«Der Weg in die Politik ist brutal»

Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat Robert F. Kennedy Jr. an zwei Abenden zu einem Gespräch eingeladen. Der Neffe von John F. Kennedy sprach über den US-Wahlkampf, seine Familie und die Kubakrise.

Robert F. Kennedy Jr. ist Umweltaktivist und überzeugter Demokrat. Foto: Jeff Vespa (Contour, Getty)

Robert F. Kennedy Jr. ist Umweltaktivist und überzeugter Demokrat. Foto: Jeff Vespa (Contour, Getty)

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Sie gelten als der «grüne» Kennedy und sind auch bereit, nach einer Demonstration für Ihre Ideale ins Gefängnis zu gehen. Doch Sie kämpfen in einem Land, in dem nicht einmal potenzielle Präsidentschaftskandidaten an den Klimawandel glauben. Kann einer von ihnen offizieller Kandidat der Republikaner werden?
Es ist so gut wie sicher, dass der von den Republikanern nominierte Kandidat bestreiten wird, dass die globale Erwärmung von den Menschen verursacht ist. Unter ihren Kandidaten sind ja auch Leute, die nicht an die Evolution glauben, sondern dass die Welt vor 6000 Jahren erschaffen wurde und dass der Teufel die Knochen der Dinosaurier auf der Erde verstreut hat. Wie ist das möglich? Die Antwort ist: Geld, Propaganda. Die Ölindustrie, insbesondere die Gebrüder Koch, die ein Öl- und Chemiekonsortium besitzen, haben seit 1998 bis zu einer Milliarde Dollar ausgegeben, um die Leute zu überzeugen, dass der Klimawandel nicht existiert, über Anzeigen oder Wahlkampfspenden.

Derzeit führt Tycoon Donald Trump in den Umfragen für die republikanischen Vorwahlen. Wie hat er das trotz seiner sexistischen und fremdenfeindlichen Sprüche geschaft?
Sicher nicht mit Geld. Er hat noch keinen Penny ausgegeben für Werbung. Er beginnt erst jetzt. Bisher hatte er viel Gratiswerbung, weil ihn die Presse liebt und ihm die Leute am Fernsehen gerne zuschauen. Und in den Vorwahlen der Republikaner geben vor allem Leute aus ländlichen Gebieten den Ton an, Weisse, Evangelikale, Immigrationsgegner, Leute aus dem Süden, die bis heute den Zeiten nachtrauern, als sie mehr zu sagen hatten als die schwarze Bevölkerung. Donald Trump ist attraktiv für diese Wähler: Er hat dieses hemdsärmelige Ich-bin-so-dumm-wie-ich-will-und-stolz-darauf-Charisma und ist bereit, schockierende Sachen über Immigranten zu sagen, die andere nur denken.

Sie werden Hillary Clinton unterstützen, die bei den Demokraten die Nomination schon auf sicher hat. Viele Kommentatoren ­sagen, dass, wenn Trump als Kandidat der Republikaner nominiert werde, Hillary ­Clinton so gut wie gewählt sei.
Das glaube ich nicht. Denn ich hätte vor sechs Monaten nie gedacht, dass Trump überhaupt so lange im Rennen ist. Aber ich hätte auch nie gedacht, dass Ronald Reagan als Präsident gewählt wird.

Ist es richtig, dass die Clinton-Familie die Demokraten über Jahrzehnte dominiert?
Das fragen Sie mich? Ich habe nichts gegen politische Dynastien . . . Mit den Clintons verbindet mich eine lange Freundschaft. Ich habe Hillary schon geholfen, als sie für den alten Sitz meines Vaters als Senatorin von New York kandidierte, sie war mal meine Nachbarin. Meine Schwester Kerry und ich engagierten uns auch in den Präsidentschaftswahlen 2008 für Hillary, als sich 90 andere Kennedys auf die Seite von Obama schlugen. Nachdem er nominiert worden war, arbeiteten aber alle für ihn.

Auch die Bushs waren insgesamt 12 Jahre im Weissen Haus. Sind die USA noch eine Demokratie oder eine Oligarchie?
Wer in einer Demokratie wie den USA einen bekannten Namen hat, hat schon einen grossen Vorsprung. Clinton, Kennedy oder Bush sind Marken. Das ist wie bei Coca-Cola: Die Leute wissen, was sie kriegen. Meine Familie kämpft für Gerechtigkeit, Frieden, Bürgerrechte und weniger Militärausgaben. Ausserdem kennen meine Cousins und Neffen viele Leute, was hilft, wenn man Präsident werden will. Auch bei den Clintons weiss man, was man bekommt: einen lösungsorientierten Pragmatismus der Mitte. Wer Bush wählt, bekommt 26 Ölmänner.

Kann ein Kennedy Republikaner werden?
Ich glaube nicht. Wenn meine Kinder Mitglied der heutigen republikanischen Partei werden, enterbe ich sie. Und das habe ich ihnen auch gesagt.

Hat man als Kennedy eine Verpflichtung, sich fürs öffentliche Wohl zu engagieren?
Auf jeden Fall. Ich habe 25 Cousins und 85 Neffen, die jeden Sommer zwei Monate auf Cape Cod miteinander verbringen. Und da werden diese Werte bekräftigt. Die einen gehen in die Politik, die andern nicht, aber alle machen etwas. Der Weg in die Politik ist heute brutal: Wer heute für den Kongress kandidiert, dem wird geraten, vier Stunden pro Tag zu telefonieren, um Geld aufzutreiben für den Wahlkampf. Beide Parteien haben Callcenter einen Block entfernt vom Kongress, wo die Abgeordneten hinrennen, kaum ist die Session zu Ende, um um Spenden zu betteln. Kein schönes Leben! Das wissen auch meine Kinder. Einige von ihnen wären wirklich begabt als Redner, und ich bin etwas enttäuscht, dass sie nicht in die Politik gehen.

Die Familie erlebte mehrere Tragödien: die Ermordung Ihres Vaters, Ihres Onkels, tödliche Unfälle, Skandale. Ist es ein Fluch oder ein Segen, ein Kennedy zu sein?
Eindeutig eine gute Sache! Jede Familie hat ihre Schicksalsschläge. Meine Mutter sagte immer: Es gibt Kinder in Harlem oder in Oakland, deren Vater erschossen wurde oder im Gefängnis sitzt, aber sie haben nicht, was du hast. Ich kann mich insofern glücklich schätzen, dass mein Vater ein Vorbild war – er starb, als er im Dienst grosser Ideale stand. Ebenso mein Onkel Jack. Ohne ihn hätte es in der Kubakrise 1962 einen Krieg gegeben, nachdem die Sowjets dort Atomraketen stationiert hatten.

Zuvor aber autorisierten die Kennedys die Invasion in der Schweinebucht. Und die USA planten mehrmals, Fidel Castro zu ermorden. Nun haben Sie öffentlich gemacht, dass JFK im Herbst 1963 insgeheim mit Castro verhandeln liess, um eine Entspannung zu erreichen. Müssen wir die Geschichte umschreiben?
Es gibt keinen Beweis, dass mein Onkel und mein Vater mit den Attentatsplänen etwas zu tun hatten. Die CIA soll für die über 500 Anschlagspläne verantwortlich sein. Allerdings versuchte mein Vater, mit der «Operation Mongoose» in Kuba einen Aufstand der Bevölkerung zu provozieren. Gleichzeitig sandte mein Onkel den Anwalt Jim Donovan nach Kuba, um über die Freilassung der gefangenen Exil-Kubaner aus der Schweinebucht zu verhandeln.

«Uns besuchte oft ein lustiger Spion. Wir Kinder liebten ihn.»

Jener Donovan, der im aktuellen Film «Bridge of Spies» von Tom Hanks gespielt wird?
Genau. Er verbrachte ein Jahr lang jedes Wochenende mit Castro. Er berichtete nach Washington, dass Castro gut geschützt, vor allem aber populär war. Überall, wo er auftauche, gebe es stürmischen Applaus. Meinem Vater und meinem Onkel wurde klar, dass ein Machtwechsel unrealistisch war und dass die CIA sie über die Lage in Kuba angelogen hatte. Die Agency hatte stets behauptet, Castro sei unzurechnungsfähig, ständig betrunken und wahnwitzig antiamerikanisch, kurz: verrückt. Nun aber erfuhren mein Onkel und mein Vater, dass Castro vernünftig, interessiert und nüchtern war. Also ein Mann, mit dem man reden konnte.

Wie kam es zur Annäherung?
Nach der Kubakrise 1962 begann mein Onkel einen geheimen Briefwechsel mit Chruschtschow. Als ich ein Kind war, besuchte uns oft ein lustiger russischer Spion. Das war Georgi Bolschakow, ein hoher KGB-Agent. Wir Kinder nannte ihn Georgi Bolschoi und liebten ihn, er machte mit uns den Kosakentanz. Und meine Mutter brachte ihn dazu, mit meinem Vater um die Wette Liegestütze zu machen. Er wurde zum Freund der Familie, das US-Aussen­ministerium und die CIA aber hassten ihn. Er schmuggelte diese Briefe direkt hin und her, ein­gewickelt in eine «New York Times».

Was stand darin?
Chruschtschow und mein Onkel realisierten, dass sie – umgeben von Kriegstreibern – im selben Boot sassen, weil sie keinen Krieg wollten. Castro wiederum war wütend auf Chruschtschow, weil er die Raketen abgezogen hatte. Zur Versöhnung lud ihn Chruschtschow nach Moskau ein und zeigte ihm die Briefe meines Onkels, worin er eine Entspannung vorschlug. Als Castro zurückkehrte, streckte er die Fühler aus.

Sie kennen Fidel Castro persönlich. Hat er Ihnen das alles erzählt?
Ja. Fortan traf er sich regelmässig im Geheimen mit Repräsentanten meines Onkels. Auch am Tag, als Jack in Dallas erschossen wurde. Als Castro während des Gesprächs davon erfuhr, sagte er: «Es ist vorbei.» So war es. Bis dahin konnte mein Vater bei Kuba mitreden. Danach durfte er das US-Aussen­ministerium nicht mehr betreten.

Vermuten Sie, dass hinter dem Attentat auf JFK Kräfte standen, die diese Détente mit Kuba verhindern wollten?
Ich weiss es nicht. Ich glaube aber, dass eine Gruppe dahintersteht. Und es ist nicht klar, ob Lee Harvey Oswald überhaupt etwas damit zu tun hat.

Heute sind Sie mit Fidel Castro befreundet. Wie kam es dazu?
Ich hab ihn ein paar Mal getroffen.

Sie waren mit ihm fischen, haben wir gehört.
Nein, wir haben nur viel übers Fischen geredet. Er ist jetzt alt und läuft mit einer Gehhilfe herum. ­Vorletzten Sommer habe ich einen Tag mit ihm ­verbracht. Castro erzählte uns, wie ihn Jacques Cousteau zum Umweltschützer machte, wie er tauchen und harpunenfischen ging. Die CIA versuchte einmal, ihn zu töten, indem sie einen Sprengsatz in eine Muschel legte. Ein andermal dachten sie über ein Geburtstagsgeschenk für Castro nach: einen ­Taucheranzug, gefüllt mit Gift.

Erstellt: 14.01.2016, 23:30 Uhr

Robert F. Kennedy

Der Name Kennedy zieht bis heute. Die Auftritte des Anwalts und Umweltaktivisten Robert F. Kennedy im Zürcher Kaufleuten diese Woche waren zweimal aus­verkauft. Der 61-jährige Vater von sieben Kindern ist der Sohn des früheren US-Justizministers und Senators Bobby Kennedy und der Neffe von Präsident John F. Kennedy. Beide waren Hoffnungsträger einer Generation und wurden Opfer von Attentaten. Die Robert F. Kennedy Human Rights Foundation Switzerland und der «Tages-Anzeiger» haben den Anlass organisiert. (TA)

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