Der Papst kratzt am Zölibat

Franziskus will auf der Amazonas-Synode auch über verheiratete Priester debattieren lassen. Rechte Katholiken sind in Aufruhr.

Papst Franziskus öffnet die Debatte über die Priesterweihe von Männern im Amazonas, «auch wenn sie schon eine bestehende Familie haben». Foto: Keystone

Papst Franziskus öffnet die Debatte über die Priesterweihe von Männern im Amazonas, «auch wenn sie schon eine bestehende Familie haben». Foto: Keystone

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Die Amazonas-Synode ist ein Herzensanliegen des lateinamerikanischen Papstes. Vor allem will er sie nach Antworten suchen lassen auf die missliche Lage der indigenen Völker, auf deren soziale und ökologische Ausbeutung durch Grossgrundbesitzer, Bergwerkgesellschaften, Goldsucher und Holzunternehmer. Ein Anliegen, dem Franziskus bereits seine Umwelt-Enzyklika «Laudato si’» gewidmet hat. Doch diese Fragen werden bereits im Vorlauf der Synode, die vom 6. bis zum 27. Oktober im Vatikan stattfindet, von der Diskussion um die mögliche Öffnung der Kirchenämter verdrängt.

Es ist Abschnitt 129 im Vorbereitungsdokument der Synode, das die Kontroverse entzündet hat: «Bestätigend, dass der Zölibat ein Geschenk Gottes ist, muss man die Möglichkeit der Priesterweihe von älteren, indigenen und von ihrer Gemeinschaft akzeptierten Männern prüfen, auch wenn sie schon eine bestehende Familie haben….» Auch solle die Synode «die Art eines offiziellen Amtes» definieren, das den Frauen anvertraut werden könne, wissend um die zentrale Rolle, die diese in der Amazonas-Kirche heute spielen. Die Synode soll damit gegen die pastorale Not der Ureinwohner angehen: 90 Prozent der katholischen Gläubigen in der riesigen Amazonas-Region können wegen des horrenden Priestermangels nur selten die Sonntagsmesse besuchen.

Horrender Priestermangel

Heftige Kritik kommt vom deutschen Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Ausgerechnet die deutsche Kirche, die im letzten Jahr wieder 309'000 Mitglieder verloren habe, lamentiert Müller, wolle der Weltkirche Vorbild sein und ihr sagen, wie sie genesen soll. Müller ist der von Franziskus entlassene römische Glaubenspräfekt. Wie schon bei den Familiensynoden 2014 und 2015 beanspruche «die deutsche Kirche die Hegemonie über die Weltkirche und preist sich stolz und präpotent als Schrittmacherin für ein mit der Moderne versöhntes Christentum an», sagt Kardinal Müller.

Er wurde vom Papst als Glaubenspräfekt entlassen: Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Foto: Keystone

Amerikas Konservative blasen ins gleiche Horn. Der bekannte Kirchenpublizist Edward Pentin argwöhnt, die deutschen Bischöfe wollten der Amazonas-Synode ihre progressive Agenda aufdrücken und sie über verheiratete Priester und weibliche Diakoninnen debattieren lassen. Pentin benennt die Protagonisten, die neulich an einem halb geheimen Vorbereitungstreffen im Vatikan teilnahmen. Etwa den deutschen Kardinal Walter Kasper, der bevorzugte Theologe des Papstes, oder den früheren Amazonas-Bischof aus Österreich Erwin Kräutler bis hin zum Essener Bischof Franz-Josef Overbeck, Vorsteher des Hilfswerks Adveniat, das die katholischen Geldströme nach Lateinamerika kontrolliert. Dieser prophezeit: «Die Amazonas-Synode wird ein Wendepunkt für die ganze Kirche sein. Nichts wird mehr sein wie früher.»

Wir brauchen dringend Neues ohne Angst und Widerstand.Kardinal Claudio Hummes, Generalrelator der Synode

Die Möglichkeit der Viri probati, von bewährten verheirateten Männern, sowie von Frauen als Diakoninnen birgt Streitpotenzial. Wieder mal steht der Kirche eine Zölibatsdiskussion ins Haus, diesmal nicht von unten, von Reformgruppen initiiert, sondern von Papst Franziskus persönlich. Noch ist nichts entschieden. Und zu welchen Schlüssen die Bischöfe im Oktober in Rom auch kommen werden, der Papst wird seine eigenen Konsequenzen daraus ziehen und sie in einem «postsynodalen Schreiben» präsentieren.

Offenbar will Franziskus die Kampfzone Zölibat öffnen, obwohl er noch immer unter den Kontroversen der Familiensynoden leidet (ob etwa Wiederverheiratete zur Kommunion dürfen). Das signalisieren seine wichtigsten Berater wie Bischof Kräutler, der die Kirche mit dezentralen Lösungen von der Peripherie her verändern will. «Wir brauchen dringend Neues ohne Angst und Widerstand», fordert auch der brasilianische Kardinal Claudio Hummes, der Generalrelator der Synode.

Revolution aus dem Urwald

Das rechte Lager ist alarmiert. Es sieht in der Synode einen Angriff auf die Fundamente des Glaubens, eine Revolution aus dem Urwald, ja ein trojanisches Pferd, das hiesigen Gegnern des Pflichtzölibats dazu dienen soll, via Amazonas ihre Reformanliegen durchzusetzen. Die Rechten nennen es eine neue Art von Kolonialismus, wenn die Indigenen dafür herhalten müssen, einen vor allem in der westlichen Kirche virulenten Konflikt zu lösen.

Der als konservativ geltende Kardinal Müller bemängelt denn auch vor allem, dass die Deutsche Bischofskonferenz ihren nach dem Missbrauchsskandal angestossenen «synodalen Prozess» zur Erneuerung der Kirche mit der Amazonas-Synode verquicke. Bei beiden Veranstaltungen seien die führenden Personen fast identisch und über die Hilfswerke der Bischofskonferenz finanziell und organisatorisch vernetzt. Deutschland und Lateinamerika seien sich auch darin gleich, dass an beiden Orten Katholiken millionenfach aus ihrer Kirche auszögen, ohne dass es zu einer Besinnung auf die Wurzeln der Katastrophe komme.

Papast will das Zölibat nicht grundsätzlich abschaffen

Nüchterne Geister warnen indessen davor, das Arbeitsdokument überzubewerten, überhaupt zu hohe Erwartungen an die Synode zu haben. Der deutsche Vatikan-Kenner Bernd Hagenkord meint, dass das Dokument bei Fragen der Viri probati zurückhaltend formuliert sei und die ganz konkrete Situation im Amazonas im Blick habe. Die dort möglicherweise tätigen älteren verheirateten Priester sind eh nicht mit den hiesigen zu vergleichen, die auch Verantwortung für ihre Pfarrei innehaben.

Zudem hat Franziskus betont, es werde unter ihm keine generelle Abschaffung des Zölibats oder eine Lösung mit Wahlmöglichkeit geben. Der Kirchenrechtler Thomas Schüller hält den Papst ohnehin für einen «Ankündigungspolitiker», der keine Taten folgen lasse. So könnte Franziskus den Bischöfen der Amazonas-Synode Beschlusskompetenz geben, das tue er aber nicht.

Erstellt: 08.08.2019, 18:21 Uhr

Franziskus und Bolsonaro sind auf Kollisionskurs

Die Amazonas-Region, 200-mal so gross wie die Schweiz, gilt als «die Lunge der Erde». Der brasilianisch-österreichische Missionsbischof Erwin Kräutler, ein Hauptinitiant der Amazonas-Synode, betont denn auch die klimaregulierende Funktion der Region für den Planeten. Das von ihm mitverfasste Vorbereitungspapier zur Synode macht Rodungen, Viehzucht, Sojaanbau und Goldabbau für die fortschreitende Umweltzerstörung am Amazonas verantwortlich. Es pocht auf die Rechte der Eingeborenen und fordert einen neuen Zugang zu den indigenen Völkern, zu deren Kultur und Glaubensformen.

Gegner wie Kardinal Müller kritisieren die dahinterstehende «Theologia indigena» oder Ökotheologie als «Kopfgeburt von Sozialromantikern». Man wolle das Christentum durch die Sakralisierung des Kosmos und der biodiversen Natur zu einer Heilswissenschaft machen.

Die Amazonas-Synode, zu Beginn eher als Folkloreveranstaltung wahrgenommen, ist längst zum Politikum geworden. Die Initianten wie Kräutler kritisieren Brasiliens Staatspräsident Jair Bolsonaro, dieser betrachte die Amazonasregion vor allem als Wirtschaftsressource, er wolle sie für multinationale Konzerne öffnen und die Rechte der dort lebenden Indigenen beschneiden. «Er denkt nur vom Export, von der wirtschaftlichen Dimension her. Die Indios existieren für ihn eigentlich nicht», so Kräutler, der zur internationalen Hilfe gegen eine solche Politik aufruft.

Schon im Februar argwöhnte der brasilianische Geheimdienst, der «progressive Klerus» wolle die Amazonas-Synode missbrauchen, um die neue Regierung zu attackieren. Bolsonaro selber zeigte sich nach der Veröffentlichung des Vorbereitungsdokuments der Synode im Juni besorgt: «Sie wollen uns den Amazonas wegnehmen», sagte er. Die ausländische Presse behaupte, er wolle den Amazonas zerstören. Dabei wolle er nur, dass dieser weiterhin zu Brasilien gehöre.

Papst sympathisiert mit Lula

Er hat offenbar Pläne der Stiftung Gaia Amazonas des Ethnologen Martin von Hildebrand im Blick. Sie möchte auf dem Gebiet von 136 Millionen Hektaren von den Anden über den Amazonas bis zum Atlantik einen ökologischen Korridor errichten. Bolsonaro glaubt, man wolle Brasilien die Souveränität über dieses Gebiet entziehen – nicht durch Krieg, sondern durch internationalen Druck im Namen des Umweltschutzes und der Erhaltung des einzigartigen Ökosystems.

Der Papst indes versichert, die Amazonas-Synode habe keine politischen, nur kirchliche Implikationen. Eigentlicher Organisator der Synode ist das 2014 gegründete kirchliche panamazonische Netzwerk Repam, dessen brasilianischen Zweig Bischof Kräutler präsidiert. Dem internationalen Dachverband steht der brasilianische Kardinal Claudio Hummes vor, der Relator der Synode und Freund des inhaftierten Ex-Präsidenten Lula.

Franziskus selber hatte keinen Hehl aus seinen Sympathien für Lula gemacht und schon gar nicht aus seiner Enttäuschung über den Wahlsieg Bolsonaros. Dieser betrachtet die katholische Kirche, ob jene in Rom oder jene im eigenen Land, als Regierungsgegner. Dafür kann er sich auf die Massen unzufriedener Katholiken verlassen, die zu den Evangelikalen und Freikirchen abwandern. (mm)

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