Der Letzte seiner Art

Patriotismus, Werte, Anstand: John McCain verkörperte konservative Tugenden, die bei Trump nicht mehr gefragt sind. Ein Nachruf.

Ein Leben lang gedient, erst in Uniform, dann als Parlamentarier: John McCain. Foto: Keystone / Carolyn Kaster

Ein Leben lang gedient, erst in Uniform, dann als Parlamentarier: John McCain. Foto: Keystone / Carolyn Kaster

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Vor einigen Wochen wurde John McCain noch einmal geehrt. Die US-Marine benannte in der japanischen Hafenstadt Yokosuka einen Zerstörer nach dem alten, todkranken Senator. Viel Aufwand war nicht nötig, das Schiff hiess schon USS John S. McCain. Bis dahin waren allerdings nur der Grossvater und der Vater die Namensgeber, John Sidney McCain Senior und John Sidney McCain Junior. Nun wurde ein dritter McCain hinzugefügt.

John Sidney McCain III war bei der Feier nicht dabei. Er war auf seiner Ranch in Arizona, der Tumor in seinem Kopf schwächte ihn zu sehr, um noch ins ferne Japan reisen zu können. Aber er bedankte sich auf Twitter für die Ehrung. McCains aus drei Generationen, vereint in einem Schriftzug am Heck eines grauen Kriegsschiffs, das Amerikas Flagge über den Pazifik trägt – das bedeutete ihm viel. Und vielleicht war es so etwas wie ein Schlusspunkt für John McCain, dass er da nun mit seinem Grossvater und Vater stand, «meinen Helden», wie er damals schrieb.

Sechs Wochen nach der Zeremonie gab McCain den Kampf gegen den Krebs auf. Er habe beschlossen, die Behandlung zu beenden, teilte die Familie am Freitagnachmittag mit. Am Samstag ist John McCain im Alter von 81 Jahren gestorben.

Verrat an Amerikas Mission

Manchmal verdichtet sich Geschichte in einem einzelnen Menschen. John McCain war so ein Mensch. Mit McCains Tod endet auch eine Ära, jener Zeitabschnitt, der, grob umrissen, von der Mitte des 20. bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts reichte und für den die Historiker den Begriff Pax Americana geprägt haben.

Der republikanische Senator war der letzte amerikanische Politiker von Rang, der noch an diese alte westliche Weltordnung geglaubt und sich gegen ihren Niedergang gestemmt hatte. In dieser Welt war Amerika die Führungsmacht, sie garantierte den Erhalt der Ordnung, zuweilen mit Gewalt. Aber Amerika war auch die unverzichtbare Schutzmacht jener Werte und Ideale, auf denen diese Ordnung ruhte: Freiheit, Demokratie, Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit.

Aber Werte und Ideale brauchen Wächter und Verteidiger, selbst wenn sie manchmal missachtet werden. Wie die Welt aussieht, wenn Amerika zum Krämer wird, den nur noch der eigene Kassenzettel interessiert, kann man ja gerade erleben. Für Präsident Donald Trump sind Demokratie und Freiheit nur Geschwätz, Hauptsache, die Handelsbilanz stimmt. Für McCain war das ein Verrat an Amerikas historischer Mission, und das hat er laut gesagt – oft als Einziger. Nun, da er tot ist, gibt es niemanden, der ihn als Wächter ersetzt.

John McCain wurde am 29. August 1936 geboren, und eigentlich war sein Leben an diesem Tag schon vorgezeichnet. Sein Grossvater war Admiral in der Navy, er diente im Ersten und im Zweiten Weltkrieg. Sein Vater war Admiral, er diente im Zweiten Weltkrieg, im Koreakrieg und im Vietnamkrieg. Was blieb dem Sohn da übrig, als ebenfalls Marineoffizier zu werden und seinem Land im Krieg zu dienen?

Geriet oft mit Vorgesetzten aneinander: John McCain während seiner Zeit bei der US-Navy. Foto: Keystone / US Navy Handout (13. Januar 1964)

Also trat der jüngste McCain in die Navy ein und wurde Kampfpilot. Aber schon damals wurde deutlich, dass McCain kein Mensch war, der sich leicht drillen und disziplinieren lässt. Bei den Kadetten an der Marineakademie in Annapolis war er beliebt, doch mit Vorgesetzten geriet er oft aneinander. Nur die Verwandtschaft mit zwei Admirälen bewahrte ihn vor dem Rauswurf. Er graduierte 1958, als 894. in einem Jahrgang von 899 Kadetten. Später galt er als draufgängerischer Pilot.

Gefangen in Hanoi

1967 schickte die Armee McCain nach Südostasien. Er war auf einem Flugzeugträger vor der vietnamesischen Küste stationiert und flog von dort aus Luftangriffe auf Stellungen des Vietcong und der Nordvietnamesen. Bei seinem 23. Flug wurde er über Hanoi abgeschossen und schwer verletzt gefangen genommen. Fünfeinhalb Jahre verbrachte McCain in nordvietnamesischer Kriegsgefangenschaft, die Folter, die er dort erlitt, prägte ihn für den Rest seines Lebens. 1973 wurde er freigelassen.

Nach allen militärischen Massstäben kehrte McCain als Held aus dem Krieg heim, dekoriert mit Tapferkeitsorden und dem Purple Heart, dem Verwundetenabzeichen. Aber er hatte genug vom Militär und quittierte 1981 den Dienst. Er zog nach Arizona, einem Wüstenstaat, weit weg von Wellen, Schiffen und dem Dschungel von Vietnam, und kandidierte dort für das US-Repräsentantenhaus. JohnMcCain wurde Zivilist und Politiker – zwei Menschengruppen, die er als junger Marineflieger mit Verachtung gestraft hatte.

Gleich in seinem ersten Wahlkampf zeigte McCain freilich, dass man ihn nicht herumschubsen kann. In einer Debatte warf ihm sein Gegner vor, ein Aussenseiter zu sein, der keine Wurzeln in Arizona habe. Das stimme, antwortete McCain, der als Soldatenkind dauernd umgezogen war. Dann ätzte er zurück: «Ich schätze, der Ort, an dem ich am längsten gelebt habe, war Hanoi.» Den Wählern gefiel das, McCain gewann die Wahl und ebenso alle seine Wiederwahlkämpfe. 1987 wechselte er in den Senat.

McCain war Republikaner, er war ein Konservativer, aber er war kein verbissener Ideologe. In erster Linie war er Amerikaner und Patriot, das Wohl des Landes stand für ihn allemal über dem Wohl der Partei. So wie als Kadett tat sich McCain auch als Senator schwer damit, einfach zu tun, was andere ihm befahlen. Was die republikanische Fraktionsführung im Senat wollte und was McCain machte, waren oft zwei sehr verschiedene Dinge. Bei den Hundertprozentigen in seiner Partei galt er deshalb als Ketzer, gar als Verräter.

Seine sture Unabhängigkeit trug McCain einen sehr amerikanischen und eigentlich wenig schmeichelhaften Beinamen ein, den er gleichwohl voller Stolz trug: Maverick. Der Begriff reicht zurück in die Zeit, als Amerikas Westen noch wild war. Als ein Maverick wurde damals ein Rind bezeichnet, das kein Brandzeichen trug, das also niemandem gehörte. McCain, dem es an Selbstbewusstsein nie mangelte, fand, dass diese Eigenschaft ihn ganz gut beschrieb.

Zweimal versuchte McCain, Präsident der USA zu werden. Beim ersten Mal, im Jahr 2000, scheiterte er in den Vorwahlen an George W. Bush. Die Niederlage war bitter, denn McCain hielt Bush – er kannte Donald Trump noch nicht – für einen Hallodri und ein Leichtgewicht und noch dazu für einen Drückeberger, weil er seine Militärzeit auf einem Fliegerhorst in Texas und in den Bars von New Orleans verbracht hatte, anstatt nach Vietnam zu gehen. Doch als Präsident Bush nach 9/11 erst in Afghanistan, dann im Irak in den Krieg zog, folgte ihm McCain.

In einer anderen Sache wurde McCain jedoch zu einem erbitterten Gegner Bushs. Als die US-Geheimdienste auf Weisung des Weissen Hauses begannen, Terrorverdächtige zu foltern, um Informationen zu erpressen, stellte McCain sich dem Präsidenten entgegen. Als Häftling in Vietnam war er selbst Opfer von Folter geworden, und er wurde täglich daran erinnert, weil er seine Arme, an denen er damals aufgehängt wurde, seither kaum noch heben konnte.

Den zweiten Versuch, das Weisse Haus zu erobern, unternahm McCain 2008. Dieses Mal gewann er die parteiinternen Vorwahlen. Doch er unterlag am 4. November 2008 einem jungen, schwarzen, demokratischen Kollegen aus dem Senat: Barack Obama. In der Nacht, in der er die Wahl verlor, hielt McCain eine Rede. Er dankte seinen Wählern, und er gratulierte Obama. Und dann gratulierte er Amerika zu einer «historischen Wahl». Dass sein Land zum ersten Mal einen Schwarzen zum Präsidenten gewählt hatte, machte den Patrioten McCain stolz, es war wichtiger, als dass er der Unterlegene war. In dieser Stunde war er Amerikaner, nicht Republikaner.

Man kann sich daher vorstellen, was McCain gedacht hat, als Trump zuerst Präsidentschaftskandidat der Republikaner und dann Präsident der USA wurde. Es gab so gut wie nichts, was ein Mann wie McCain an einem Mann wie Trump bewundern oder auch nur respektieren konnte. McCain hatte sein ganzes Leben lang seinem Land gedient, erst in Uniform, dann als Parlamentarier. Trump, der Lügner und Blender, war der Ansicht, dass allenfalls das Amt und das Land ihm zu dienen haben, nicht andersherum. Und Trump hatte McCain im Wahlkampf übel beleidigt: Ihm seien Helden lieber, die sich nicht gefangen nehmen lassen, sagte der Kandidat damals – eine kalkulierte Attacke auf die alte Garde. Aber die Partei liess den Usurpator zu ihrer Schande davonkommen. McCain war nicht in Cleveland, als Trump dort im Juli 2016 zum Kandidaten gekürt wurde. Er habe Wichtigeres zu tun, teilte er mit. Dann ging er Forellen angeln.

Die kleine Rache

In den eineinhalb Jahren, in denen Trump die USA bislang regiert, musste John McCain zusehen, wie der Präsident und die Republikaner seine alte Welt Stück für Stück demontiert haben. Trumps Amerika interessiert sich nicht mehr für die Welt, es schmiedet keine Allianzen mehr, sondern trampelt über den Globus und hält jedem die Faust hin. McCain war angewidert, als Trump den russischen Präsidenten Wladimir Putin, den McCain für einen Diktator und Feind Amerikas hielt, in Helsinki umschmeichelte. «Eine der schändlichsten Darbietungen eines amerikanischen Präsidenten in der Geschichte», nannte McCain Trumps Auftritt mit Putin.

Aber was sollte er machen? Einmal rächte sich McCain und liess Trumps Gesetz, durch das Obamas Gesundheitsreform rückgängig gemacht werden sollte, im Senat scheitern. Seine Stimme war die entscheidende, und man konnte sehen, mit wie viel Genugtuung er zum Rednerpult ging, den verkrüppelten Arm hob und den Daumen nach unten streckte. Für Trump war das peinlich, doch aufgehalten hat es ihn nicht. Als McCain im Mai versuchte, im Senat die Bestätigung von Gina Haspel als neue CIA-Direktorin zu verhindern, weil sie eins von Bushs Foltergefängnissen geleitet hatte, machten sich Trumps Leute im Weissen Haus über ihn lustig. «McCain ist egal, der stirbt sowieso bald», sagte eine Mitarbeiterin. Eine letzte Respektlosigkeit.

John McCain ist trotzdem in Frieden gegangen. In seinem letzten Buch, das erst vor einigen Wochen erschienen ist, zitierte er aus einem Roman von Ernest Hemingway. «‹Die Welt ist ein guter Ort, sie ist es wert, dass man um sie kämpft, und ich hasse es, sie verlassen zu müssen›, hat mein Held, Robert Jordan, in ‹Wem die Stunde schlägt› gesagt. Mir geht es auch so. Ich hasse es, die Welt verlassen zu müssen. Aber ich habe keine Klagen.»

Erstellt: 27.08.2018, 10:20 Uhr

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