Der Masslose

Jorge Lanata, Argentiniens berühmtester Journalist, muss pausieren. Er hat zu viel geraucht, gegessen, gekokst und gearbeitet.

Das grosse Verdienst Lanatas ist seine Unabhängigkeit. <nobr>Foto: PD</nobr>

Das grosse Verdienst Lanatas ist seine Unabhängigkeit. Foto: PD

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Allein schon die Titel der beiden Biografien, die bisher über ihn erschienen sind: «Die Verrücktheiten von König Jorge» lautet der eine. «Geheimnisse, Tugenden und Laster des beliebtesten und verhasstesten Journalisten Argentiniens» der andere. Jorge Lanata (59) steht wie kein anderer in seinem Land für aufdeckenden, anklägerischen, mitfühlenden, zerstörerischen Journalismus. Er ist der personifizierte Widerspruch, ein Ausbund an arbeitswütiger Vitalität und ein Schwerkranker: Diabetes, Herzschwäche, eine transplantierte Niere, Kettenrauchen, Übergewicht.

Vor wenigen Tagen wurde er wegen akuter Herzprobleme in eine Klinik eingeliefert, dann ist er beim Verlassen eines Radiostudios schwer gestürzt. Nun hat er zur Erschütterung seiner vielen Fans und zur Freude seiner unzähligen Gegner angekündigt, die legendäre Fernsehsendung «Journalismus für alle» aufzugeben. Zumindest vorläufig.

«La rata» nennen sie ihn, die Ratte.

Eine Figur wie Lanata ist in einem Land wie Argentinien deshalb so wichtig, weil er eine Aufgabe erfüllt, welche die Justiz oft vernachlässigt: die Schweinereien der Mächtigen aufzudecken. Das grosse Verdienst Lanatas ist seine Unabhängigkeit. Er war ein unerbittlicher Kritiker des neoliberalen Präsidenten Carlos Menem und ein Todfeind der früheren sozialistischen Regierungschefin Christina Kirchner, die bei den Wahlen am 27. Oktober als Vizepräsidentin kandidiert und laut Umfragen an die Schalthebel der Macht zurückkehren wird. Lanata war massgeblich daran beteiligt, den Korruptionssumpf der Kirchner-Ära aufzudecken.

«Er hat sich mit Dutzenden Kollegen überworfen und fast alle Präsidenten seit 1983 bekämpft», schreibt sein Biograf. Einst hängten seine Gegner in Buenos Aires Plakate auf: «Lanata, du bist schwul, drogensüchtig, korrupt.» «La rata» nennen sie ihn, die Ratte.

8 Gramm Kokain am Tag

Dass der Vater zweier Töchter überhaupt noch lebt, ist ein medizinisches Wunder. Seine ganze Existenz steht im Zeichen des Exzesses. Er hat Magazine und Zeitungen gegründet, darunter «Página 12», die bis heute zu den wichtigen Blättern des Landes gehört. Er hat Fernseh- und Radiosendungen erfunden und moderiert, Sachbücher und Romane geschrieben, ist in Filmen und am Theater aufgetreten. Dreimal versuchte er, Suizid zu begehen. Zehn Jahre lang hat er täglich 8 Gramm Kokain konsumiert. «Ich hatte den Stoff selbst bei Reisen in die USA und nach Europa im Gepäck, ich Trottel.»

Er gab in amerikanischen Entzugskliniken ein Vermögen aus, dann habe er von einem Tag auf den anderen mit Koksen aufgehört. Ein Journalist schreibt: «Heute ist Lanata nur noch süchtig nach sich selber, und das ist unheilbar.» Mehrmals hat er in Artikeln und Büchern ganze Absätze wortwörtlich von anderen Autoren abgeschrieben, geschadet hat dies seiner Glaubwürdigkeit nur vorübergehend.

Stets habe ihn das Schicksal seiner Mutter beschäftigt, die wegen eines Hirntumors nicht mehr sprechen konnte. «Ich habe gefragt, sie hat nicht geantwortet – vielleicht bin ich deshalb Journalist geworden.» Mit 56 Jahren erfuhr Lanata, dass ihn seine vermeintlich biologischen Eltern adoptiert hatten. Darauf schrieb er: «Wenn sie nicht sie waren – war dann ich ich? Die Frage ist idiotisch.»

Erstellt: 05.10.2019, 08:25 Uhr

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