Der Tod des süssen Flusses

Ein Dammbruch verseucht das Trinkwasser von Millionen Brasilianern. Doch die Behörden verschweigen das Ausmass des Desasters. Auch weil die Minenkonzerne die Politik finanzieren.

Aus der Luft ist deutlich zu erkennen, wie sich der giftige Schlamm aus dem Rio Doce im Atlantik verteilt. Foto: Reuters

Aus der Luft ist deutlich zu erkennen, wie sich der giftige Schlamm aus dem Rio Doce im Atlantik verteilt. Foto: Reuters

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Die Katastrophe kam ungelegen. Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff verschanzte sich in ihrem Regierungs­palast, versuchte einer Amtsenthebung zu entgehen und das seit Monaten fertige Sparpaket irgendwie durch den Kongress zu schleusen. Für den Dammbruch, der ein Dorf begrub, hatte sie keine Zeit. Als die Präsidentin später im Helikopter über das Tal des Rio Doce flog, färbte rotbrauner Schlamm das einst grünliche Wasser des wichtigsten Flusses des Bundesstaates Minas Gerais. Hier breitete sich das wohl folgenschwerste Umweltdesaster in Brasiliens Geschichte aus. Auch wenn das anfänglich niemand eingestehen wollte.

Inzwischen ist die dickflüssige Brühe im Atlantik angekommen, Luftaufnahmen zeigen, wie sich die Sedimente im Meerwasser verteilen. Sie hinterlässt 666 Kilometer Verwüstung, noch kann niemand abschätzen, wie lange es dauern wird, bis sich das Ökosystem des Rio Doce (süsser Fluss) wieder erholt, welche Kosten entstehen und wer all das bezahlen soll. Umweltministerin Izabella Teixeira sagte gestern allerdings, das Land werde umgerechnet 4,9 Milliarden Euro von den beiden verantwortlichen Unternehmen verlangen. Die Klage soll am Montag eingereicht werden.

Seinen Anfang nahm das Desaster in den Bergen des Bundesstaates der, etwa so gross wie Frankreich, den Bergbau im Namen trägt: Minas Gerais. Am Nachmittag des 5. November brach der Damm des Rückhaltebeckens eines Eisenerz­abbaus des Konzerns Samarco. 62 Millionen Kubikmeter Klärschlamm ergossen sich zunächst in ein zweites Rückhalte­becken und begruben schliesslich das talabwärts gelegene Dorf Bento Rodrigues. Die 600 Bewohner verloren ihr Hab und Gut, 11 Menschen starben und weitere 12 werden noch vermisst. Sie ­liegen vermutlich unter dem Schlamm, der, so behauptete die Leitung des Minenkonzerns, nicht toxisch sei.

Arsen, Quecksilber, Tod

Doch der Rio Doce erzählt eine andere Geschichte. Vögel, Fische, Kleintiere treiben tot im Wasser. Im Fluss, der mehr als zwei Millionen Menschen Trinkwasser liefert, gibt es kein Leben mehr. Die Behauptung des Konzerns, es sei kein Gift freigesetzt worden, ist ­inzwischen auch offiziell widerlegt. Das Institut für Wasserwirtschaft des Bundesstaates Minas Gerais hat die Ergebnisse von Wasserproben online gestellt, die zwischen dem 7. und 12.November entnommen worden waren. Sie zeigen, dass die Werte des Giftes Arsen zehnmal höher sind als erlaubt. Auch die Quecksilberwerte sind erhöht. Dass der Report publiziert wurde, war dem Druck eines Staatsanwaltes aus Governador Vala­dares zu verdanken, einer Stadt mit 278'000 Einwohnern, die bisher ihr Wasser aus dem Rio Doce bezog. Warum warnten die Behörden die Bürger nicht?

Die Antwort hat mit der misslichen Lage zu tun, in der sich Brasilien befindet. Das Land steckt in der Rezession, drei Prozent wird die Wirtschaft dieses Jahr schrumpfen, die Arbeitslosigkeit steigt, die Inflation auch. Zu Korruptionsskandalen und politischen Intrigen kommt das Ende des Rohstoffbooms, der die Weltmarktpreise für Mineralien fallen liess. Das Unternehmen Samarco, ein Joint Venture des brasilianischen Erzgiganten Vale und des britisch-australischen Konzerns BHP Billiton, war lange hoch profitabel. Allein 2014 machte die Firma umgerechnet mehr als 700 Millionen Franken Gewinn. Doch nur drei Prozent davon wurden in Sicherheit und Umweltschutz investiert. So darf es niemanden überraschen, dass ­ eine unabhängige Prüfung bereits 2013 erhebliche Sicherheitsmängel aufgedeckt hatte. Die Prüfer empfahlen einen Notfallplan und eine «Dammbruch­analyse». Doch nichts wurde getan. Samarco durfte den gefährlichen Damm sogar noch weiter aufstocken.

22 Millionen für Politiker

Das Unternehmen spricht von einem «Unglück» und nicht von den eigenen Versäumnissen. Samarco hat der Provinzregierung zugesagt, 1Milliarde Reais (273 Millionen Franken) für die Schadensbehebung zu zahlen, was laut Experten keinesfalls ausreichen wird für eine Sanierung. Allerdings ist die angebotene Summe das zwanzigfache der ­gesetzlichen Höchststrafe für Umweltverschmutzung. Und selbst diese vergleichsweise niedrigen Bussgelder werden nur selten bezahlt. Ganze drei ­Prozent der von der nationalen Umweltbehörde verhängten Strafen gehen tatsächlich ein – und wandern ins Budget, nicht in die Schadensregulierung.

Brasiliens Konzerne kümmern sich um das Wohl der Behörden so wenig, weil sie sich Dankbarkeit erkaufen können. Samarcos brasilianischer Mutterkonzern Vale ist der grösste Erzerzeuger der Welt und ein Grossspender im brasilianischen Politikbetrieb: 22 Millionen Franken verteilte das Unternehmen im Wahljahr 2014 unter Präsidentschafts­bewerbern, Gouverneuren, Senatoren und Hunderten Abgeordneten.

Im Parlament kann sich die Bergbauindustrie auf 200 Parlamentarier ver­lassen, nur die Agro-Fraktion ist noch stärker. Derzeit versuchen beide Einflussgruppen eine Verfassungsänderung namens PEC 215 durchzusetzen, welche die Bodenrechte der indigenen Völker stark beschneiden und den Grossteil der von den Urvölkern beanspruchten Flächen dem Bergbau und den Agrar­konzernen öffnen würde. In Brasiliens derzeitiger Krise haben Bergbau- und Agrarkonzerne ausgezeichnete Argumente. Auf einen Fluss mehr oder weniger kommt es ihnen da nicht an.

Erstellt: 27.11.2015, 23:28 Uhr

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