Er tritt an, Mexikos Drogenkrieg zu beenden

Sie nennen ihn den tropischen Messias. Weshalb Linkspopulist Andrés Obrador beste Chancen hat, neuer Staatschef zu werden.

Humor ist eine seiner stärksten Waffen: Andrés Manuel López Obrador, mexikanischer Präsidentschaftskandidat. Foto: Keystone

Humor ist eine seiner stärksten Waffen: Andrés Manuel López Obrador, mexikanischer Präsidentschaftskandidat. Foto: Keystone

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Es waren einmal drei Studenten, die wollten Filmemacher werden. Sie hiessen Salomón, Daniel und Marco, sie hatten sich an der Universität von Guadalajara eingeschrieben. Aus Guadalajara, der zweitgrössten Stadt Mexikos, stammt auch der Regisseur Guillermo del Toro. Der Jubel über dessen Oscar für das Monstermärchen «Shape of Water» war dort noch nicht verhallt, als Salomón, Daniel und Marco Mitte März in einem Vorstadtbezirk nach Drehorten suchten. Sie planten einen Horrorfilm und träumten von einer Zukunft, in der sie die nächsten del Toros sein würden. Stattdessen gerieten sie in den ganz ­alltäglichen mexikanischen Horror, der leider kein Film ist, obwohl es sich oft so anhört.

Salomón, Daniel und Marco existieren nicht mehr, nicht einmal als Leichen. Sie wurden entführt, getötet und in Säure aufgelöst. Vermutet wird, dass sie von Killern des Drogenkartells Jalisco Nueva Generación mit einer rivalisierenden Gang verwechselt wurden. Sie hätten sich wohl «zur falschen Zeit am falschen Ort befunden», hiess es im Untersuchungsbericht der Polizei. Ein Sprecher des mexikanischen Innenministeriums sagte: «Tja, so sind die Zeiten, in denen wir leben.» Fall erledigt.

Straftäter und Strafverfolger, das sind hier oft keine Gegner mehr, sondern Komplizen.

«Worte reichen nicht aus, um das Ausmass des Wahnsinns zu verstehen», so hat es Guillermo del Toro ausgedrückt, als bekannt wurde, dass drei Studenten einfach aufgelöst wurden wie Kopfschmerztabletten. Genauso gut hätte del Toro auf all die anderen Opfer dieses Wahnsinns verweisen können: auf die Geköpften von Veracruz, die Verbrannten von Coahuila, die Zerstückelten von Chihuahua, die Gehäuteten von Tamaulipas. Die Aufgelösten von Guadalajara sind drei von rund 30'000 Ermordeten der vergangenen zwölf Monate.

Bilder: Die verschwundenen mexikanischen Studenten

Das grosse Sterben hat in Mexiko nicht erst gestern begonnen. Aber kaum jemand kann sich dort an eine Zeit erinnern, in der es so schlimm war wie heute. Durchschnittlich 80 Leichen pro Tag wurden 2017 gezählt, dem blutigsten Jahr seit Beginn der mexikanischen Verbrechensstatistik. Es kann jeden treffen, der zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Besonders häufig trifft es investigative Journalisten und aufrechte Politiker. Menschen, die sich getrauen, das Grundübel Mexikos zu benennen: Straftäter und Strafverfolger, das sind hier oft keine Gegner mehr, sondern Komplizen.

Wo leben wir eigentlich?

Der Staat hat sein Gewaltmonopol nicht verloren, sondern verkauft. Dem zweifellos gut organisierten Verbrechen ist es gelungen, mit seinen Milliarden aus dem Drogenhandel nahezu alle staatlichen ­Institutionen zu unterwandern, das Militär, die Polizei, die Politik, die Justiz. Mexiko ist eines der faszinierendsten Länder der Welt, immer noch. Aber als Mexikaner muss man sich in diesen Zeiten, 2018 nach Christus, unweigerlich die Frage stellen: Wo leben wir eigentlich? In der Realität oder im Horrorfilm? In der Gegenwart oder im Mittelalter? In der zweitgrössten Demokratie Lateinamerikas oder im siebten Kreis der Hölle?

Das ist die Stimmungslage, in der sich eine kleine, vielleicht auch grössere Revolution anbahnt: die Machtübernahme des Linkspopulisten Andrés Manuel López Obrador. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht und sich die Demoskopen nicht komplett verrechnet haben, dann wird er die Präsidentschaftswahl am kommenden Sonntag mit komfortablem Vorsprung gewinnen. Die ohnehin sehr religiösen Mexikaner scheinen in ihrer gegenwärtigen Verzweiflung, ihrer Wut, ihrer Angst nur noch an eines zu glauben: an die Erlösung durch den Mann, den sie den «tropischen Messias» nennen.

Plant die Machtübernahme: Andrés Manuel López Obrador. Bild: Keystone / Felix Marquez

Der Messias ist 64 Jahre alt, seine Haare sind grau, seine Augen könnten Schlaf gebrauchen. An diesem frühen Nachmittag im Juni trägt er weisses Hemd, weisse Hose und Sombrero, dazu eine bunte Blumenkette um den Hals. In diesem Aufzug würde er bei einem Festival für Alt-Hippies nicht weiter auffallen. Aber das hier ist sein Wahlkampfauftritt in Gustavo A. Madero, einem der ärmsten und ­gefährlichsten Teile von Mexiko-Stadt. Ein Viertel der Entrechteten und Abgehängten, genau sein Spezialgebiet. In den vorderen Reihen des Publikums sitzen zahnlose Männer in verschlissenen Overalls und kleine Frauen. In der Menge bildet sich jetzt eine Gasse, und mit ein wenig Abstand wirkt es tatsächlich so, als schwebe der Heiland ­heran. Alle paar Meter reicht man ihm einen Säugling, den er kurz auf den Arm nimmt und für ein Erinnerungsfoto auf die Backe küsst.


«Wir schaffen die Korruption ab und wir beenden diesen Drogenkrieg!»
Andrés Manuel López Obrador

Andrés Manuel López Obrador, Markenname Amlo, ist ein ebenso berechnender wie spontaner Mensch. Auf der Bühne von Gustavo A. Madero reckt er triumphierend die Fäuste in den Himmel. Das Publikum skandiert: «Presidente, Presidente!»

Seine Reden beginnen wie Schulunterricht. López Obrador, Autor von 16 Geschichtsbüchern, referiert über die vier historischen Umbrüche Mexikos: vom Unabhängigkeitskrieg gegen die spanischen Kolonialherren, von den liberalen Reformen im 19. Jahrhundert, von der Revolution im 20. Jahrhundert. Der vierte grosse Umbruch, das soll seine Präsidentschaft werden. «Wir schaffen die Korruption ab», kurze Verschnaufpause, «und wir beenden diesen Drogenkrieg!»


Video: Eltern der vermissten Studenten fordern Aufklärung


Da hat er sich was vorgenommen. Zwei Jahrhundertprojekte, für die er höchstens sechs Jahre Zeit haben wird. In Mexiko verbietet es die Verfassung, dass ein Präsident für eine zweite Amtszeit kandidiert. Kaum einer glaubt deshalb, dass die Pläne von Amlo realistisch sind, aber fast alle sind der Meinung, dass es so wie bisher auf keinen Fall ­weitergehen kann.

Inbegriff des Betrugs

López Obrador wurde 1953 in einem Dorf im südmexikanischen Bundesstaat Tabasco geboren. Seine Grosseltern waren Bauern, seine Eltern verkauften Schuhe. Er ist kein Kind der Armut, aber der unteren Mittelschicht. Allein deshalb wäre sein Wahlsieg eine Zeitenwende. Alle bisherigen Präsidenten Mexikos entstammten der Elite dieses Landes, das keineswegs arm ist, aber seinen Reichtum extrem ungleich verteilt.

Die Marke Amlo steht für den Aufstand des kleinen Mannes. Das marode System, das hier revolutioniert werden soll, verkörpert niemand besser als der scheidende Staatschef Enrique Peña Nieto. Dessen frühere Staatspartei PRI regiert seit 1929 nahezu durch. Heute gilt sie als Inbegriff des Betrugs und der Vetternwirtschaft. Bei López Obrador heissen Peña Nieto und sein Kabinett konsequent «die Diebe» oder «die Mafia der Macht».

Seit Jahren ist dieser Mann praktisch ununterbrochen auf Wahlkampftour, eine Tour, die einem Pilgerzug gleicht. Er hat alle 2457 Gemeinden Mexikos bereist, und zwar auf dem Landweg, das betont er besonders gerne, denn Flugzeuge sind elitär. Hoch und heilig versprochen ist, dass er niemals die Maschine des mexikanischen Präsidenten besteigen wird, dieser «Palast für den Himmel» soll unmittelbar nach seiner Amtsübernahme verkauft werden – sicherlich eines der absurdesten Amlo-Projekte, aber gleichzeitig eines der beliebtesten.

Wenn Populismus bedeute, den Korrupten zu nehmen und den Armen zu geben, dann sei er mit grosser Freude Populist.

Dem Vorwurf, er sei ein unverbesserlicher Linkspopulist, begegnet er mit Selbstironie. Wenn Populismus bedeute, den Korrupten zu nehmen und den Armen zu geben, dann sei er mit grosser Freude Populist. Auf dem emotionalen Höhepunkt seiner Rede ruft er der Menge zu: «Wollt ihr ein weiteres populistisches Versprechen?» Dem Gekreische zufolge: unbedingt. «Ich werde auch als Präsident in meinem Haus wohnen bleiben», kommt dann. Und die Präsidialresidenz Los Pinos? «Wird zum Museum umgewandelt.»

Vieles von dem, was López Obrador vorschlägt, klingt wie ein Witz. Aber der Humor ist auch eine seiner stärksten Waffen. Als von seinen Gegnern neulich das Gerücht gestreut wurde, sein Wahlkampf werde aus Russland finanziert, nahm er rasch ein Handyvideo auf, in dem er als «Andrés Manuelowitsch» grüsste. Er stand am Hafenbecken von Veracruz und sagte: «Ich warte hier, bis das U-Boot auftaucht, das mir mein Gold aus Moskau bringt.» Damit war die Debatte erledigt.

Zweimal schon ist der frühere Bürgermeister von Mexiko-Stadt als Präsidentschaftskandidat knapp gescheitert, 2006 gegen Felipe Calderón, 2012 gegen Peña Nieto. Beide Male fühlte er sich betrogen. Inzwischen hat er eigene Fehler anerkannt und aus ihnen gelernt. In der Vergangenheit trat er als verbissener, linksradikaler Hardliner auf. In der Gegenwart präsentiert er sich lässig, pragmatisch und ideologisch flexibel. Der weltweit omnipräsente US-Präsident spielt im mexikanischen Wahlkampf übrigens nur eine Nebenrolle.

Keinem der Kandidaten käme es in den Sinn, diesen bekennenden Latino-Hasser zu loben. Deshalb lässt sich mit Trump-Bashing aber auch wenig gewinnen. Vor Monaten bezeichnete López Obrador den US-Präsidenten einmal als «Neofaschisten». Inzwischen hat er seine Tiraden in Richtung Washington nahezu eingestellt. Deutlich wichtiger ist es ihm, beruhigende Signale an das heimische Unternehmertum auszusenden, das auf den Handel mit dem grossen Nachbarn angewiesen ist. Neuerdings wirbt Amlo, der Kreuzritter gegen den Neoliberalismus, sogar für die Verlängerung des nordamerikanischen Freihandelsabkommens Nafta.

Eine moralische Wende

Seine beiden Gegner für die Wahl am Sonntag, der PRI-Technokrat José Antonio Meade und der konservative Ricardo Anaya, verzweifeln an dieser schamlosen Widersprüchlichkeit. Tapfer bis zum Schluss versuchen sie, López Obrador als den nächsten Hugo Chávez darzustellen, der Mexiko ins venezolanische Verderben stürzen werde. Aber diese Angstkampagne, die bei den zurückliegenden Wahlen noch bestens funktionierte, zieht diesmal nicht.

Amlo 2.0 will niemanden enteignen, plant keine radikalen Steuererhöhungen und umgibt sich mit moderaten Wirtschaftsberatern. Er propagiert keinen sozialistischen Klassenkampf, sondern eine moralische Wende. Und dabei erinnert er viel weniger an Chávez als an Lula da Silva. Genau wie der ehemalige brasilianische Präsident wechselt er munter die Rollen zwischen dem Anführer einer sozialen Bewegung und dem Genossen der Konzernbosse. Angesichts ihrer unausweichlich erscheinenden Niederlage versuchen seine verzweifelten Gegner, ihn auch als Genossen der Kartellbosse zu diffamieren. In den vergangenen Wochen beschwerten sich Tausende Mexikaner über anonyme Anrufe, in denen es hiess: «Du weisst, dass López Obrador kriminelle Drogendealer freilassen will?»

Tatsächlich hatte er eine Amnestie-Regelung ins Spiel gebracht, um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. Dabei geht es aber nicht darum, die Anführer von Mafiaorganisationen wie dem Sinaloa-Kartell oder Jalisco Nueva Generación zu begnadigen, sondern reumütige Kleindealer, Kuriere und Helfer. Der Krieg gegen die Drogenkartelle bestimmt auch diesen Wahlkampf, der ein Kampf im wörtlichen Sinne ist. Über 120 Politiker, vor allem lokale und regionale Kandidaten, wurden seit dem Kampagnenstart im vergangenen Herbst ermordet. Die Zahl klingt grotesk, wie so vieles in Mexiko. Und es grenzt an ein Wunder, dass es dort überhaupt noch Menschen gibt, die sich für politische Ämter bewerben.

Erstellt: 27.06.2018, 09:51 Uhr

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