Er hat unter Folter viel verraten – Fake-News

14 Jahre war Mohamedou Ould Slahi als Häftling in Guantánamo, ohne jede Anklage. Besuch bei einem Mann, der sein Leben nachholt.

Camp Delta in Guantánamo Bay auf Kuba – das Gefängnis, in dem bis heute angebliche Terroristen ohne Verfahren festgehalten werden. Foto: Everett Collection, Keystone

Camp Delta in Guantánamo Bay auf Kuba – das Gefängnis, in dem bis heute angebliche Terroristen ohne Verfahren festgehalten werden. Foto: Everett Collection, Keystone

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Sie brachten ihn zurück, wie sie ihn fünfzehn Jahre zuvor geholt hatten: im Frachtraum eines Transportflugzeugs, an Händen und Füssen gefesselt, orientierungslos, mit Ohrstöpseln und einer Skibrille mit schwarzen Gläsern. Die Reise in die Freiheit dauerte einen halben Tag, und als die Maschine am 17. Oktober 2016 um 14.05 Uhr westafrikanischer Zeit auf dem Boden aufsetzte, wurde aus Häftling Nummer 760 wieder Mohamedou Ould Slahi: ein freier Mann, Bürger der Islamischen Republik Mauretanien, 45 Jahre alt. Ein Drittel seines Lebens hatte er davor im Gefangenenlager Guantánamo verbracht.

Nun ist Slahi nicht mehr in einer Zelle eingesperrt, er selbst hat die Schlüssel zu einer Dreizimmerwohnung in Nouakchott, der Hauptstadt Mauretaniens. Auf den spärlich möblierten 80 Quadratmetern verbringt er die meisten Stunden des Tages in einer Art freiwilliger Gefangenschaft. Er wacht im kleinsten Zimmer auf, unter einem kastenförmig aufgespannten Moskitonetz. Sein Weg zur Arbeit ist kurz, der Schreibtisch steht im Nebenraum.

In der Wohnung ist Slahi vor der Welt sicher. Die vielen Eindrücke nach der Entlassung überforderten ihn, «an die ersten sechs Wochen habe ich kaum Erinnerungen, das verschwimmt komplett.» Sicher ist er hier auch vor den 3,9 Millionen mauretanischen Mitbürgern, die so ziemlich alle ein Selfie mit ihm wollen. Allein während eines schnell hineingeschaufelten Plat du jour im Restaurant gegenüber möchten vier Paare ein Foto machen, weil Slahi in seiner Heimat jetzt berühmter ist als jeder Schauspieler oder Sportler.

Sein einziges Ziel war die Vermeidung von Schmerz.

Aus dieser Wohnung heraus versucht er nun seinen neuen Kampf zu führen. Der Mann, der einst als Gotteskrieger nach Afghanistan zog, sagt heute: «Die Menschenrechte sind mein Jihad, Liebe und Frieden meine Botschaft.» Für Menschenrechtler weltweit, darunter viele Amerikaner, ist Slahi eine Ikone, ein lebendes Mahnmal für die Fehler der US-Regierungen, die Guantánamo ermöglicht und geduldet haben.

Eigentlich könnte Slahi jederzeit auf die geschäftige Avenue General de Gaulle treten, weiterlaufen, bis die Stadt in die Wüste ausfranst. Mauretanien ist ein riesiger Staat mit wenigen Einwohnern. Niemand würde Slahi aufhalten, keine Wache und kein Stacheldraht, bis zur Staatsgrenze. Dort wäre Schluss, verlassen darf der ehemalige Häftling 760 sein Heimatland nicht. Die Regierung Mauretaniens verweigert ihm die Ausstellung eines Reisepasses – wohl auf Druck der USA.

Mohamedou Ould Slahi: «Die Menschenrechte sind mein Jihad, Liebe und Frieden meine Botschaft.»

Der mächtigste Staat der Erde fürchtet den schmalen Mann mit der rasierten Glatze offenbar immer noch. Heute wahrscheinlich weniger wegen der Taten, die er begangen haben soll, sondern wegen dem, was Slahi nun erzählen will: Nachdem die USA ihn aus einem jordanischen Folterknast entführen liessen und auf einen Stützpunkt in Afghanistan verschleppt hatten, sperrten sie ihn 5188 Tage in Guantánamo weg.

Slahi war den USA aus mehreren Gründen verdächtig, ein Topmann al-Qaidas zu sein. Weil aber die Beweise fehlten, um ihn zu überführen, setzten die Armee, das FBI, die Geheimdienste auf ein Geständnis, zur Not auf ein erzwungenes. Slahi wurde gefoltert, bis er jeden Widerstand aufgab, über seine Torturen hat er bereits 2005 in seiner Zelle ein Buch verfasst: Das «Guantánamo-Tagebuch», zunächst als Argumentationshilfe für seine Anwälte gedacht, erschien 2015 nach langem juristischem Kampf. Es wurde in 27 Sprachen übersetzt und stand auch in den USA auf Bestsellerlisten.

Bildstrecke – Guantánamo, die Schande der USA:

Die «Lagerliteratur aus dem Mutterland der Demokratie» («Die Zeit») beschreibt teils nüchtern, teils mit Ironie die endlosen Verhöre und Demütigungen, die Slahi erlebte. Am bedrückendsten lesen sich die Passagen zu den «speziellen Verhörtechniken», die der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld für Häftling 760 persönlich anordnete: Schlafentzug und Dauerbefragungen rund um die Uhr, Isolationshaft und Zermürbung durch extreme Kälte, Schläge und sexuelle Erniedrigung. Folter, stets so ausgeführt, dass keine Spuren bleiben. Slahis Bericht deckt sich mit Untersuchungen des US-Senats zu den Praktiken in Bushs Kampf gegen den Terror. Trotzdem griffen die US-Behörden in den Text ein, schwärzten mehr als 2500 Stellen aus «Sicherheitsgründen». Manchmal fehlen einzelne Wörter, manchmal mehrere Seiten.

Als Barack Obama 2008 Präsident wurde, untersagte er die Folterpraktiken per Dekret und befahl in einem weiteren die – nie verwirklichte – Schliessung Guantánamos. Ein Richter ordnete 2010 die Freilassung Slahis an. Bis es tatsächlich so weit war, dauerte es dann weitere sechs Jahre. So sitzt Mohamedou Ould Slahi erst jetzt vor seinem Laptop und versucht, die vom Zensor in seinen Text gerissenen Lücken zu füllen, während in den USA ein neuer Präsident die Folter preist. Schliesslich gebe es da draussen viele «bad dudes», böse Typen.

«Ich war ein Revolutionär, das war sexy»

Dass Ermittler Slahi einst für einen «bad dude» hielten, verwundert nicht: Als 18-Jähriger verlässt er Mauretanien und studiert mit einem Stipendium Elektrotechnik in Duisburg, noch heute spricht er fliessend Deutsch. Im Ruhrgebiet schliesst er sich den regelversessenen und engstirnigen Salafisten an. 1991 reist er das erste Mal nach Afghanistan, um den Jihad gegen die Kommunisten zu unterstützen, Anfang 1992 ein zweites Mal. Auch die USA halfen zu jener Zeit den Jihadisten.

«Ich war ein Revolutionär, das war sexy», ­versucht Slahi sein Handeln zu erklären. Er schwor damals einer Gruppe um einen charismatischen Saudiaraber die Treue: Osama Bin Ladens al-Qaida. Als die Mujahedin sich bald gegenseitig bekämpften, habe er angewidert Afghanistan wieder verlassen und sei in sein deutsches Studentenleben zurückgekehrt, sagt Slahi heute, wie in den vielen Verhören zuvor. Er sei weiter Teil der islamistischen Szene gewesen, habe jedoch mit al-Qaida nichts mehr zu tun gehabt, mit Terrorismus ­sowieso nie etwas.

Geheimdiensten fällt er dennoch auf: 1998 bekommt er einen Anruf vom Satellitentelefon Bin ­Ladens – Slahis Ex-Schwager ist zu jener Zeit Bin ­Ladens theologischer Berater und leiht sich das Telefon für private Anrufe. Ein Jahr später lässt Slahi drei Studenten bei sich übernachten, die seine Adresse von einem Bekannten haben. Einer von ihnen ist Ramzi Binalshibh, einer der Planer des 11. September. Binalshibh wird später – wohl unter Folter – aussagen, Slahi habe ihm an diesem Abend empfohlen, in ein Ausbildungslager in Afghanistan zu gehen.

Der Vergleich mit Forrest Gump

Ob der Mauretanier nun ein Pechvogel war oder ein hoher Terrorfunktionär, wird sich wahrscheinlich nie mit absoluter Gewissheit klären lassen. Morris Davis allerdings, Colonel der US-Luftwaffe und ehemaliger Chefankläger in Guantánamo, nahm Anleihen in der Filmwelt, um die Ermittlungen gegen Slahi zu bilanzieren: «Das Endergebnis war der Konsens, dass Slahi wie Forrest Gump zufällig im Umfeld wichtiger Vorfälle auftauchte, nicht mit Absicht.»

Weil man das während der Treibjagd auf Terroristen nach dem 11. September 2001 aber nicht sehen kann oder will, zwingen die USA Mauretanien Ende 2001, ihnen Slahi auszuliefern – auch wenn es dafür keine rechtliche Grundlage gibt. An den ersten Stationen seiner Odyssee kommt er jedes Mal vorbei, wenn er seine Familie besucht, den Kopf und das halbe Gesicht mit einem Turban verhüllt, um nicht erkannt zu werden. Auf seinem Weg durch Nouakchott liegt das Gefängnis der Geheimpolizei, vor dem immer noch sein grauer Nissan Sunny mit dem Kennzeichen 4326-IF geparkt ist. Am 20. November 2001 fuhr er mit dem Auto hier vor, er war zu einer Befragung zitiert worden. Heute sind die Reifen des Wagens platt, die Frontscheibe ist eingeschlagen.

Die Fahrt geht weiter über das Gelände des alten Flughafens. Schliesslich erreicht Slahi den Stadtrand in Boudiane, wo das Haus seiner 2013 verstorbenen Mutter steht. Hier duschte Slahi, als damals die Polizisten klopften. Er sei bald wieder da, versicherte er der Mutter, die er nie wiedersah.

Das Leben mit all den Amerikanern hat ihn amerikanisch werden lassen.

Sein «Guantánamo-Tagebuch» ist auch auf Arabisch erschienen. Das Manuskript hat Slahi aber in Englisch verfasst, die Sprache hat er in der Haft gelernt, zum Zeitpunkt der Niederschrift verfügt er nach einer Zählung seines Herausgebers über etwa 7000 Vokabeln. Als die Verhörspezialisten von Guantánamo ihn gebrochen hatten, wurde Slahi zur angeblich besten Quelle der Amerikaner. Aber: «Folter garantiert nicht, dass der Häftling kooperiert», schreibt Slahi im «Guantánamo-Tagebuch». «Damit er nicht weiter misshandelt wird, muss er seinen Peiniger irgendwie zufriedenstellen, und sei es mit unwahren und oft irreführenden Informationen.»

Slahis einziges Ziel wird die Schmerzvermeidung. Wenn es die Vernehmer wünschen, belastet er sich selbst, wenn sie ihm Fragen über andere stellen, liefert er «belastende Informationen über die betreffende Person, selbst wenn ich sie gar nicht kannte». Die Berichte der Topquelle stellen sich schliesslich als nutzlos heraus. Als Slahi Guantánamo verlässt, hat es trotz unzähliger Geständnisse nicht zu einer Anklage gereicht.

Er hört Hip-Hop wie seine Wächter

Würde er nun seine Peiniger und die Menschen hassen, die Folter wieder einführen wollen, könnte man das verstehen. Andere Ex-Häftlinge suchen gar Rache auf dem Schlachtfeld, doch Slahi versucht das Gegenteil: «Ich vergebe all jenen aus vollem Herzen, die mir während der Haft Falsches angetan haben», sagte er wenige Tage nach seiner Frei­lassung in einer Videobotschaft. «Ich tue das, weil Vergebung meine unerschöpfliche Quelle ist.»

Auch wegen solcher Sätze gilt er Anti-Folter-Aktivisten als Lichtgestalt aus einer dunklen Epoche – und das, obwohl wegen all der Forrest-Gump-­haften Zufälle stets Zweifel an ihm kleben bleiben werden. Doch die meisten seiner Zuhörer glauben, dass dieser Mann zu warmherzig und zu intelligent ist, um böse sein zu können. Die Welt, von der er so lange nichts gesehen hat, stünde Slahi nun offen. Dafür aber braucht er einen Pass. Er ist sich sicher, dass er irgendwann ganz frei sein wird: «Ich werde meinen Pass bekommen», sagt Slahi. «Das Leben ist ein Katalog, aus dem ich aussuchen kann.»

5188 Tage Guantánamo Bay haben Mohamedou Ould Slahi nämlich noch auf andere Weise geprägt. Das Leben mit all den Amerikanern hat ihn amerikanisch werden lassen. Er hört Hip-Hop, wie einst seine Wächter, und er zitiert gerne aus den amerikanischen Kultfilmen, die er mit ihnen zusammen angeschaut hat.

Vor allem aber hat sich Slahi in der Haft den uramerikanischen Kniff des positiven Denkens angeeignet. Sein nächstes Werk wird ein Ratgeber- und Mutmacherbuch, das helfen soll, die Hoffnung nie aufzugeben. Der Titel: «Portable Happiness». Sein amerikanischer Literaturagent ist begeistert. Sieht so aus, als wolle Slahi die USA mit ihren eigenen Waffen schlagen.

Erstellt: 29.03.2017, 08:05 Uhr

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