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Das Kalifat ist noch lang nicht besiegt

Falls US-Präsident Donald Trump hofft, das Monster endgültig besiegt zu haben, dann täuscht er sich.

MeinungMoritz Baumstieger
Ist laut US-Angaben tot: Der IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi in einer Aufnahme, die im April 2019 veröffentlicht wurde. Bild: Al-Furqan/AP
Ist laut US-Angaben tot: Der IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi in einer Aufnahme, die im April 2019 veröffentlicht wurde. Bild: Al-Furqan/AP

Der selbst ernannte Kalif ist tot – dieses Mal wohl wirklich. Schon mehrere Male wurde gemeldet, der IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi sei getötet worden, immer stellten sich die Nachrichten als falsch heraus. Doch nun scheint Baghdadi selbst den Auslöser einer Sprengstoffweste gezogen zu haben, als US-Spezialkräfte anrückten – nach den Worten von US-Präsident Donald Trump «winselnd, heulend und schreiend», am Ende eines Erdtunnels. Seine unheilvolle Anwesenheit auf dieser Welt ist Geschichte.

Nicht jedoch sein Erbe. Trump betonte in seiner Pressekonferenz zwar, wie unwürdig jener Mann starb, der sich zum Anführer aller Gläubigen erhoben hatte – und mochte das als Nachricht an jene verstanden wissen, die sich von der Ideologie des IS haben beeindrucken lassen. Falls Trump aber hofft, das Monster endgültig besiegt zu haben, indem er ihm den Kopf abschlug, so täuscht er sich.

Abu Bakr al-Baghdadi war nie ein charismatischer Führer. Er inszenierte sich äusserst spröde.

Abu Bakr al-Baghdadi war nie ein charismatischer Führer. Im krassen Gegensatz zur hochprofessionell produzierten und den Sehgewohn-heiten der Smartphone-Generation entsprechenden Propaganda der Terrororganisation inszenierte sich ihr Chef selbst äusserst spröde. Bagh-dadi mag an der Spitze des IS gestanden haben – doch was dessen Anhänger auf allen Erdteilen faszinierte, war nie sein Führer. Sondern die Idee eines neuerlichen Kalifats selbst, das in der Gegenwart Gestalt annimmt und nicht in einer fernen Zukunft.

Diese Idee, der die obrigkeitshörigen muslimischen Autoritäten so wenig entgegenzusetzen hatten, bleibt erhalten. Sie überdauerte den Zusammenbruch des ersten Pseudostaates der Jihadisten im Frühjahr 2019, sie wird auch den Tod seines Führers im Herbst desselben Jahres überleben. Die schwarzen Fahnen des IS wehen noch immer in Afghanistan, am Sinai, im muslimischen Westafrika – und bald vielleicht wieder in seinem Kernland.

Solche Krisen hat das Monster IS schon in der Vergangenheit überlebt. Seinen Mythos nährt er aus seiner Wandlungsfähigkeit – nicht aus dem Charisma seiner Führer.

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