Und plötzlich hebt ihr Sohn die rechte Hand zum Schwur

Als sich Guaidó zum Präsidenten erklärt, steht die Mutter neben ihm. Von seinen Plänen weiss sie nichts. Wieso hat er nichts erzählt?

Charme der leisen Töne: Juan Guaidó mit seiner Mutter Norka Márquez (l.) und seiner Frau Fabiana Rosales am 27. Januar in einer Kirche in Caracas. Foto: Mehridit Kohut (NYT, Redux, Laif)

Charme der leisen Töne: Juan Guaidó mit seiner Mutter Norka Márquez (l.) und seiner Frau Fabiana Rosales am 27. Januar in einer Kirche in Caracas. Foto: Mehridit Kohut (NYT, Redux, Laif)

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Norka Márquez bekommt noch immer feuchte Augen, wenn sie zwei Wochen zurückdenkt, als ein einziger Satz ihr Leben veränderte. Ob zum Guten oder zum Schlechten, da ist sie sich noch nicht sicher. Márquez (54) war an diesem 23. Januar wie Hunderttausende andere Venezolaner auf den Beinen, um gegen den autokratischen Staatschef Nicolás Maduro zu protestieren. Bei der Abschlusskundgebung im Zentrum von Caracas durfte sie mit auf die Bühne. Sie stand dort nur zwei Schritte vom Hauptredner Juan Guaidó entfernt, der gerade dabei war, sich zum führenden Befreiungskämpfer Venezuelas aufzuschwingen.

Was Guaidó sagte, klang zunächst nach einer Standardrede. Er bezeichnete Maduro als Usurpator, als Thronräuber also, und referierte über den 233. Artikel der venezolanischen Verfassung. Norka Márquez hatte das schon ein paarmal gehört. Dass diese Rede nicht wie jede andere enden würde, merkte sie erst, als Guaidó plötzlich die rechte Hand zum Schwur hob. Sie dachte sich: «Der wird doch nicht?», aber da hörte sie ihn schon sagen: «Vor dem allmächtigen Gott gelobe ich, die Kompetenzen der Exekutive als Interimspräsident von Venezuela zu übernehmen.»

Krebs überstanden

Márquez sah, wie Männer und Frauen neben ihr zu weinen begannen und wie sie unten im Publikum auf die Knie sackten. Offenbar hatte in diesem Moment fast niemand damit gerechnet, dass Guaidó es tatsächlich wagen würde, dem Thronräuber den Thron streitig zu machen. Auch Norka Márquez war «komplett überrascht». Sie findet, er hätte sie ruhig mal warnen können, als sie am Tag zuvor miteinander telefonierten. Juan Gerardo Guaidó Márquez ist schliesslich ihr Sohn.

Bis zu diesem 23. Januar, sagt Norka Márquez, habe sie dasLeben einer ganz normalen venezolanischen Mittelschichtsfamilie gelebt. Wobei das einzig Normale in diesem Land der permanente Ausnahmezustand ist. Auch die Mutter des venezolanischen Interimspräsidenten, der inzwischen von über 40 Staaten anerkannt wird, findet in der Apotheke oft nicht die Medikamente, die sie bräuchte. Sie hat gerade eine Krebserkrankung überstanden, die letzte Operation liegt erst ein halbes Jahr zurück. Ihre Stelle als Lehrerin gab sie schon lange zuvor auf. Márquez ist Hausfrau in einem Haus, in dem regelmässig der Strom ausfällt und es schon seit Monaten kein Gas mehr gibt.

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Neuerdings hat sie noch ganz andere Sorgen. Der älteste ihrer vier Söhne, den sie entweder «Juan Gerardo» oder «Pitchi» nennt, und der immer so ein liebes Kind war, musste sich jetzt also ausgerechnet «mit einem Monster» anlegen. Nichts anderes ist Nicolás Maduro aus ihrer Sicht, weil er über Leichen gehe, um sich an die Macht zu klammern. Wie soll man da als Mutter nachts ein Auge zumachen! Sie betet dann Rosenkränze und versucht sich mit dem Gedanken zu trösten, dass das Schicksal es eben so wollte.

Auch sie selbst wird inzwischen unterstützt – von einer Pressesprecherin. Márquez ist jetzt eine gefragte Frau. Journalisten wollen von ihr wissen, wer dieser junge Mann von 35 Jahren ist, der nicht nur die venezolanische Opposition, sondern das ganze Land über Nacht aus einer tiefen Depression rüttelte. Die Pressesprecherin sagt, das Gespräch müsse an einem sicheren und diskreten Ort stattfinden. Sie schlägt das Hotelzimmer des Reporters vor. Ein bisschen stolz ist sie schon auf ihre neue Rolle als die Mutter der Hoffnung.

Guaidó will ein seriöser Präsident sein. In einem Land wie diesem kann man fast sagen, er hat da ein Alleinstellungsmerkmal entdeckt.

Am nächsten Morgen öffnet sich die Tür eines Hinterzimmers im Parlamentsgebäude von Caracas. Juan Guaidó trägt einen dunkelblauen Anzug, ein gestärktes weisses Hemd und eine türkisfarbene Krawatte. Das ist keine Selbstverständlichkeit in einem Land, in dem Spitzenpolitiker gerne in Militäruniform oder in Trainingsjacken in den Landesfarben auftreten. Guaidó will ein seriöser Präsident sein. In einem Land wie diesem kann man fast sagen, er hat da ein Alleinstellungsmerkmal entdeckt.

Auch mit seiner Sprache setzt er sich deutlich ab, von seinen Parteifreunden genauso wie von seinen politischen Gegnern. Er redet grundsätzlich auf Zimmerlautstärke, auch wenn es wichtig wird, beginnt er nicht zu schreien. Er macht lieber eine Atempause zu viel als eine zu wenig. Und vor allem verwendet er keine Kraftausdrücke. Das wirkt in Caracas geradezu irritierend exotisch. Vielleicht finden deshalb so viele Venezolaner, darunter auch jene, die ihm jetzt auf den Strassen zujubeln, er habe eigentlich gar kein Charisma. An den Charme der leisen Töne muss sich das Land erst noch gewöhnen.

Wie aus dem Nichts

Bevor es um den berühmten Artikel 233 und den Usurpator, um Donald Trump und die EU gehen wird, muss die Frage erlaubt sein: Wieso um Himmels willen hat er seiner Mutter nichts von dem Präsidentenschwur erzählt? «Es gibt Entscheidungen, die rein politisch sind. Und Dinge, vor denen man die Familie schützen muss», sagt Juan Guaidó. Auch seine Ehefrau Fabiana Rosales wusste nichts davon. Sehr wohl aber Donald Trump, der Guaidó binnen Minuten als legitimen Übergangspräsidenten anerkannte. So schnell verschieben sich die Prioritäten, wenn man sich in die Geopolitik einmischt.

Bilder: Venezuela in der Krise

Es läuft sogar in wahnwitziger Geschwindigkeit. Vor nicht einmal fünf Wochen war Juan Guaidó noch ein Hinterbänkler in einem Parlament, das allenfalls symbolisch existierte. Maduro hatte es 2017 durch eine sogenannte Verfassungsgebende Versammlung ersetzt, in der nur treue Vasallen sitzen. Damit fiel die letzte demokratische Fassade in Venezuela. Die Beschlüsse der legitimen Legislative ignoriert Maduro aber schon seit Ende 2015 konsequent, seit er den strategischen Fehler begangen hatte, ausnahmsweise freie Wahlen zuzulassen und die Opposition prompt zwei Drittel der Parlamentssitze eroberte.

Dass es diese Wahlen gab, erzwang eine Gruppe von Abgeordneten in einem Hungerstreik, an dem sich auch Guaidó beteiligt hatte. Er ist ein Kämpfertyp, das hatte er schon 2007 als einer der Anführer der Studentenproteste gegen den damaligen Präsidenten Hugo Chávez bewiesen. Zwei Jahre später gehörte er zu den Gründern der Partei Voluntad Popular, aber dort stand er stets im langen Schatten des Oppositionsführers Leopoldo López. Noch Anfang 2019 wussten weniger als drei Prozent der Venezolaner, wer Juan Guaidó ist.

Noch keine Werte, weil «zu unbekannt»

Und plötzlich ist er einer der beiden Präsidenten dieses irren Landes, was wiederum mit den zwei parallel existierenden Parlamenten zusammenhängt. Die vom Volk gewählte Asamblea Nacional hat sich auch nach ihrer Entmachtung immer weiter getroffen, obwohl die Abgeordneten nicht mehr bezahlt werden. Stattdessen gab es einmal sogar Prügel von regimetreuen Schergen. Das Gebäude ist jetzt zweigeteilt, in einem Flügel tagt das Parlament Maduros und im anderen das Parlament der Wähler. Klopapier, Seife und Druckertinte fehlt auf beiden Seiten, immerhin so weit herrscht Gewaltenteilung.

Die untereinander notorisch zerstrittenen Oppositionsparteien haben in ihrem Flügel ein Rotationsprinzip für den Parlamentsvorsitz festgelegt. In diesem Jahr ist Voluntad Popular an der Reihe. Leopoldo López steht unter Hausarrest, ein halbes Dutzend weiterer Führungskräfte der Partei befinden sich im Exil. Aus Mangel an Alternativen übernahm am 5. Januar Juan Guaidó den Posten des Parlamentspräsidenten.

Die Meinungsforscher hatten zu diesem Zeitpunkt noch keine Popularitätswerte von ihm gemessen: zu unbekannt. Aber das scheint jetzt genau das Geheimnis seines rasant steigenden Ruhms zu sein. Viele Venezolaner haben die internen Machtkämpfe der Oppositionsführer fast genauso satt wie die Schreckensherrschaft Maduros. Guaidó, der aus dem Nichts zu kommen scheint, wird als unbelasteter Newcomer wahrgenommen.

«Die Tragödie von Vargas»

Auch Nicolás Maduro unterschätzte ihn wohl ein paar Tage zu lange. Er lästerte noch über den «muchacho», den kleinen Jungen, als dieser Muchacho ihn im In- und Ausland an Ansehen schon weit überragte. Und auf einmal war es zu spät, ihn wie jeden anderen Aufmüpfigen verhaften zu lassen.

Wer genau auf die Idee mit dem 233. Artikel der einst von Hugo Chávez verabschiedeten Verfassung kam, will niemand im anti-chavistischen Lager verraten. Ob es Guaidó selbst war, sein Ziehvater López, die radikale Oppositionelle Maria Corina Machado oder gar das Weisse Haus? Entscheidend ist, dass Juan Guaidó die Gelegenheit geschickt ausnutzte. In Artikel 233 steht, dass der Parlamentspräsident automatisch nachrückt, falls der Posten des Staatspräsidenten vakant sein sollte. Das mit der Vakanz ist allerdings Geschmacksache. Maduro gewann 2018 die Präsidentschaftswahl und liess sich am 10. Januar für eine zweite Amtszeit vereidigen.

Aus Sicht der Opposition sowie grosser Teile des Kontinents inklusive der USA hat aber nie eine Wahl stattgefunden, sondern eine Farce. Damit begründet Guaidó, dass Maduro die Präsidentschaft «usurpiert» habe und er als Parlamentsvorsitzender nichts anderes als seine verfassungsmässige Pflicht erfülle, wenn er eine Übergangsregierung bilde, um Neuwahlen auf den Weg zu bringen. Noch so eine venezolanische Pointe: Vielleicht geht der Chavismus in Kürze an seiner eigenen Verfassung zugrunde, weil sie seine Gegner mal ausnahmsweise gelesen haben.

«Er blieb, weil er glaubte, in seiner Heimat gebraucht zu werden.»Norka Márquez

Von Norka Márquez ist zu erfahren, dass ihr ältester Sohn nichts dem Zufall überlasse. «In der Schule hatte er nie Hefte dabei, was er sich merken wollte, merkte er sich.» Sein Ingenieurstudium finanzierte ein Onkel, das Geld der Eltern reichte nicht. Das Ereignis, das ihn laut der Mutter am stärksten prägte, war die «Tragödie von Vargas». 1999 rutschte im gleichnamigen Bundesstaat nach Regenfällen ein ganzer Berghang ab und begrub mehrere Gemeinden unter sich. Die Zahl der Todesopfer wird auf bis zu 30'000 geschätzt. Guaidó verlor Freunde und Verwandte, auch sein Elternhaus direkt an der Karibikküste wurde damals zerstört. Der Vater, der bei einer Fluggesellschaft arbeitete, verliess danach die Familie und wanderte nach Teneriffa aus, seinem ältesten Sohn bot er an, mitzukommen. «Er blieb, weil er glaubte, in seiner Heimat gebraucht zu werden.» Das sagt die Mutter.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.02.2019, 09:56 Uhr

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