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Der Robespierre von Capitol Hill

Steve Stockman möchte republikanischer Senator in Texas werden. Die unerwartete Kandidatur des schillernden Tea-Party-Favoriten nervt das Partei-Establishment.

Diese Freundschaft spricht Bände: Steve Stockman (r.) mit dem Musiker und NRA-Vorstandsmitglied Ted Nugend, der wegen seiner Ansichten in Bezug auf Ausländer, Patriotismus, Drogen und familiäre Rollenbildern umstritten ist.
Diese Freundschaft spricht Bände: Steve Stockman (r.) mit dem Musiker und NRA-Vorstandsmitglied Ted Nugend, der wegen seiner Ansichten in Bezug auf Ausländer, Patriotismus, Drogen und familiäre Rollenbildern umstritten ist.
Steve Stockman/Flickr
Der Mann hat Humor: Stockmans «Obama Failometer» ist eines von fünf Bildern in seinem Fotostream.
Der Mann hat Humor: Stockmans «Obama Failometer» ist eines von fünf Bildern in seinem Fotostream.
Steve Stockman/Flickr
FILE - In this Wednesday, Dec. 4, 2013, file photo, United States Sen. John Cornyn talks to members of the media while attending NCAA college football practice at Baylor, in Waco, Texas. In a last-minute surprise late Monday, Dec. 9, 2013, U.S. Rep. Steve Stockman filed paperwork to challenge fellow Texas Republican and powerful incumbent Cornyn for the U.S. Senate next year. (AP Photo/Waco Tribune Herald, Rod Aydelotte, File)
FILE - In this Wednesday, Dec. 4, 2013, file photo, United States Sen. John Cornyn talks to members of the media while attending NCAA college football practice at Baylor, in Waco, Texas. In a last-minute surprise late Monday, Dec. 9, 2013, U.S. Rep. Steve Stockman filed paperwork to challenge fellow Texas Republican and powerful incumbent Cornyn for the U.S. Senate next year. (AP Photo/Waco Tribune Herald, Rod Aydelotte, File)
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Niemand in Washington oder in Texas würde bezweifeln, dass John Cornyn ein gestandener Konservativer ist: Der republikanische Senator gilt als treuer Verfechter des konservativen Katechismus, ja als «zweitkonservativsten Senator» im Club der einhundert Senatsmitglieder stufte ihn gar eine rechte Gruppierung ein. Cornyn, der die Homo-Ehe mit der «Verbindung eines Menschen mit einer Schildkröte» verglich und damit sozialkonservative Republikaner amüsierte, galt als sicherer Bewerber für die 2014 anstehende Wiederwahl.

Am Montagabend und nur Minuten vor dem Ablaufen der Anmeldefrist für Kandidaturen war es jedoch aus mit der Gewissheit: Zum Schock des Establishments in Washington meldete der republikanische Kongressabgeordnete Steve Stockman seinen Anspruch auf die texanische Senatskandidatur an. Bei den parteiinternen Vorwahlen im kommenden März möchte Stockman den bisherigen Amtsinhaber beerben und den Texanern sodann zeigen, wie ein wirklicher Konservativer im Washingtoner Senat agiert. Unterstützt von der Tea Party wirft der Herausforderer dem Amtsinhaber vor, sich nicht genügend gegen Obamacare eingesetzt zu haben und überhaupt ein Weichei zu sein.

Der Mann kennt keine Kompromisse

Das kann von Stockman sicherlich nicht behauptet werden: Der erzkonservative Schreihals schert gemeinhin so weit nach rechts aus, dass er in der Hauptstadt nur schemenhaft wahrgenommen wird. Der Mann sei crazy, sein Leben ein Comicstrip, flüstern sogar Parteifreunde in Washington. So verglich Stockman, der einen Kongressbezirk im Osten von Texas repräsentiert, Barack Obama mit Saddam Hussein und forderte eine Anklageerhebung gegen den Präsidenten. Zudem bezweifelte er dessen amerikanische Geburt und führt sich insgesamt als politischer Berserker auf. Ob Waffengesetze oder Schwule und Lesben, ob Obamacare oder der Shutdown der Regierung: Stets profiliert sich Steve Stockman als kompromissloser Robespierre des Capitol-Hügels.

Im Januar brachte der Abgeordnete als Antwort auf das Massaker in einer Schule in Newtown einen Gesetzesentwurf ein, wonach schusswaffenfreie Zonen in und um amerikanische Schulen abgeschafft werden sollten: «Weil qualifizierte Bürger und Schuloffizielle entwaffnet wurden, haben wir eine gefährliche Situation für unsere Kinder geschaffen», polterte Stockman und rief zu allgemeiner Aufrüstung in den Schulen auf.

Wenig später votierte er gegen die Verlängerung eines Gesetzes gegen Gewalt an Frauen mit der Begründung, das Gesetz schütze vor allem Transvestiten und Transsexuelle. «Das ist ein wahrhaft schlechtes Gesetz, das hilft den Linken, das ist furchtbar, unglaublich», entsetzte sich Stockman und tauchte sodann tief in die Sexualkunde ab. «Was daran wirklich stört: Es nennt sich ein Frauengesetz, aber dann gibt es Männer, die sich wie Frauen anziehen, Geschlechtsumwandler oder wie auch immer. Wie kann das eine Frau sein?»

Valium in der Unterhose, Jesus im Herzen

Dabei führte Stockman selbst ein durchaus schillerndes Leben: Mal wurde er in jungen Jahren mit Valiumtabletten in der Unterhose von der Polizei festgenommen, mal war er obdachlos in Fort Worth, mal frisierte er seinen Lebenslauf, der sich erst stabilisierte, nachdem Stockman Ende der 80er-Jahre Ronald Reagan und Jesus gefunden hatte – worauf er mit Macht in die Politik drängte. 1994 gewann der Geläuterte nach mehreren erfolglosen Anläufen endlich ein Abgeordnetenmandat, obschon er im Wahlkampf für allerhand Aufsehen gesorgt hatte.

So publizierte Stockman eine kleine Zeitung, die «Southeast Texas Times», die mit grellen Schlagzeilen von sich reden machte. «Soldaten wollen keine Sodomiten im Militär», hiess es dort unter anderem. Auch bat der Kandidat die Zeitung «Galveston News», sein Interesse an Keramik zu verschweigen: «Erwähnen Sie das lieber nicht, sonst denkt man sicherlich, ich sei eine Tunte.» Kaum im Kongress, biederte sich Stockman bei rechtsradikalen Milizen an und verfasste eine Brandschrift gegen jegliche Schusswaffenkontrolle sowie die angebliche Absicht der Regierung Clinton, den Amerikanern die Knarren wegzunehmen.

Scharf auf Waffen, streng gegen Sexualkunde

Das Waffenmagazin «Guns & Ammo» publizierte das Magnum Opus des Abgeordneten 1995 indes zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, nämlich nur Wochen nach dem Terroranschlag des Schusswaffen-Freaks und Staatsgegners Timothy McVeigh auf das Bundesgebäude in Oklahoma City, bei dem 168 Menschen ermordet wurden. Konfrontiert mit einem Sturm der Entrüstung übte Stockman verhaltene Selbstkritik: «Ein paar Sachen hätte man besser sagen können.»

Nicht nur damit aber eckte der Elefant in allen politischen Porzellanläden an: Nachdem er in der Hörfunksendung eines Holocaust-Leugners aufgetreten war, entschuldigte sich Stockman mit der Bemerkung, er beschäftige eine «christlich-jüdische Person» in seinem Washingtoner Büro. Sogar gegen den längst verstorbenen Sexualforscher Alfred Kinsey machte der umtriebige Kulturkämpfer mobil: Unter Berufung auf einen christlich-konservativen Schmierfilm gegen Kinsey verlangte er ein «Moratorium» für Sexualkunde an amerikanischen Schulen.

Der grosse Angriff nach der Auszeit

Nach Stockmans zwei bewegten Jahren im Repräsentantenhaus erschlaffte der Enthusiasmus der Wähler für ihn erheblich: 1996 wurde der Abgeordnete abgewählt und praktizierte fortan mal dieses und mal jenes, bis er 2012 neuerlich ins Abgeordnetenhaus gewählt wurde. Um Senator Cornyn bei der republikanischen Vorwahl zu kippen, bräuchte Stockman im teuren, weil grossen Texas viel Geld für TV-Werbung. Andererseits hat die entflammte republikanische Basis schon verschiedentlich versierte Senatoren weggefegt und sich für krasse, aber erzkonservative Aussenseiter entschieden, die wie Stockman dem ideologischen Reinheitsgebot des radikalen Flügels und der Tea Party entsprachen.

Dass sie nahezu sämtlich im Hauptwahlgang verloren, verstört zwar das Establishment, hat an der Basis bisher jedoch noch kein Umdenken eingeleitet. Cornyns Leute gaben sich dennoch siegessicher. «Unterstützt von texanischen Abtreibungsgegnern und bewertet als zweitkonservativster Senator in Amerika, freut sich Senator Cornyn schon jetzt darauf, seine konservativen Leistungen mit den Texanern zu diskutieren», rüstete Cornyns Wahlkampfmanager Brendan Steinhauser für den anstehenden Kampf.

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