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Der fröhliche Schwindler

Paul Ryan, jugendlicher Vizepräsidentschaftskandidat, begeisterte gestern Nacht die Delegierten. Dass in seiner Rede vieles nicht aufging, störte die Party der Republikaner nicht. Im Gegenteil.

Steigt offiziell ins Rennen: Der Präsidentschaftskandidat der Republikaner Mitt Romney. (30. August 2012)
Steigt offiziell ins Rennen: Der Präsidentschaftskandidat der Republikaner Mitt Romney. (30. August 2012)
Reuters
Sieht die Präsidentschaftskandidatur als grosse Verantwortung an: Mitt Romney am Parteitag der Repbulikaner in Tampa. (30. August 2012)
Sieht die Präsidentschaftskandidatur als grosse Verantwortung an: Mitt Romney am Parteitag der Repbulikaner in Tampa. (30. August 2012)
AFP
Demonstrieren im strömenden Regen: Auch die Aktivisten, die in Florida gegen das Programm der Republikaner protestieren, bekommen den Tropensturm zu spüren – Polizeiaufgebot vor dem Tagungsgebäude. (27. August 2012)
Demonstrieren im strömenden Regen: Auch die Aktivisten, die in Florida gegen das Programm der Republikaner protestieren, bekommen den Tropensturm zu spüren – Polizeiaufgebot vor dem Tagungsgebäude. (27. August 2012)
Reuters
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Die Erwartungen waren hoch. Nach all den Enttäuschungen mit den Kandidaten der Vorwahlen, nach der stets lauwarmen Unterstützung für Mitt Romney, den Überlebenden der Vorwahlen, wurde Paul Ryans Ankunft im Präsidentschaftswahlkampf von den Konservativen gefeiert.

Rush Limbaugh, der Radio-Talker, der zwei Dutzend Millionen Hörern täglich die reine rechte Lehre predigt, war entzückt: «Wir haben jetzt einen von uns auf dem Kandidaten-Ticket. Einer, der erklären kann, was wir glauben. Der das alles selber in seinem Herzen und seiner Seele glaubt.»

Paul Ryan, der Jüngling mit den melancholischen, blauen Augen, wurde über Nacht zum Hoffnungsträger einer bis dahin frustrierten Parteibasis. Sie war gestern Nacht bereit, ihm an den Lippen zu hängen. Und sie bekam, was sie wollte.

Spiel mit seiner Jugendlichkeit

Ein leicht sentimentaler Kurzfilm über Paul Ryans schnellen Aufstieg aus einfachen Verhältnissen zum Kongressabgeordneten, einige Takte leicht verträglicher Rockmusik, und da stürmt er auch schon auf die Bühne.

Diese Jugendlichkeit! Dieses ständig vorgereckte Kinn! Diese strahlenden Augen! Er ist einer der mächtigsten Politiker seiner Partei, und doch erst 42, mit dem Aussehen von erst 32. Und er spielt damit: «Die Stücke, die ich auf dem iPod von Mitt Romney höre, höre ich manchmal auch im Lift», sagt er unter grossem Gelächter der Halle. «Meine Playlist beginnt mit AC/DC und endet mit Zeppelin.» Grosser Jubel.

Die Band «Rage Against the Machine» erwähnt er nicht mehr. Seine einstige erklärte Lieblingsband hatte ihn kürzlich verhöhnt, dass er offensichtlich ihre Texte nicht verstehe, sonst würde er ihre Musik nicht hören.

Doch diese Unterlassung passt zur Rede. Sie begeistert die Delegierten, sie enthält einige substanzielle Kritik an der Regierung Obama – und vor allem ein paar bemerkenswerte Lügen.

Verdrehte Tatsachen und wütende Dementi im Internet

Zum Beispiel zu Barack Obamas Gesundheitsreform: «Der grösste Betrug wurde darin an den Senioren begangen», schimpft Ryan. «716 Millionen Dollar wurden aus der Altersgesundheitsversicherung Medicare abgezogen.» Kein Wort davon, dass das nur möglich war dank Einsparungen bei den Gesundheitskosten. Kein Wort davon, dass Ryan zuvor in seinem berühmten Ryan-Budget dieselben 716 Millionen streichen wollte – ohne Einsparungen bei den Gesundheitskosten.

Oder zur Wirtschaftskrise: «Vor einer General-Motors-Fabrik, in der viele meiner Schulkollegen arbeiteten, versprach Obama 2008, die Regierung werde helfen. Die Fabrik werde noch ein Jahrhundert stehen. Tja, sie wurde kurz darauf geschlossen und ist das bis heute.» Kein Wort davon, dass Obama schon im Februar 2008 als Kandidat dort war. Dass die Regierung Bush Obamas Ideen einer staatlichen Bürge für die Fabrik ausschlug. Und dass die Regierung Bush am Ende die Fabrik schloss.

Oder zum Budgetdefizit: «Eine Kommission des Kongresses machte ihm Vorschläge dazu. Präsident Obama nahm die Vorschläge entgegen – und tat dann genau nichts.» Kein Wort davon, dass Ryan selbst in dieser Kommission sass. Und dass er selbst gegen die Vorschläge der Kommission stimmte.

Es sind lauter bekannte und widerlegte Behauptungen aus dem Wahlkampf. David Axelrod, Obamas Wahlkampfleiter, twittert während der Rede wütende Dementi ins Internet. Aber auch er kann nicht verhindern, dass hier am Parteitag der Republikaner ein neuer Star entsteht.

«Ihr historischer Moment kam – und ging wieder»

Wen kümmerts, dass die Rede in einer anderen Wirklichkeit spielt, Hauptsache, dieser sympathische Jüngling sagt, was die Basis hören will: Dass nämlich Obama die Wirtschaft verpfuscht habe. Dass Obama das Defizit gesprengt habe. Dass Obama die Amerikaner vor vier Jahren mit seinem Gerede von Hoffnung benebelt habe: «Denen sind die Ideen ausgegangen», deklamiert Ryan über seine Gegner. «Ihr historischer Moment kam – und ging wieder. Mit all seinen negativen TV-Spots gegen Mitt Romney verschwendet Obama bloss Geld. Aber das kann er ja gut.» Jauchzen im Publikum.

Aber Ryan weiss, dass er einige Ängste zerstreuen muss und erzählt von seiner Grossmutter mit Alzheimer: «Wir hatten damals die Hilfe von Medicare. Medicare war da für uns, und es soll auch für meine und eure Kinder noch da sein. Mitt Romney und ich wissen: Es ist ein Unterschied, ein Sozialprogramm zu beschützen oder es zu plündern.»

Mit Plündern meint Ryan den 716-Millionen-Dollar-Vorwurf an Obama. Mit Beschützen meint er seine eigene Idee, Medicare mit einem Gutschein-System zu ersetzen. Aber auch davon spricht er an diesem Abend lieber nicht. Die Idee ist nicht sehr populär. Gerade im Seniorenstaat Florida, wo die Republikaner derzeit tagen.

Schillern als Erfolgsrezept

Paul Ryan, die jüngere, attraktivere Variante von Mitt Romney. Praktisch dasselbe Programm, aber mit dem rechten Flügel der Partei an seiner Seite. Gestern Nacht lieferte er seinem neuen Chef, was der von ihm wollte: Begeisterung. «Nach vier Jahren des Verteilens von Reichtum werden wir wieder Reichtum schaffen. Wir werden den Staat an die Seite von Leuten stellen, die Jobs schaffen.»

Romney würde an dieser Stelle womöglich von Konzernen reden. Ryan spricht dagegen von Krämerläden, Restaurants, Sportstudios oder Friseursalons. «Die Starken haben die Verantwortung, die Schwachen zu schützen.» Selbst Sätze wie diesen kann sich Ryan, Liebling der Sozialdarwinisten in der Partei, leisten.

«Erledigen wir das», fordert er am Ende. Mit «das» meint er den Wahlsieg. Was er und Romney danach «erledigen» wollen, erfährt man aus Ryans Rede nicht. Seine Fans wissen ohnehin, wofür er steht: für Sozialabbau, tiefere Steuern und höhere Militärausgaben. Sagen muss er das nicht mehr extra.

Dieses Schillern ist Paul Ryans Erfolgsrezept: Bei Washingtons Journalisten gilt er als Mann der harten Wahrheiten. Bei seinen Delegierten präsentierte er sich gestern als Mann der fröhlichen Schwindeleien.

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