Abreissen eines Propagandaplakates in seinem Hotel. Er wurde zu 15 Jahren in einem Arbeitslager verurteilt. Danach verschwand der Student von der Bildfläche, das Regime verweigerte sämtliche Besuche.

Wenn ein Mensch zum Spielball politischer Mächte wird

Als die Welt Otto Warmbier das nächste Mal zu sehen bekam, war er bewusstlos. Man kann über das Ablichten einer Person in diesem Zustand durchaus streiten. Aber die unscharfen Bilder vom Lunken Airport in Cincinnati dokumentieren in schmerzhafter Klarheit, was es bedeutet, wenn ein Mensch zum Spielball politischer Mächte wird: maximale Verletzlichkeit.

Warmbier, so verlautete von Seiten des Regimes, habe in Gefangenschaft eine schwere Fleischvergiftung erlitten. Er habe daraufhin eine Schlaftablette geschluckt und sei nach der Einnahme nicht mehr aufgewacht. Die Familie des Studenten bezweifelt diese Version, sie wirft der Regierung in Pyongyang Folter vor. «Leider liessen die furchtbaren, qualvollen Misshandlungen unseres Sohnes durch die Nordkoreaner keinen anderen Ausgang zu als den traurigen, der sich heute ereignet hat», heisst es in ihrer Stellungnahme zum Tod von Otto Warmbier. Die Ärzte, die Warmbier nach seiner Ankunft in den USA untersucht hatten, diagnostizierten in allen Bereichen des Gehirns grossflächige Schäden am Hirngewebe. Anzeichen für eine Gewalteinwirkung auf den Kopf des Studenten konnten sie jedoch nicht feststellen.

Warmbier war bei einem Zwischenstopp in Pyongyang verhaftet worden. Er hatte dort den Jahreswechsel 2016 verbracht und wollte anschliessend für ein Auslandssemester nach Hongkong weiterreisen. Der Washington Post zufolge gehörte Warmbier zu den Besten seines Jahrgangs an der University of Virginia, hatte ein Stipendium speziell für Studenten mit einer herausragenden «intellektuellen Neugier». Seine Wissbegierde habe ihn nicht nur Bekanntschaft mit Fremden schliessen lassen, sondern auch in Länder wie Ecuador und Kuba geführt. Nach Nordkorea reiste Warmbier mit dem Anbieter Pioneer Tours. Sein Vater kritisierte, das Regime in Pyongyang locke amerikanische Touristen mit solchen Gruppentouren ins Land, um sie dann als «Geisel» zu nehmen. Der Reiseveranstalter kündigte nach dem Tod des Studenten an, künftig keine amerikanischen Staatsbürger mehr nach Nordkorea zu bringen.

Die Grausamkeit des Regimes in Pyongyang hat nun ein Gesicht

Ein Schritt, der womöglich einer neuen politischen Realität vorgreift: Denn die US-Regierung erwägt nach den jüngsten Vorkommnissen ein präsidiales Dekret, um ein Reiseverbot für das kommunistische Land durchzusetzen. Während sich der Senat jüngst noch skeptisch gezeigt hatte in Sachen Reiserestriktionen - trotz der aggressiven Drohgebärden Nordkoreas im Atomstreit -, dürfte es jetzt im Fall der Fälle wohl keine allzu grosse Gegenwehr geben. Die Grausamkeit des Regimes in Pyongyang hat nun ein Gesicht, das Gesicht von Otto Warmbier.

Senator John McCain - einer der wenigen Republikaner, die Trump offen kritisieren - sagte noch am Abend: «Otto Warmbier, ein amerikanischer Staatsbürger, wurde ermordet vom Kim-Jong-un-Regime. Im letzten Jahr seines Lebens musste er in jenem Albtraum leben, in dem das nordkoreanische Volk seit 70 Jahren gefangen ist: Zwangsarbeit, Hunger, systematische Grausamkeit, Folter und Mord.»

Auch der Präsident äusserte sich und kondolierte der Familie. Es seien «schlimme Dinge» passiert, aber immerhin sei es gelungen, Warmbier noch «nach Hause zu seinen Eltern» zu holen. Mitfühlende Worte statt Krawallrhetorik (diesen Part übernehmen ja nun seine politischen Gegner) - Donald Trump scheint zu spüren, welchen Helden die Nation sehen möchte. Zumindest in diesen ersten Stunden nach der Schocknachricht.

«Als Otto am späten Abend des 13. Juni nach Cincinnati zurückgekehrt ist, konnte er nicht sprechen, er war nicht fähig, etwas zu sehen oder auf Anweisungen zu reagieren. Er wirkte, als fühle er sich nicht wohl - als habe er vielleicht sogar Schmerzen», schreiben Cindy und Fred Warmbier, Ottos Eltern, in ihrem Statement. «Auch wenn wir nie wieder seine Stimme hören würden, innerhalb nur eines Tages änderte sich seine Gesichtsausdruck - er war friedlich. Er war zu Hause und wir glauben fest daran, dass er das spüren konnte.»

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