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Der Republikaner, der einen Gegner für Trump sucht

Bill Kristol will jemanden dazu bringen, in den Vorwahlen gegen den US-Präsidenten anzutreten. Einen ersten Interessenten gibt es schon.

Nur mehr wenige Republikaner kritisieren den Präsidenten öffentlich: Bill Kristol ist so etwas wie ihr Anführer. Foto: Getty Images
Nur mehr wenige Republikaner kritisieren den Präsidenten öffentlich: Bill Kristol ist so etwas wie ihr Anführer. Foto: Getty Images

Wie sehr Donald Trump die Verhältnisse in Washington auf den Kopf gestellt hat, sieht man vielleicht an keiner Person so gut wie an Bill Kristol. Mehr als drei Jahrzehnte gehörte er zum inneren Zirkel der Republikaner. Er arbeitete für die Regierungen von Ronald Reagan und George H.W. Bush. Er gründete und führte mit dem «Weekly Standard» die Hauszeitschrift der Neokonservativen, die in der Zeit von George W. Bush zu grossem Einfluss gelangten. Er war ein enger Berater des Präsidentschafts­kandidaten John McCain. «Wann immer Konservativismus und Macht zusammenfielen, befand er sich in der Nähe», schrieb das Magazin «New Yorker» einmal über ihn.

Dann kam Trump, an dem Kristol fast alles ablehnt, die Tiraden gegen Einwanderer, die Angriffe auf Medien und Justiz, die Sympathie für Autokraten. Kristol musste zusehen, wie sehr viele Republikaner alles mittrugen, was der neue Präsident tat und sagte – bis hin zum Punkt, an dem Kristol seine eigene Partei nicht wiedererkannte. Heute gibt es nicht mehr viele konservative Politiker und Parteigrössen, die den Präsidenten öffentlich kritisieren, aber es gibt sie noch. Kristol ist so etwas wie ihr inoffizieller Anführer.

Jetzt sinnt er auf Rache. Selbst würde er das nie so nennen, dafür ist der Mann, der an diesem Vormittag in einem Café in der Nähe des Weissen Hauses sitzt, zu sanft, zu ironisch auch. Doch auf Rache läuft es hinaus, wenn man sich vor Augen führt, was Kristol vorhat. Seit einigen Monaten schon ist der 66-Jährige daran, einen prominenten Republikaner zu suchen, der in den parteiinternen Vorwahlen um die Präsidentschaft gegen Trump antritt. Warum er das tut, erklärt er mit zwei Sätzen Geschichte: «Jeder amerikanische Präsident seit dem Zweiten Weltkrieg, der keinen parteiinternen Herausforderer hatte, hat seine Wiederwahl gewonnen. Jeder Präsident hingegen, der in eine Vorwahl musste, hat die Wiederwahl verpasst.»

Die Lehren der Geschichte

Der Demokrat Lyndon Johnson gab 1968 auf, nachdem er mit Robert Kennedy und Eugene McCarthy zwei Herausforderer aus der eigenen Partei hatte. Der Republikaner Gerald Ford musste sich 1976 gegen seinen Parteikollegen Ronald Reagan wehren – und verlor schliesslich die Hauptwahl gegen den Demokraten Jimmy Carter. Dieser musste vier Jahre später zuerst seinen Rivalen Ted Kennedy ausschalten – und unterlag schliesslich gegen Reagan. Zuletzt war es George H.W. Bush, der 1992 zuerst den Rechtsaussenpolitiker Pat Buchanan besiegen musste und danach gegen Bill Clinton den Kürzeren zog.

Eine Kausalität lässt sich aus all dem nicht ableiten, vielmehr lässt sich argumentieren, dass die drei Präsidenten überhaupt erst interne Widersacher hatten, weil sie politisch geschwächt waren. «Im Mindesten ist das aber eine interessante Korrelation», sagt Kristol. Dass ein Republikaner kaum Chancen hat, Trump in einer Vorwahl zu schlagen, weiss Kristol selbst. «Aber er kann Schaden anrichten. Ein offener Wettkampf in der Partei wird dazu führen, dass Trump von allen Seiten unter Beschuss gerät.» Bevor sich der Präsident auf die Gegner bei den Demokraten einschiessen könnte, wäre er absorbiert mit Angriffen aus dem eigenen Lager, und das über Monate: «Das würde ihn schwächen», sagt Kristol.

Kristol glaubt zu beobachten, dass sich die republikanische Basis in den vergangenen Monaten etwas vom Präsidenten distanziert hat. Er zitiert Umfragen, wonach Trumps Zustimmungsrate unter Parteigängern von 85 auf 77 Prozent gesunken ist – was immer noch viel ist. «Aber wir kommen der Sache näher», sagt er. Es gebe viele moderate Republikaner, die 2016 nur widerwillig für Trump eingelegt hätten. «50 Prozent der Basis steht total hinter Trump. 10 bis 15 Prozent der Republikaner sind gegen ihn. Der Rest sind Leute, die ihn letztes Mal gewählt haben, die ihn aber nun infrage stellen, weil sie nicht glauben, dass er die Wiederwahl schafft, oder weil ihnen die Aussicht auf vier weitere Jahre Trump nicht geheuer ist.»

Einen ersten Interessenten gibt es schon – aber Kristol hofft, dass grössere Kaliber folgen.

Und dann ist da noch eine andere Umfrage, die kürzlich von der «Washington Post» und dem Sender ABC News veröffentlicht wurde. Darin gab ein Drittel der republikanischen Parteigänger an, dass sie sich einen internen Herausforderer für Trump wünschten – Wasser auf Kristols Mühle.

Kristols Problem: Es ist nicht leicht, einen hochkarätigen Kandidaten zu überzeugen. Jemand, der sich die unweigerlichen Attacken Trumps und seiner Anhänger antun möchte, jemand, der sich von den Moderatoren von Fox News beleidigen lassen und seinen Ruf aufs Spiel setzen will für ein Unterfangen, das wenig aussichtsreich scheint. Schon länger redet Kristol deshalb mit potenziellen Bewerbern und mit Spendern, die eine Kandidatur unterstützen würden. Er spricht mit Parteispitzen in den Bundesstaaten, in denen Anfang 2020 die ersten Vorwahlen stattfinden würden. Bereits im Herbst hat er dafür mit Mitstreitern eine Organisation gegründet, sie heisst Defending Democracy Together.

Nikki Haley wäre die ideale Kandidatin

Einen ersten Interessenten gibt es seit Freitag zumindest schon: Bill Weld, früherer Gouverneur von Massachusetts, will eine Kandidatur prüfen. Er sehe es als seine moralische Pflicht an, der spalterischen Politik Trumps etwas entgegenzusetzen, sagte er. Der 73-Jährige ist allerdings ausserhalb seines Bundesstaats unbekannt, bei Trump wird er keine Furcht auslösen. Dass Weld als erster Politiker seine Absicht erkläre, sei tapfer, findet Kristol: «Ich bin aber zuversichtlich, dass weitere folgen werden.»

Um Trump in Bedrängnis zu bringen, wird es wohl eine Person von anderem Kaliber brauchen. Zu den Personen, die Kristol deshalb zu ermuntern versucht, gehören gemässigte Republikaner: Leute wie John Kasich, der frühere Gouverneur von Ohio, der bereits 2016 als Präsident kandidierte, und Ben Sasse, Senator aus Nebraska. Am liebsten wäre ihm jemand wie Nikki Haley, die bis Ende 2018 Trumps Botschafterin bei der UNO war – doch das scheint derzeit wenig realistisch.

Gewissenstest für die Partei

Der laut Kristol wahrscheinlichste Kandidat ist derzeit Larry Hogan, der moderate Gouverneur von Maryland, der nach einer Krebserkrankung in einem demokratischen Bundesstaat glänzend wiedergewählt wurde. «Er wäre ein sehr guter Kandidat», sagt Kristol. «Er ist 62 Jahre alt, er ist ein beeindruckender Typ, dem das Wohl des Landes am Herzen liegt. Und er hat nichts zu verlieren.»

Ob es die Partei schafft, eine interne Vorwahl durchzuführen, ist für Kristol auch eine Art Gewissenstest. Selbst wenn ein Herausforderer gegen Trump unterginge, selbst wenn er dessen Wiederwahl nicht verhindern könnte: «Wir werden dann wenigstens gezeigt haben, dass es bei den Republikanern Leute gibt, die ernsthaft versucht haben, die Partei vor Trump zu retten.» Und damit, sagt Kristol, wäre schon viel gewonnen.

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