Der unbändige Hass auf Hillary Clinton

Auf dem Parteitag der Republikaner geht es inzwischen weniger um Donald Trump als um Hillary Clinton. Die Konservativen fordern sogar ihre Verhaftung.

«Sperrt sie ein!»: Plakat gegen Hillary Clinton. Foto: Jim Watson (AFP)

«Sperrt sie ein!»: Plakat gegen Hillary Clinton. Foto: Jim Watson (AFP)

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Es gibt beim Parteitag in Cleveland durchaus viele Republikaner, die Donald Trump nicht mögen. Einigen ist ihr Präsidentschaftskandidat zu proletig, anderen ist er zu wenig konservativ. Trotzdem sagen die meisten, dass sie Trump im November wählen werden. Denn wenn sich alle über etwas einig sind, dann darüber: Schlimmer als ein Präsident Trump wäre eine Präsidentin Hillary Clinton.

Von der demokratischen Kandidatin wird in Cleveland mit einer Wut und einem Hass gesprochen, der selbst für das vergiftete politische Klima Amerikas aussergewöhnlich ist. Als Chris Christie, Gouverneur von New Jersey und ehemaliger Staatsanwalt, am Dienstagabend eine «Anklageschrift» gegen Clinton vortrug, brüllten ihm die Delegierten wieder und wieder das Urteil zu: «Schuldig!» Weisshaarige Damen keiften verzückt: «Sperrt sie ein, sperrt sie ein!»

So geht es seit Tagen in Cleveland. Ton und Wortwahl variieren, je nachdem, wie staatsmännisch ein Redner erscheinen möchte. Doch das Ziel der Attacken bleibt stets das gleiche: Hillary Clinton. Nun gehört das Eindreschen auf den Gegenkandidaten zu den Ritualen eines solchen Parteitags. Die Delegierten wollen rohes Fleisch vorgeworfen bekommen – je derber die Attacken, desto grösser der Jubel. Auch bei den Demokraten, die kommende Woche in Philadelphia ­tagen, wird man kaum ein freundliches Wort über Donald Trump hören.

US-Helden auf dem Gewissen

Bemerkenswert – und vielleicht beunruhigend für Clintons Wahlkampfteam – ist allerdings, wie konsequent sich die Republikaner auf zwei Affären einschiessen, die der Demokratin erheblich schaden könnten: zum einen den Angriff von islamistischen Terroristen auf das US-Konsulat in der libyschen Stadt Benghazi im September 2012, bei dem vier Amerikaner getötet wurden. Zum anderen Clintons seltsame Praxis, ihren gesamten dienstlichen E-Mail-Verkehr während ihrer Zeit als Aussenministerin über einen privaten, ungesicherten ­Server laufen zu lassen.

Die beiden Fälle sind nicht neu, die Fakten längst bekannt. Clinton war Aussenministerin, als das Konsulat in Benghazi angegriffen wurde. Spätere Untersuchungen haben ergeben, dass die Gebäude nicht ausreichend gesichert waren, wofür aber nicht Clinton persönlich verantwortlich war. Nach der Attacke versuchte die Ministerin freilich, die Hintergründe zu verschleiern. Sie stellte den Anschlag als spontane Attacke wegen eines antiislamischen Internetfilms dar, nicht als geplante Terroroperation. «Welchen Unterschied macht das jetzt noch», fragte sie entnervt, als sie später vom Kongress dazu vernommen wurde.

Bei den E-Mails ist Clintons Anteil am Skandal grösser. Sie traf die Entscheidung, einen privaten Server einzurichten. Als das aufflog, verteidigte sie sich mit halb garen Erklärungen. Das FBI kam zu dem Schluss, dass Clinton zwar nichts Strafbares getan habe, das für eine Anklage reiche, sich aber «extrem nach­lässig» verhalten habe.

Die Republikaner stricken in Cleveland aus den beiden Fällen dieses Bild: Benghazi zeigt, dass Clinton eine Verräterin ist, die lügt und das Leben von vier amerikanischen Helden auf dem Gewissen hat. Die E-Mails zeigen, dass Clinton vertrauensunwürdig ist und sich über dem Gesetz sieht. Das sind Vorwürfe, die, wenn sie im Wahlkampf richtig ausgebreitet werden, durchaus einige Verheerung anrichten können, denn sie stellen Clintons Charakter infrage und konterkarieren eines ihrer Hauptargumente – dass sie die erfahrene Krisenmanagerin ist, der die Amerikaner sich und das Land anvertrauen können.

Der Parteitag in Cleveland gab einen Vorgeschmack, wie die Republikaner Clinton demontieren wollen. Am Montagabend trat Patricia Smith in der Halle auf, deren Sohn Sean in Benghazi getötet worden ist. Mit erstickter Stimme beschuldigte sie Hillary Clinton, die Amerikaner dort erst im Stich gelassen und dann die Angehörigen der Toten schäbig behandelt zu haben. «Ich mache Hillary Clinton persönlich für den Tod meines Sohnes verantwortlich», sagte Smith – ein Satz, den kein Wahlkampfmanager gern über seinen Kandidaten hört. Gegen die Tränen einer Mutter kann man nur schwer argumentieren.

Die E-Mail-Affäre ist weniger mit Gefühlen aufgeladen, aber kaum weniger heikel. «Extrem nachlässig» im Umgang mit sensiblen, teils geheimen Dienstdokumenten – dieses Urteil aus dem Munde eines FBI-Direktors ist nicht hilfreich für Clinton, die Amerika davon überzeugen will, dass Trump charakterlich untauglich für das Weisse Haus ist. Am Montagabend sprach in Cleveland Michael Flynn, ein beinharter Trump-Unterstützer mit beeindruckend klingenden Titeln: Generalleutnant a. D. und ehemaliger Chef des Militärgeheimdienstes DIA. Hätte er mit seinen E-Mails getan, was Clinton getan hat, er stünde nicht auf der Bühne, sondern sässe im Knast, polterte er. «Sperrt sie ein!», kreischte das Publikum.

Clinton selbst macht sich die Sache noch schwerer durch ihre chronische, trotzige Unfähigkeit, Fehler zuzugeben und sich zu entschuldigen. Beide Affären sind Belege für die Regel, nach der nicht der ursprüngliche Fehltritt den grossen Schaden anrichtet, sondern der Versuch, diesen zu vertuschen oder wegzureden. Cleveland zeigt, dass die Republikaner das nicht zulassen wollen.

Erstellt: 20.07.2016, 20:53 Uhr

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